Gewalt in Großbritannien: 

netzeitung.deEnglands junge Messermörder

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"Kinder töten Kinder": trauernde Eltern (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe "Kinder töten Kinder": trauernde Eltern
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ihre Waffen holen manche aus dem heimischen Küchenschrank. Dann gehen sie mit der Gang auf Gleichaltrige los. 14 Jugendliche starben in London seit Jahresanfang. Ein Politiker warnt Bewaffnete: «Euch wird man töten».

Die Londoner «Sun» fasste die Lage per Schlagzeile so zusammen: «Kinder töten Kinder». Von einem «Krieg der Teenager» ist in Medien des Inselkönigreichs die Rede, und von einer «Epidemie tödlicher Jugendgewalt». Die Regierung lässt ihren Polizei-Staatssekretär Tony McNulty allen Jugendlichen, die sich mit Messern bewaffnen, drohen: «Euch wird man töten oder ihr landet im Knast!»

Die Zahlen allein jagen so manchem eine Gänsehaut über den Rücken: Keine acht Minuten vergehen, ohne dass nicht irgendwo auf den britischen Inseln ein Verbrechen mit einem Messer verübt wird. In keinem anderen Land der Europäischen Union ist für Bürger und Besucher die Gefahr, Opfer eines bewaffneten Angriffs zu werden, so groß wie im Vereinigten Königreich. Das hat das Zentrum für Verbrechens- und Justizstudien am Londoner King's College vorgerechnet.

Mord als Eignungstest
2007 starben bei Angriffen allein in London 26 Teenager; die meisten wurden erstochen, neun kamen durch Schüsse um. Am Ende dieses Jahres könnten es noch mehr sein. Allein bis Dienstag wurden seit Jahresbeginn 2008 in der britischen Metropole bereits 14 Teenager umgebracht. Oft spielten Rivalitäten von Jugendbanden eine Rolle. Bei manchen Morden gab es Anzeichen dafür, dass sie als Eignungstest für die Aufnahme in eine Gang verübt wurden.

Mehr noch als durch Statistiken ist die Öffentlichkeit durch die furchtbaren Schicksale der Opfer erschüttert. Ihre Gesichter und ihre Namen sind oft im ganzen Land bekannt: Rhys Jones zum Beispiel, der freundliche kleine Fußballfan aus Liverpool. Er war erst elf, als er bei Ballspiel von einem jugendlichen Schützen, der mit einem BMX-Rad ankam, ohne erkennbaren Grund ermordet wurde.

Harry-Potter darsteller erstochen
Oder Rob Knox, ein sanfter und liebenswerter Jungschauspieler. Gerade erst hatte er als Kleindarsteller in der Rolle des Magie-Studenten Marcus Belby die Dreharbeiten für den Film «Harry Potter und der Halbblut-Prinz» beendet. Er träumte von einer Kinokarriere. Dass Rob seinen 17-jährigen Bruder vor einem Pub in London gegen einen Angreifer mit einem Messer verteidigen wollte, wurde ihm am Wochenende zum Verhängnis. Der mutmaßliche Täter, ein 21-jähriger Arbeitsloser, soll so lange auf Rob eingestochen haben, bis er ohnmächtig in einer Blutlache lag.

Es vergingen keine 48 Stunden, bis eine weitere Schreckensnachricht aus dem «Teenager-Krieg» die Briten heimsuchte: In einem Park bei Dewsbury in Nordengland wurde die grausam zugerichtete Leiche des 17-jährigen Amar Aslam entdeckt. Dieser Fall ist einer der schlimmsten, denn die Täter – mehrere verdächtigte Jugendliche saßen am Dienstag in Untersuchungshaft – sollen den Teenager mit Holzknüppeln langsam zu Tode geprügelt haben. Angeblich filmten sie die Bluttat auch noch mit einem Video-Handy.

Zu viel Verständnis? Mehr Polizisten?
Politiker der Regierung wie Innenministerin Jacqui Smith und der konservativen Opposition wie Londons neuer Bürgermeister Boris Johnson werfen sich gegenseitig vor, das Problem mit falschen Konzepten anzugehen. Viel zu viel Verständnis würde die Labour-Regierung für Jungstraftäter aufbringen, heißt es bei den Tories. Noch mehr Polizisten in den U-Bahnen und auf den Straßen sei bloßer Populismus und könne die tiefer liegenden Probleme nicht lösen, heißt es im Regierungslager.

Viele Briten stimmten nun einer 76-jährigen Großmutter zu, die auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufmerksam machte: Immer weniger Kindern werde das Bewusstsein von Verantwortung für sich selbst und Respekt vor anderen vermittelt. «So gerät unsere Gesellschaft außer Kontrolle», sagte Margaret Knox, die Oma des erstochenen Rob, unter Tränen. Als Sofortmaßnahme müsse die Polizei endlich dazu übergehen, «jeden einzusperren, der eine Waffe bei sich trägt».

Keine Experimente
Ähnlich sieht das Norman Brennan, Direktor der Bürgerinitiative Victims of Crime Trust, die sich um Angehörige von Gewaltopfern kümmert. Die Zeit für «Milde und soziale Experimente» sei vorbei. «Wir müssen endlich die Städte zurückgewinnen, die von Leuten mit Pistolen und Messern kontrolliert werden.» (dpa)