17. Jun 2008 12:15
Zwar hat sich 40 Jahre nach dem Ende der Sklaverei die Lage für viele Afroamerikaner in den USA verbessert. Dennoch kritisiert der schwarze Politiker Jesse Jackson: «Wir sind frei, aber wir sind nicht gleich».
150 Jahre nach dem «offiziellen» Ende der Sklaverei, gut vier Jahrzehnte nach der Bürgerrechtsbewegung sind Errungenschaften wie Wahlrecht und gleiche Rechte für Afroamerikaner längst selbstverständlich, gilt rassistische Diskriminierung als illegal und als Tabu, und die Schranken zwischen Schwarz und Weiß werden zusehends niedriger und zusehends durchlässiger - doch schmerzlich spürbar sind sie immer noch. «Wir sind eine bessere Nation geworden», kommentiert der schwarze Politiker Jesse Jackson mit Blick auf den erreichten Fortschritt. Doch im selben Atemzug fügt er hinzu: «Wir sind frei, aber wir sind nicht gleich.» Das «gelobte Land«, das der Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King kurz vor seiner Ermordung 1968 am Horizont wähnte - es liegt immer noch in weiter Ferne.
In der Hauptstadt Washington wie in vielen anderen Städten gibt es nach wie vor Wohnviertel, in denen so gut wie kein Schwarzer lebt; und es gibt Gegenden, die jeder Weiße füglich meidet. Auch Kirchen oder Schulen werden in der Regel von der einen oder anderen Bevölkerungsgruppe besucht. Statt vom «melting pot» - dem Schmelztiegel der Kulturen - könnte man von Parallelwelten sprechen. Die USA, «ein Land, in dem rassistisches Misstrauen tief verwurzelt und oftmals unausgesprochen ist», kommentierte die «New York Times» kürzlich. Immer wieder kommt es zu Übergriffen, brechen Konflikte aus, bei denen Misstrauen und Hass durchscheinen. Zwei Beispiele: In New York wurden unlängst drei Polizisten freigesprochen, die einen unbewaffneten Schwarzen erschossen hatten. Was darüber hinaus empörte: Einer der Beamten, ein Weißer, hatte seine leergeschossene Waffe erneut durchgeladen und 31 Schüsse auf das Opfer abgegeben. In Jena im US-Bundesstaat Louisiana setzte sich ein schwarzer Schüler in der Pause unter einen Baum, der «für Weiße reserviert» war. Am nächsten Tag hingen drei Stricke mit Schlingen - Symbol des Rassenhasses in den Südstaaten - von den Ästen.
«Wir leben in einer gerechteren und offeneren Gesellschaft als vor 45 Jahren», meint Harold Ford, Vorsitzender des Democratic Leadership Council. Das heiße aber nicht, dass die Rassenschranken überwunden seien. Schranken gibt es auch beim ganz persönlichen Zusammenleben: Schwarz-weiße Paare sind nach wie eine Seltenheit, auch bei jungen Leuten. Zwar gaben 60 Prozent der Amerikaner jüngst bei einer Umfrage an, sie wären einverstanden, wenn ihre Tochter mit einem Schwarzen ausginge - aber ein Drittel lehnt eine solche Liaison noch immer ab.
Immer umstrittener werden in den USA die gezielten Fördermaßnahmen für Schwarze, etwa Quoten an Schulen und Universitäten zur gezielten Aufnahme von Minderheiten oder Pluspunkte für Afroamerikaner bei Prüfungen. Im Grunde, schreibt der schwarze Journalist Shelby Steele, seien dies Folgewirkungen des «weißen Schuldbewusstseins». Seine Kritik: «Seitdem profitieren Schwarze überall im Land von dieser systematischen Wiedergutmachung - auch wenn sie eine Diskriminierung nie erlebt haben». Vor allem aber würden sich Schwarze so immer wieder in ihrer «Opferrolle« sehen. Längst gibt es auch andere Stimmen: Der populäre schwarze Schauspieler Bill Cosby etwa machte vor einigen Jahren mit einem Buch Schlagzeilen, in denen er Lethargie und Versäumnisse der schwarzen Unterschichten anprangerte. «Wir können nicht mehr die weißen Leute für alles verantwortlich machen.» Cosby redet Eltern der schwarzen Unterschicht ins Gewissen, sich mehr um die Erziehung ihrer Kinder zu kümmern, wirft afroamerikanischen Männern vor, allzu häufig ihre Familien mit kleinen Kindern zu verlassen und hält Schwarzen insgesamt vor, sich allzu leicht mit den chronischen Übeln wie Drogensucht und hoher Kriminalitätsrate abzufinden.
Cosby brach ein Tabu, als er Schwarze öffentlich aufrief, nicht stets die Weißen für ihre eigenen Probleme verantwortlich zu machen. «Es geht nicht darum, was sie (die Weißen) uns antun. Es geht darum, was wir nicht tun.» (Von Peer Meinert/dpa)