Tagesthema Welternährung: 

netzeitung.deErst der Tank, dann der Teller

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Hungernde Kinder auf den Philippinen (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Hungernde Kinder auf den Philippinen
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Preise für Nahrungsmittel sind weltweit rasant in Bewegung geraten - nach oben. Die Folge: Hunger wird mehr als je zuvor zum Problem. Die Vorsitzende der Welthungerhilfe, Ingeborg Schäuble , sieht das «Menschenrecht auf Nahrung» in Gefahr.

Die Verzweiflung treibt sie auf die Straße. Tausende Menschen demonstrieren in Haiti, Angola, Mexiko und Indonesien gegen explosionsartig gestiegene Nahrungsmittelpreise. In vielen Teilen der Welt können sich Menschen ihr tägliches Brot nicht mehr leisten, denn allein im letzten halben Jahr verdoppelte sich der Preis für Getreide. Für rund 980 Millionen Menschen in Entwicklungsländern, die mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen müssen, verschärft dies den Kampf ums Überleben und bedeutet für viele Hunger.

Die Ursachen für diese explodierende Preisentwicklung sind vielfältig: Die weltweiten Getreidereserven sind auf einen Tiefstand gefallen, Dürren und Überschwemmungen vernichten in vielen Ländern des Südens die Ernten, die Nachfrage nach Getreide der wachstumsstarken Länder Indien und China stieg enorm an, ebenso wie die Nachfrage nach Fleisch und damit nach Futter-Getreide in diesen Ländern.

Nicht zuletzt lösten Rekordpreise für Erdöl einen Run auf Biokraftstoffe aus. Statt Getreide werden nun Ölsaaten in riesigen Monokulturen angebaut. Für Landlose und Arme bedeutet dies eine Katastrophe, denn sich können sich nicht mehr ausreichend Nahrungsmittel leisten.

Reisrationen in Darfur gekürzt
Das Welternährungsprogramm und Hilfsorganisationen haben schon Alarm geschlagen, denn ihr Budget reicht angesichts der Preissteigerungen nicht mehr
aus, um ausreichend Nahrungsmittel zu beschaffen. So musste bereits in der sudanesischen Krisenregion Darfur die schon zuvor minimale Maisration von 221 Gramm pro Tag für Flüchtlinge noch weiter reduziert werden. Das bedeutet, dass sich Flüchtlinge außerhalb der relativ sicheren Flüchtlingslager nach Nahrungsmitteln umsehen müssen.

Der Preisanstieg von Grundnahrungsmitteln erweist sich auch als massives Entwicklungshemmnis. Wenn zunehmend wieder Nahrungsmittelhilfe notwendig ist, bleiben weniger Mittel für die Bekämpfung der Ursachen von Hunger durch Hilfe zur Selbsthilfe. Allerdings bieten höhere Preise für Getreide den Bauern, die über Land und Marktzugang verfügen, auch eine Chance. Es lohnt sich für sie Getreide anzubauen, das nicht wie bisher mit den subventionierten Nahrungsmittelimporten der Industrieländer konkurrieren muss.
Bauern müssen ausgebildet werden
Zur gesicherten Versorgung der Menschen in Entwicklungsländern sowie weltweit braucht es, was wir schon immer gefordert haben: vermehrte Investitionen in die Landwirtschaft und die ländlichen Räume. Das bedeutet Geld für Straßenbau, Bewässerungssysteme, angepasstes Saatgut, Düngemittel und Werkzeuge. Ebenso wichtig ist die Aus- und Fortbildung von Bauern, damit diese zu einer verbesserten Ernährungssituation lokal aber auch überregional beitragen können.

Der Preis für Lebensmittel wird weiter steigen, auch hierzulande. Wirklich unaufhaltsam? Jedes Bemühen zählt, das Problem zu entschärfen. Vor allem sollten Biotreibstoffe keine Alternative dafür sein, Energie zu sparen. „Erst der Tank und dann der Teller“ darf nicht zur Devise werden. Ungebremster Konsum mehrt den Hunger und verletzt das Menschenrecht auf Nahrung.

Ingeborg Schäuble ist Vorsitzende der Welthungerhilfe