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Tagesthema Afghanistan: 

«Bin Laden war mein Nachbar»

11. Jun 2008 14:50
Reinhard Erös mit afghanischen Schülerinnen bei der Eröffnung der Peter Ustinov Schule
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Angst vor den Taliban hat er nicht. Vielmehr fürchtet Reinhard Erös, von den Amerikanern mit ihnen verwechselt zu werden. Der Gründer der Kinderhilfe Afghanistan reist seit mehr als 20 Jahren in das Land. Für die Netzeitung räumt er mit gängigen Vorurteilen auf.

Langes Hemd, Pluderhose, Chitrali. Mit dieser Tracht samt typischer Kopfbedeckung könnte der Mann glatt als Afghane durchgehen. Reinhard Erös schmunzelt: «Ich habe mehr Angst, dass die Amerikaner mich mit einem Taliban verwechseln als anders herum. Denn für die Amerikaner sehen wir aus wie Afghanen und sind damit verdächtig», sagt er - und wirkt dabei nachdenklich.

Erös kennt das Land seit vielen Jahren. Und seine Einwohner: Schon Mitte der 1980er Jahre lebte er in Peschawar, in unmittelbarer Nachbarschaft von Osama bin Laden, dem er damals mehrere Male begegnete. Bin Laden war seinerzeit Chef einer «ominösen arabischen Hilfsorganisation», erinnert sich Erös. Dass der bärtige Kämpfer dereinst zum meistgesuchten Terroristen werden würde, ahnte Erös freilich nicht.

Mit seiner Frau Annette und seinen fünf Kindern gründete der 60-Jährige vor zehn Jahren die Initiative «Kinderhilfe Afghanistan». Gemeinsam mit den Afghanen baut er Schulen, Kinderheime, Gesundheitszentren. Oder Waisenhäuser. 2002 trat Erös vorzeitig in den Ruhestand, um sich ganz seiner Arbeit in Afghanistan widmen zu können. Zuvor war er als Arzt bei der Bundeswehr tätig. Inzwischen hält sich Erös sechs Monate im Jahr am Hindukusch auf.

Erös kennt die Taliban lange und weiß, wie er sich verhalten muss. «Verhalte dich so, wie die Einheimischen es tun», rät er. Mit den Afghanen abgesprochene Projekte würden, «von den Feinden des Friedens und des Fortschritts», wie der afghanische Präsident Hamid Karsai die Aufständischen nennt, nicht angegriffen.

Reinhard Erös über den Status der Taliban.(0:46 Min.)

Projekte der Einheimischen würden nicht als Fremdkörper betrachtet, fügte er hinzu. Noch nie sei eine Schule, die er bauen ließ, angriffen worden. Auch seiner Familie sei in Afghanistan bislang nichts passiert.

Einsatzerfahrener Helfer

Für die Vereinten Nationen und andere Hilfsorganisationen gilt Erös, Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse, mit seinen Auslandseinsätzen unter anderem in Ruanda, Ost-Timor, Bosnien und Kosovo als erfahrener Experte und Helfer in Krisenregionen.

Reinhard Erös verarztet Taliban-Angehörige in einer Höhle in Ost-Afghanistan
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Erös arrangiert sich mit den Einheimischen und spricht alles mit ihnen ab. «Wir sind dort und helfen, weil die Afghanen darum gebeten haben.» Gegenseitiges Vertrauen. Schon während der sowjetischen Besatzung ließ er sich von der Bundeswehr beurlauben und half verletzen Afghanen in den Höhlenkliniken von Tora Bora - legal war das nicht.


Reinhard Erös: «Die Afghanen sind keine Außerirdischen.» (0:38 Min.)

Kritik übt Erös an Hilfsorganisationen, die für ihre Bauprojekte nur ausländische Arbeitskräfte einsetzen: «In Afghanistan liegt die Arbeitslosigkeit wahrscheinlich bei 80 Prozent. Ich erlebe es oft, dass junge Männer auf der Straße stehen, die Hände in den Taschen, weil sie nichts zu tun haben.» Und vor den Augen dieser Leute bauten pakistanische, türkische und chinesische Firmen Straßen, anstatt die heimische Bevölkerung zu beschäftigten.

«Afghanistan dauert länger, als der gesamte 2.Weltkrieg.» (0:44 Min.)

Deshalb werde sich die Situation in Afghanistan weiter zuspitzen, warnt der frühere Oberstarzt: «Wir hatten noch nie so viele tote Soldaten, so viele tote Zivilisten und so viele Selbstmordanschläge wie in diesem Jahr. Von 2006 auf 2007 verdoppelte sich die Anzahl. Für das laufende Jahr rechnet er erneut mit einer Verdoppelung.

«Wir steuern auf ein Desaster hin!» (1:04 Min.)

Erös, der zwei Bücher über Afghanistan geschrieben hat, wird seine Mission fortsetzen. «Ich werde so lange in das Land fahren», verspricht er, «wie meine Hilfe hier gebraucht wird.» Und so lange wird er wohl Pluderhosen, langes Hemd und Chitrali tragen.

Mit Reinhard Erös sprach Maren Wittge


 
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