03.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Josette Sheeran
Foto: World Food Programme
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Als Josette Sheeran ihr Chefamt beim UN-Ernährungsprogramm antrat, dachte sie, sie habe noch «Zeit zur Vorbereitung» auf steigende Nahrungsmittelpreise. In ihrem Gastbeitrag beschreibt Sheeran, wieso die Preisexplosion dennoch ihr Gutes hat.
Der Hunger hat ein neues Gesicht. Menschen, die noch vor Monaten keinerlei Unterstützung brauchten, sind nun dringend auf Hilfe angewiesen.
Der Preis für Reis ist um 75 Prozent allein in den vergangenen zwei Monaten gestiegen, der Weizenpreis um 120 Prozent im letzten Jahr das trifft vor allem die Ärmsten der Welt hart. «Anpassungsfähigkeit» wird benötigt, doch für Menschen, die mit weniger als 50 Cent am Tag auskommen müssen, bleiben nicht viele Möglichkeiten.
Die Weltbank schätzt, dass die rasant steigenden Preise zusätzliche 100 Millionen Menschen in extreme Armut stürzen werden und 33 Länder destabilisieren können. Joachim von Braun, der Direktor des International Food Policy Research Institute (IFPRI), weist darauf hin, dass Entwicklungsländer, insbesondere wenn sie netto Nahrungsmittelimporteure sind, am stärksten betroffen sein werden: «Das Weltnahrungssystem steckt in einer Krise. Die Brandherde von Ernährungskrisen werden sein, wo hohe Nahrungsmittelpreise mit Wetterdesastern oder politischen Krisen zusammen kommen. Dies ist das perfekte Drehbuch in die Katastrophe.»
Nachdem ich im letzten Jahr mein Amt bei WFP angetreten hatte, sprach ich von einem möglichem «Sturm», dem «perfect storm» der die Ärmsten der Welt treffen würde. Ich dachte, wir hätten einige Jahre Zeit zur Vorbereitung. Doch seit Juni 2007 steigen die Preise noch schneller, so dass der Preis, den WFP im Schnitt für Getreide zahlt, zwischen Juni 2007 und Februar 2008 um 55 Prozent gestiegen ist. Diese Entwicklung setzt sich fort. Am 3. März 2008 zahlte WFP in Asien noch 460 Dollar für eine Tonne Reis, Mitte April waren es bereits 780 Dollar. Ich glaube, wir befinden uns jetzt im Auge des Sturms. Und viele Experten prophezeien, dass er uns noch einige Zeit begleiten wird.
Angebot und NachfrageVerschiedene Faktoren kommen zusammen, die die rasant steigenden Preise auslösen. Im Kern ist es eine Frage von Angebot und Nachfrage. So ist etwa der Reiskonsum in den vergangenen Jahrzehnten über die Produktion hinausgewachsen, wodurch die weltweiten Reisreserven seit 2000 um die Hälfte gesunken sind. Das Nahrungsmittelangebot ist relativ unflexibel und von vielen unberechenbaren Faktoren wie dem Wetter abhängig. Fünf Gründe für die hohen Preise stellen die Welt vor große Herausforderungen, bieten aber auch Möglichkeiten.
Der
erste Grund ist der wirtschaftlich Aufschwung in mehreren Entwicklungsländern. Menschen in aufstrebenden Volkswirtschaften wie China, Indien, Brasilien oder auch in Afrika verändern ihre Essgewohnheiten, so wie es Menschen schon immer gemacht haben, wenn sie mehr Wohlstand erlangen. Dies nimmt viel Getreide vom Markt, da zum Beispiel für die Produktion von einem Kilo Fleisch sieben Kilo Getreide benötigt werden. Die steigende Nachfrage hat etwa dazu geführt, dass sich China praktisch über Nacht von einem der weltweit größten Maisexporteure zu einem Maisimporteur entwickelt hat.
Der zweite Grund sind die hohen Ölpreise, die einen noch nie da gewesenes Niveau erreicht haben. Dadurch steigen die Produktionskosten für Nahrungsmittel auf allen Eben der Produktion für Düngemittel, für den Treibstoff zum pflügen, pflanzen und ernten, für die Lagerung und den Transport.
Verflechtung der MärkteDer
dritte Grund ist die weltweite Verflechtung von Nahrungs- und Energiemärkten. Wie Landwirte auf der ganzen Welt wissen, haben die verbesserten Produktionstechniken zur Gewinnung von Biosprit und Biodiesel in Verbindung mit dem hohen Ölpreis dazu geführt, dass Nahrungsmittel als Rohstoffe für die industrielle Verwertung viel attraktiver geworden sind.
Der vierte Grund liegt in vermehrt auftretenden extremen Wetterereignissen. Nach Angaben des USAID Office of Foreign Disaster Assistance gibt es jährlich im Schnitt zwischen 400 und 500 Naturkatastrophen, während es in den 1980er Jahren nur durchschnittlich 125 waren. Dies betrifft WFP stark: Noch in den 1980er Jahren arbeitete WFP zu 80 Prozent in der Entwicklungshilfe und nur zu 20 Prozent in der Nothilfe. Dieses Verhältnis hat sich umgedreht 80 Prozent unserer Arbeit ist heute Nothilfe, oft als Reaktion auf Naturkatastrophen.
Chance für arme BauernSchließlich hat auch der dramatische Zuwachs auf den Finanzmärkten bei Termin- und Deckungsgeschäften zur Instabilität der Preise beigetragen. Dies wird durch politische Maßnahmen verschärft, die in einigen Ländern Exporte verhindern: Ein Drittel der Weizenproduzenten der Welt haben Exporte verboten.
Aber die hohen Preise für Nahrungsmittel sind auch eine Chance für arme Bauern in Lateinamerika, Asien und Afrika. Siebzig Prozent der afrikanischen Bauern sind Frauen, die meist mehr Risiko tragen als alle anderen Bauern auf der Welt, obwohl sie weniger Profit mit ihrer Arbeit erzielen können als andere. Tatsächlich sind knapp die Hälfte der Hungernden der Welt marginalisierte Bauern, die wenig oder keinen Zugang zu Düngemitteln, Saatgut, Landmaschinen, Krediten, Märkten oder Vertriebswegen haben. Vielleicht ist nun endlich die Stunde des afrikanischen Bauers gekommen.
WarnungWir sollten die aktuelle Nahrungsmittelkrise als Warnung verstehen. Die Krise ist ein Anreiz, die Agrarpolitik und die Investitionen in diesem Sektor zu revolutionieren, sowie Zugang zu den Technologien zu fördern, die den Hunger in der Welt ein für alle Mal besiegen können.
Josette Sheeran ist Exekutivdirektorin des UN-Welternährungsprogramms World Food Programme (WFP). WFP ist als größte humanitäre Organisation der Welt für die Nahrungsmittelhilfe der Vereinten Nationen verantwortlich. Sheerans Gastbeitrag ist aus einer Rede entstanden, die sie kürzlich in Washington hielt.