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EU-Gipfel in Brüssel: 

Europa will nicht depressiv werden

19. Jun 2008 07:28
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Seit dem Nein der Iren zum Reformvertrag macht in der EU wieder das böse K-Wort die Runde. Doch als Krisengipfel will Brüssel das Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs nicht verstanden wissen. Statt der eigenen steht eine andere Krise ganz oben auf dem Programm.

Der EU-Gipfel soll zeigen, dass Europa handlungsfähig bleibt und auf die Sorgen seiner Bürger hört. «Es besteht kein Grund zur Depression», beteuerte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso.

Ganz oben auf die Tagesordnung hat die slowenische EU-Ratspräsidentschaft deshalb die steigenden Lebenshaltungskosten gesetzt. «Wir werden über die politischen Auswirkungen der rapide steigenden Lebensmittel- und Erdölpreise sprechen», kündigte der slowenische Regierungschef und amtierende EU-Ratspräsident Janez Jansa im so genannten Hirtenbrief an die übrigen Regierungen an.

Die EU reagiert damit auf die steigende Inflationsrate und den zunehmenden Unmut von Unternehmen und Verbrauchern: Am Mittwoch zogen mehrere hundert Lkw-, Taxi- und Traktorfahrer durch Brüssel, um gegen den galoppierenden Diesel-Preis zu protestieren. Die politische Antwort auf die Preissteigerungen ist innerhalb der EU allerdings umstritten: Der Vorschlag des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, die Mehrwertsteuer auf Ölprodukte einzufrieren, stieß in Brüssel und auch in Berlin auf wenig Gegenliebe. Die EU-Kommission hat mittlerweile zwar erklärt, gezielte Hilfen für einkommensschwache Haushalte und besonders betroffene Wirtschaftszweige seien durchaus denkbar. Steuerermäßigungen für Ölprodukte lehnt sie aber entschieden ab.

Sarkozy, der im eigenen Land schon seit Wochen mit Protesten erboster Hochseefischer gegen die hohen Spritpreise zu kämpfen hat, will sich so schnell aber nicht geschlagen geben. Der französische Präsident werde auf dem Gipfel darauf beharren, dass die Idee einer Deckelung der Mehrwertsteuer-Einnahmen auf Öl zumindest von der Kommission geprüft werde, verlautete am Mittwoch aus Diplomatenkreisen in Brüssel. «Der Präsident hält es nicht für gerechtfertigt, dass mit dem Ölpreis auch die Steuerlast ständig steigt», sagte ein französischer Beamter.

Die EU-Kommission hält dem entgegen, Steuersenkungen wären «das falsche Signal an die Erdöl produzierenden Länder». Diese könnten den Eindruck gewinnen, dass höhere Preise letztlich der europäische Steuerzahler abfedern werde, heißt es in einem in der vergangenen Woche veröffentlichten Kommissionspapier. Die Brüsseler Behörde setzt deshalb eher auf langfristige Antworten wie eine Steigerung der Energie-Effizienz. Als konkrete Soforthilfe ließ sie sich bislang nur einfallen, den protestierenden Fischern Prämien für das Einmotten ihrer Boote anzubieten. Schließlich sei das eigentliche Problem der Branche, das es zu viele Fischer gebe, erklärte der zuständige EU-Kommissar Joe Borg.

Das ist nüchtern betrachtet richtig. In den Ohren der Betroffenen aber muss das Hilfsangebot der Kommission wie blanker Hohn klingen - und so droht ausgerechnet die Debatte über den hohen Ölpreis die Kluft zwischen Brüssel und den Bürgern eher zu vertiefen denn zu schließen.

Zeitplan wäre gut

Damit schließt sich der Kreis. Denn das Nein der Iren, soviel darf auch ohne umfassende Wahlanalyse schon als gesichert gelten, ist vor allem auf ein wachsendes Unverständnis zwischen Bevölkerung und politischer Klasse zurückzuführen. Die für den Dialog mit den Bürgern zuständige EU-Kommissarin Margot Wallström sieht darum die wichtigste Aufgabe des Gipfels darin, «herauszufinden, was die Iren befürchten und was sie hoffen». Die slowenische EU-Ratspräsidentschaft hat den irischen Ministerpräsidenten Brian Cowen gebeten, am Donnerstag beim gemeinsamen Abendessen der Staats- und Regierungschefs darüber Auskunft zu geben.

Trotz aller Respektsbezeugungen für das Votum der irischen Wähler lassen die meisten Regierungen allerdings keinen Zweifel daran, dass sie am Reformvertrag festhalten wollen. Als optimales Ergebnis für den Gipfel hofft ein ranghoher Brüsseler Diplomat, dass sich alle 27 Staats- und Regierungschefs gemeinsam für eine Fortsetzung des Ratifizierungsprozesses aussprechen. Noch besser wäre es, so verlautete aus Berliner Regierungskreisen, wenn schon ein Zeitplan über das weitere Vorgehen verabschiedet werden könnte.

Eine Fortsetzung des Ratifizierungsprozesses allerdings würde dem Vertrag nur nützen, wenn er letztlich auch in Irland doch noch angenommen wird - und das ginge nur mit einem zweiten Referendum. Diese Option allerdings ist mit den Versprechen einer größeren Bürgernähe nur schwer vereinbar. Der Philosoph Jürgen Habermas fand in einem Beitrag für die «Süddeutsche Zeitung» harte Worte für eine mögliche Wiederholung der Volksabstimmung: «Das ist der pure Zynismus der Macher gegenüber dem verbal bezeugten Respekt vor dem Wähler.» (Barbara Schäder, AP)

 
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