Weltweit größte Umsiedlungsaktion:
Vom Dschungelcamp in die totale Zivilisation
19. Jun 2008 23:02, ergänzt 23. Jun 2008 08:51
 |  Jahrzehntelange Proteste haben nichts genützt: Bhutanische Flüchtlinge in Nepal | Foto: AP |
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Sie kennen keinen Strom, keine U-Bahn, kein TV: Tausende Ex-Bhutaner aus Flüchtlingscamps in Nepal, die nun in den USA und Europa neu angesiedelt werden.
Antje Kraschinski berichtet über die beispiellose UN-Aktion.
„Wir verstehen niemanden und niemand versteht uns. Auf der Straße sind Riesen überall um uns herum. Die U-Bahn ist seltsam, einen Aufzug zu benutzen, auch. Alles ist fremd und beängstigend.“ Kim Maya ist 50 Jahre alt und erst vor ein paar Wochen in New York angekommen. Bis dahin kannte sie kein fließendes Wasser, keine U-Bahn und keine Apartmenthäuser. Überhaupt hatte sie von den USA keine konkrete Vorstellung, denn auch Fernsehen, Tageszeitungen oder das Internet gab es in ihrem bisherigen Leben nicht. Dennoch, so schreibt der BBC-Reporter, der Kim Maya und ihre Familie in der Bronx besuchte, ist sie voller Hoffnung für sich und ihre Kinder.
Denn trotz Kulturschock und fehlender Sprachkenntnisse kann für Kim Maya das Leben nur besser werden. Die Frau, die die New Yorker als „Riesen“ empfindet, kommt mit ihrer Familie direkt aus einem asiatischen Dschungelcamp, wo sie lange in einer Bambushütte ohne Strom und fließend Wasser lebten. Sie durften nicht arbeiten, die Menschen außerhalb des Camps waren feindlich, das Essen stets knapp.
Letzter Ausweg: Umsiedlung
Eigentlich ist Kim Maya Bhutanerin. Aber weil ihre Vorfahren einst aus Nepal eingewandert waren, entzog die bhutanische Regierung Menschen wie Kim 1985 die bhutanische Staatsangehörigkeit. Begründet mit der Kampagne „One Nation, One People“ begann das Militär des Himalaya-Königreiches Anfang der 1990er Jahre die Entrechteten aus dem Süden des Landes zu vertreiben. Es kam zu Enteignungen, willkürlichen Verhaftungen und brutalen Übergriffen. Zehntausende flohen durch das indische West-Bengalen nach Nepal, wo sie seitdem in Flüchtlingslagern untergebracht sind.
Heute leben rund 107.000 Frauen, Männer und Kinder in sieben verschiedenen Camps, viele von ihnen seit mehr als 15 Jahren. Betreut werden sie vom Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), das sich nun zu einer ungewöhnlichen Aktion entschlossen hat.
Weil sich die Regierung in Bhutan seit 1993 kategorisch weigert, die Menschen zurück ins Land zu lassen und eine Integration in das bitterarme und dazu krisengeschüttelte Nepal unmöglich ist, werden die Flüchtlinge in sogenannte Resettlement-Länder ausgeflogen und dort neu angesiedelt. Laut UNHCR ist es eine der größten Umsiedlungsaktionen von Flüchtlingen in Drittländer, die es je geben hat.
Über 20 Prozent wurde bereits im Camp geboren
Im Frühling 2008 haben die ersten Familien die Reise ins Unbekannte angetreten, bis Ende Dezember sollen 10.000 Flüchtlinge in die USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Dänemark, die Niederlande und Norwegen ziehen. Allein die Vereinigten Staaten wollen in den nächsten Jahren insgesamt 60.000 Ex-Bhutaner ins Land holen. Das klassische Einwanderungsland kann sich dabei auf ein funktionierendes System verschiedenster Organisationen stützen, das die Neuankömmlinge auffängt und in der Startphase unterstützt.
 |  Flüchtlinge vor der Ausreise am Flughafen von Kathmandu | Foto: AP |
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So erleichtern kostenlose Sprachkurse, Gesundheitsversorgung und eine Wohnung den Neuanfang. Aber alles andere müssen die neuen Bürger selbst erlernen. Rund ein Fünftel der Immigranten wurde bereits im Flüchtlingslager geboren und musste nie einkaufen gehen. Zweimal pro Monat gab es Lebensmittelpakete von der UN mit Reis, Gemüse, Linsen, Salz, Öl und Zucker. Mit diesem Erfahrungshorizont und rudimentären Sprachkenntnissen kann schon der Einkauf in einem US-Supermarkt ein Riesenproblem sein.
Proteste, Radikalisierung, Bombenattentate
Vor drei Jahren wurden nach einer Volkszählung in Bhutan erneut über 80.000 Bhutaner zu „Non-Nationals“ erklärt, die meisten von ihnen Lhotshampas, wie die Nachfahren der seit dem 19. Jahrhundert eingewanderten Nepalis genannt werden. Sie bekommen keinen Ausweis, dürfen ihren Wohnsitz nicht selbst wählen und können auch kein Unternehmen gründen. Jederzeit können sie des Landes verwiesen werden. Zudem haben sie auch kein Wahlrecht, was die Ergebnisse der ersten freien Wahlen in Bhutan im März dieses Jahres verzerrt haben dürfte. Jetzt befürchten die Betroffenen, dass die gutgemeinte Umsiedlungsaktion der Flüchtlinge die Bhutaner zu weiteren Vertreibungen anspornt, da sich die Weltgemeinschaft ja um die Opfer kümmern wird. Längst haben sich im Exil verschiedene Gruppierungen gebildet, die im Namen der Vertriebenen handeln – nicht immer zu ihrem besten. Der „Bhutan Tiger Force“, der „Bhutan Maoist Party“ und der „Communist Party of Bhutan“ werden Kontakte zu nepalesischen Rebellen nachgesagt, die ihnen auch Terror-Unterricht erteilen sollen. Tatsächlich explodierten im Januar dieses Jahres an einem Tag vier Bomben in Bhutan, eine davon in der Hauptstadt Thimphu. Anfang Juni eigneten sich erneut zwei Bombenattentate. Dabei, so berichtet die Tageszeitung „Bhutan Observer“, kam einer der Bombenleger ums Leben, ein anderer wurde schwer verletzt festgenommen. In beiden Fällen sollen Flugblätter militanter Exil-Gruppen gefunden worden sein. Und der verhaftete Juni-Attentäter soll ein registrierter Flüchtling aus dem Camp Beldangi II in Nepal sein.
Unterdrückung in Bhutan geht weiter – und keiner schaut hin
Die Weltöffentlichkeit interessiert sich offenbar nicht für die gravierenden Menschrechtsverletzungen in Bhutan und das daraus resultierende humanitäre Drama. Keine anklagenden Berichte in den großen Medien, keine telegenen Promis und auch keine UN-Resolution kritisieren das Verhalten Bhutans. Der Flüchtlingsrat von Norwegen, wo nun ebenfalls die ersten Flüchtlinge angekommen sind, machte jüngst die Medien dafür verantwortlich. Sie würden „den Mythos von einem exotischen Land des Glückes in den Bergen des Himalaya aufrecht erhalten“. Dabei stehe man vor einer „stillen Tragödie, die sich in dem medienkreierten Shangri-La ereignet.“