Nach dem Votum der Iren:
Das Undenkbare wird denkbar
15.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Beispiele für eine verstärkte Zusammenarbeit in Europa gibt es schon länger. Bei der Gemeinschaftswährung Euro etwa machen derzeit 15 Staaten einschließlich Irlands und demnächst auch die Slowakei mit. Der Schengenzone, die kontrollfreies Reisen in Europa erlaubt, haben sich Iren und Briten nicht angeschlossen. Dafür sind die Nicht-EU-Länder Norwegen, Island und bald auch die Schweiz dabei.
«Wir müssen uns hüten, den leichtesten Weg zu wählen», mahnte Belgiens Ex-Premier Guy Verhofstadt in seinem Buch «Die Vereinigten Staaten von Europa». Er schlug schon nach dem Nein der Franzosen und Niederländer zur EU-Verfassung die Initiative einer Kerngruppe vor: «Entweder wir lassen Europa zu einer bloßen Freihandelszone verkommen oder wir wenden uns erneut dem Traum der europäischen Bürger zu und entscheiden uns für ein politisches, ein neues Europa.»
Die Belgier haben in ihrem Sprachenstreit schon viel politische Fantasie entwickelt. Das beweisen sie nun im Falle der Iren. «Für die extreme Frage, ob Irland aus der Union austreten muss, ist es noch viel zu früh», meint Verhofstadts Vorgänger Jean-Luc Dehaene. «Aber es stellt sich die Frage, ob Europa noch mit voller Einstimmigkeit vorwärtskommt und nicht Formeln nötig sind, um mit einem Teil der Mitgliedstaaten voranzugehen, wenn andere auf der Stelle treten.»
«Ich will jetzt endlich klare Entscheidungen», sagt auch der grüne Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit. Er fordert im Magazin «Der Spiegel» einen Kern aus Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Polen «und allen, die dazugehören wollen»: «Mit denen, die nur einen erweiterten Markt wollen und keine engverbundene politische Union, betreiben wir dann eine Art privilegierte Partnerschaft.» Das könnte sogar die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei entschärfen.
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat (CDU) die Europäische Union zu mehr Transparenz bei ihren Entscheidungen aufgerufen. Als einen Schritt zu mehr Bürgernähe schlug Schäuble auch die Direktwahl des künftigen EU-Ratspräsidenten vor. «Ich wäre auch dafür, dass wir eines Tages den Präsidenten des Europäischen Rats, diese künftige europäische Führungspersönlichkeit, in einer europäischen Wahl wählen», sagte der Minister der Zeitung «Welt am Sonntag».
Schäuble zeigte sich überzeugt, «dass wir in Europa insgesamt eine klare Mehrheit für den Fortgang der europäischen Einigung haben». Nach seinen Worten mögen die Menschen einzelne Aspekte der Brüsseler Politik nicht, etwa weil sie nicht transparent genug ist.
Die britische Regierung hat die Idee eines «Europa der zwei Geschwindigkeiten» kritisiert. «Das war die Agenda von 1990, nicht die des 21. Jahrhunderts», sagte der britische Außenminister David Miliband am Sonntag dem Sender BBC. Der Vorschlag von einem Europa, das in eine «erste, zweite und dritte Abteilung» gegliedert sei, «stimmt nicht mit der heutigen Realität überein».
Die britische Regierung steht nach dem Nein der Iren wieder verstärkt unter Druck, weil sie - anders als vor der Wahl 2005 versprochen - den Vertrag im Parlament und nicht vom Volk billigen lässt. Die Opposition wiederholte am Wochenende die Forderungen nach einem Referendum in Großbritannien. (dpa)

