Vorwürfe von Ex-Sprecher:
Bush hat für Irakkrieg getrickst und betrogen
28. Mai 2008 19:55
 |  Scott McClellan verkaufte eine Politik, die er heute anprangert | Foto: dpa |
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Die Anschuldigungen sind nicht neu, aber dass sie von einem ehemaligen Vertrauten von US-Präsident Bush stammen, verschafft ihnen Brisanz. Systematisch habe das Weiße Haus die Öffentlichkeit hinters Licht geführt.
Das Timing hat Symbolcharakter. «Memorial Day» ist gerade zu Ende, US-Präsident George W. Bush hatte sich vor den Kriegstoten verbeugt, da ließ der ehemalige Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, die Bombe platzen. Schlimmere Vorwürfe können von einem ehemaligen Vertrauten gegen «seinen» Präsidenten kaum erhoben werden.
Im Klartext gipfelt das neue Buch McClellans in der Anklage, der Präsident der mächtigsten Nation der Welt habe den Irakkrieg mit Tricks, Manipulationen und einer Strategie des «totalen Betrugs» bewusst und absichtlich herbeigeführt. Die Vorwürfe sind so ungeheuerlich, dass das Weiße Haus klarstellte, dass Bush darauf gar nicht erst einzugehen gedenke - dem designierten republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain könnten die Vorwürfe dagegen schwer schaden.
Schockwellen über Washington
Die «Bombe» (TV-Sender CNN) hat eine derartige Brisanz, dass sie sogar Top-News über den Vorwahlkampf in die zweite Reihe drängt. Zwar soll das 341-Seiten-Buch erst am Montag in die Läden kommen, doch führende US-Medien waren schon am Mittwoch mit Exemplaren versorgt. Was sie daraus zitieren, ist atemberaubend. Bush habe die Öffentlichkeit in Sachen Irakkrieg systematisch hinters Licht geführt. Statt den Konflikt zu verhindern, habe der Präsident «die Krise so gemanagt (...), dass so gut wie garantiert war, dass der Krieg als einzige machbare Möglichkeit übrig blieb». CNN brachte es so auf den Punkt: «McClellan hat Schockwellen über Washington ausgelöst.»
Die schärfsten Gegner des Irakkrieges und Bush-Kritiker können sich bestätigt fühlen. Zwar sind viele Vorwürfe nicht ganz neu, wohl aber, dass sie von einem langjährigen, engsten Vertrauten in aller Länge publik gemacht werden. Bush und McClellan waren «Buddies» (Kumpels) aus alten Texas Zeiten, noch bei seiner Verabschiedung vor zwei Jahren lobte Bush die «Klasse und die Integrität» des Sprechers.
Cheney als Strippenzieher und «Zauberer»
Es gab schon viele enge Mitarbeiter, die sich in den vergangenen Monaten vom zusehends unpopulären Bush abgesetzt hatten, manche äußerten sich kritisch über den alten Chef - doch niemand hat ihm so ungeschminkt Versagen und Betrug vorgeworfen. Statt politischer Substanz und sachlich-professioneller Abwägung hätten Bush und seine Mannen eine «politische Propaganda-Kampagne» geführt. Strippenzieher hinter den Kulissen sei Vizepräsident Dick Cheney gewesen, den McClellan als einen «Zauberer» beschreibt, der Politik macht, ohne dabei Fingerabdrücke zu hinterlassen.
«Selling the War» (Den Krieg verkaufen) ist eines der Schlüsselkapitel überschrieben. Das Fazit des Buches heißt kurz und vernichtend: «Der Irakkrieg war nicht notwendig.» Selbst vor Persönlichem macht der Autor nicht halt. Laut «Washington Post» erzählt er in dem Buch, wie er im Wahlkampf 2000 ein Telefongespräch Bushs gehört habe, in dem dieser meinte, er «könne sich nicht erinnern, ob er Kokain nahm». Wie kann das sein?, habe sich der Autor entsetzt gefragt.
Vorwürfe auch für McCain ein Problem
Das Weiße Haus war fast sprachlos. «Wir sind verwirrt. Es ist traurig», ist so gut wie alles, was die Sprecherin öffentlich zu sagen hat. Doch andere frühere Mitarbeiter Bushs springen ihrem Ex- Dienstchef zur Seite. So wirft Fran Townsen, ehemalige Chefberaterin für Innere Sicherheit, dem Autor McClellan vor, niemals Widerspruch gegen Bush Kriegstreiberei eingelegt zu haben. «So viel wie ich weiß, hat er niemals den Mund aufgemacht.» Schwere Sorge muss sich jetzt der designierte republikanische Präsidentschaftskandidat McCain machen. Der 71-jährige Vietnamveteran fürchtet seit längerem, dass der lange Schatten des ungeliebten Präsidenten ihm die Wahl im November vermasseln könnte. McCain tritt im Gegensatz zu den demokratischen Bewerbern Barack Obama und Hillary Clinton für ein längeres Verbleiben der US-Truppen im Irak ein. Eine weitere Unterstützung für das «Abenteuer Irak» könnte McCain jetzt noch mehr Stimmen kosten. (Peer Meinert, dpa)