Netzeitung Logo
 
Aktuelles  »  Politik  »  Ausland
DruckenVersenden
 

EU in der Krise: 

Der europäische Karren muss weiter holpern

20. Jun 2008 15:48
Schwer zu kriegen - Europa
Bild vergrößern
Die meisten Iren wussten zu wenig über den EU-Reformvertrag und sorgten sich um die Identität ihres Landes. Ein lösbares Problem, meint Tilman Steffen. Doch die notwendige, neue Volksabstimmung braucht Zeit, mehr Zeit, als bis zur Europawahl noch bleibt.

Was für ein eigenartiges Gebilde ist doch die Europäische Union. Sie gleicht einem Karren, beladen mit Holzklötzen verschiedener Arten, unterwegs zur Baustelle. Auf dem holperigen Weg fällt immer wieder einer herab, hievt man ihn wieder auf den Stapel, stürzt auf der anderen Seite einer zu Boden. Eigentlich soll aus dem Holz auf dem Karren längst ein Haus gebaut sein. Doch die Fuhre kommt nicht voran.

Die Staaten müssen sich nun überlegen, wie sie die Klötze langfristig beieinander halten. Zuletzt war Irland ausgeschert.

In Dänemark, Frankreich, Niederlande fielen keine Stämme, sondern beim Volk der Vertrag von Maastricht und die mittlerweile eingemottete EU-Verfassung durch. Den Dänen sicherte man 1992 Ausnahmen zu, so dass der Kontrakt ein Jahr später den Segen des Volkes fand. Den neuen EU-Reformvertrag strickten seine Autoren von vornherein so, dass eine Volksabstimmung in diesen Ländern unterbleiben konnte.

Nun überlegen die Staaten, wie sie den Iren den Reformvertrag schmackhaft machen könnten, den die Insulaner in einem Referendum mit 53 Prozent knapp ablehnten. Zugleich läuft EU-weit die Analyse des «No» der Iren auf Hochtouren, ebenso die Suche nach einem Ausweg aus dieser Krise. Nach der Niederlage fragte bisher kaum einer, was ein ebenso wahrscheinlicher, knapper Sieg der EU-Befürworter gebracht hätte. Ein Ja von nur 53 Prozent der Iren wäre nahezu genauso ernüchternd gewesen. Ein EU-Vertrag, der zwar formal angenommen ist, den die Hälfte eines Volkes aber ablehnt, ist eine brüchige Basis für Europa.

Es muss eine zweite Volksabstimmung her. Irland muss sie so vorbereiten, das am Ende ein überzeugendes Ergebnis steht. Problematische Winkelzüge wie die Zusage eines irischen Dauer-Kommissars in Brüssel sind dafür verzichtbar. Vielmehr muss der jüngst angetretene Premier Brian Cowen mit seiner Mannschaft die Iren von den weiteren Vorzügen der Staatengemeinschaft überzeugen.

Die meisten der Nein-Sager gaben in einer Umfrage der Kommission an, nicht genügend über den Vertrag informiert gewesen zu sein. Zu Recht, denn keiner mühte sich, das Papier in eine für die Bürger verständliche Alltagssprache zu transkribieren. Der Unterschied zu der an Frankreich und den Niederlanden gescheiterten EU-Verfassung blieb zu unklar. Zwölf Prozent wollen die irische Identität wahren, nicht wenige Prozent misstrauen schlichtweg ihren Politikern. Nur wenige sorgten sich um die Neutralität Irlands oder wollen den irischen EU-Kommissarsposten nicht hergeben.

Der Mehrheit der Uninformierten dürfte zu helfen sein. Und den Identitätszweiflern sei gesagt: Irland ist auch künftig wie jeder andere EU-Nationalstaat unverwechselbar, wenn der Vertrag einmal gültig werden sollte.

Was bleibt, ist die Zeitfrage: Premier Cowen bat in Brüssel um Geduld. Den Vertragsgegnern auf der grünen Insel steht die Laune derzeit nicht nach einem zweiten Referendum. Das Gespenst der 'United States of Europa' flößt ihnen zu viel Angst ein. Die Furcht vor einer Renaissance der Atomkraft geht um. Die Hardliner bestehen auf einem EU-Kommissar für jedes Mitgliedsland und verlangen Volksabstimmungen in jedem Land. Andererseits ist Eile geboten, denn mit der Europawahl 2009 sollte die geplante Struktur der EU Gestalt annehmen. Dieses Ziel, den Reformvertrag bis zur Europawahl durchzubringen, werden die Staaten opfern müssen. Der irische Denkzettel ist deutlich genug.

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Einigung mit Wenn und Aber: 
US-Truppenabzug aus Irak bis 2011 vereinbart
Wiederaufbau im Irak: 
Ein Geistergefängnis als Symbol
 
 
Prozess in Düsseldorf eröffnet: 
Anklage gegen «Sauerland-Terroristen» erhoben
Afghanistan: 
Angst in Kundus
 
Nach Gefangenenaustausch in Nahost: 
Hamas will deutsche Vermittler
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.