Kinder in Europa: 

netzeitung.deDeutsche Familienpolitik nur Mittelmaß

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Kinder in einer Kita (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Kinder in einer Kita
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Mit gestaffelten Kindergeld und höherem Kinderzuschlag will Familienministerin von der Leyen die Kinderarmut in Deutschland bekämpfen. Die Netzeitung warf einen Blick auf die Familienpolitik der europäischen Nachbarn.

Der jüngste Unicef-Bericht über Kinderarmut in Deutschland hat die Diskussion um die Familienpolitik der Bundesrepublik neu entfacht. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) kündigte eine Reihe von Maßnahmen an, um die Kinderarmut in Deutschland zu bekämpfen. Dabei will sich die Ministerin mit dem weiteren Ausbau der Kinderbetreuung vor allem auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf konzentrieren: «Wenn Eltern Arbeit haben, dann ist das die beste Armutsverhinderung, die ein Staat leisten kann.»

Dennoch wird Deutschland den europäischen Durchschnitt in der Betreuung von Kindern unter drei Jahren erst in fünf Jahren erreichen. Wie eine andere Familienpolitik aussehen kann, zeigt ein Blick auf die europäischen Nachbarn.

Musterland Schweden
Schweden gehört nach wie vor zu den Vorzeigeländern Europas. Das Land hat bereits in den 70er Jahren die Weichen in seiner Familienpolitik neu gestellt. So investiert der Staat gut 70 Prozent des Familienetats in den Ausbau von Kinderbetreuung und der Altenpflege; nur ein Drittel des Budgets fließt als direkte Zahlung an die Eltern.

Hinter der schwedischen Familienpolitik steht das Leitbild, das Mann und Frau gleichgestellt sein sollen. Entsprechend fördert der Staat den Zwei-Verdiener-Haushalt. In Schweden sind rund 80 Prozent der Frauen berufstätig – in Deutschland nur 65 Prozent. Für etwa 50 Prozent der Kinder unter drei Jahren gibt es Betreuungsplätze. Damit belegt Schweden eine Spitzenplatz in Europa.

Daneben gibt es schon seit Jahren das Elterngeld, welches in Deutschland erst Anfang 2007 eingeführt wurde. Der Staat bezahlt 13 Monate lang 80 Prozent des Bruttolohnes für denjenigen, der sich zu Hause um das Kind kümmert. Für die restlichen 20 Prozent kommt häufig der Betrieb auf. Wegen wachsender Kritik, der Staat fördere nur Eltern, die ihre Kinder abgeben und arbeiten gehen, hat die Regierung Anfang 2008 eine monatliche finanzielle Unterstützung eingeführt: Eltern, deren Kinder in den ersten Jahren zu Hause bleiben, erhalten monatlich 300 Euro.

Außerdem zahlt der Staat ein allgemeines Kindergeld bis zum 16. Lebensjahr des Kindes. Familien mit mehreren Kindern erhalten eine zusätzliche Unterstützung. Die familien- und kinderfreundliche Politik schlägt sich auch in der Geburtenrate von 1,66 Kinder je Frau nieder - in Deutschland liegt die Geburtenrate bei knapp 1,4 und in Frankreich bei 1,98.

Familiengeld in Frankreich seit 1898
Deutsche Familienpolitiker schauen deshalb auch immer wieder nach Frankreich. Unser westlicher Nachbar führte bereits 1898 ein Familiengeld ein. Als die Geburtenzahlen Anfang der 90er Jahre zurückgingen, führte die Regierung Anreize ein, um die Geburtenrate zu steigern. So profitieren Familien von Steuererleichterungen, wenn sie eine Person zur Kinderbetreuung im Haushalt beschäftigen. Ab dem dritten Kind können Frauen einen doppelt so langen Mutterschutzurlaub in Anspruch nehmen, das heißt bei vollem Lohnausgleich können Mütter 26 Wochen zu Hause bleiben. Auch für Väter gibt es einen Vaterschaftsurlaub.

Frankreich bietet zudem ein umfassendes Angebot an Betreuungseinrichtungen wie Kinderkrippen, kostenfreie Kindergärten und Ganztagsschulen. Für 41 Prozent der Kleinkinder gibt es inzwischen einen Krippenplatz. Darüber hinaus fördert die Regierung auch Tagesmütter: Sie sind im Unterschied zu Deutschland sozialversichert und erhalten einen Mindestlohn. Außerdem bietet Frankreich Vätern und Müttern ein weiteren umfangreichen Katalog finanzieller Hilfen wie Kindergeld, Familienzulagen, Geburtsbeihilfen, Schulbeginnhilfen und Alleinerziehendenhilfe.

Italien tut wenig für seine Familien

In Italien haben es Familien dagegen schwerer als in Frankreich und Schweden. Entgegen dem Klischee vom kinderfreundlichen Italien gibt das Land von seinem Budget für Soziales nur 4,4 Prozent für seine Familien aus - das ist halb soviel wie im EU-Durchschnitt. So bekommen erst Familien mit drei und mehr Kindern Kindergeld; abhängig vom Jahreseinkommen der Familie.

In Italien hat nicht einmal die Hälfte der Mütter eine Arbeit, Väter stellen dagegen nur selten ihre Arbeit zurück, um sich der Kindererziehung zu widmen. Hinzu kommt das mangelnde Angebot an Betreuungsplätzen. Italien zählt im europäischen Vergleich zu den Schlusslichtern: Nur rund 30 Prozent der Gemeinden bieten überhaupt Krippenplätze. Und damit nicht genug: Viele Familien können sich Kinderbetreuung gar nicht leisten, da die Plätze kostenpflichtig sind und vom Staat nicht gefördert werden. Mit 1,33 Kindern pro Frau hat Italien deshalb wohl auch die niedrigste Geburtenrate Europas.

Großbritannien: So wenig Staat wie möglich
Unter der früheren britischen Premierministerin Margaret Thatcher galt Familie in Großbritannien noch als reine Privatsache. Unter der Regierung Tony Blair wurden allerdings aufgrund der hohen Kinderarmut und sinkender Geburtenraten eine Reihe familienpolitischer Maßnahmen initiiert. Lange Zeit war die einzige familienpolitische Leistung das Kindergeld, das inzwischen allerdings ausgebaut und erhöht wurde.

Staatliche Maßnahmen der Betreuung kleiner Kinder sind jedoch vorrangig auf einkommenschwache Haushalte ausgerichtet, während besserverdienende Eltern die für ihre Berufstätigkeit erforderliche Betreuung großenteils privat organisieren. So gibt es in Großbritannien relativ wenige öffentliche Betreuungseinrichtungen für Kinder unterhalb des Schulalters. Familien sind deshalb auf teure private Plätze angewiesen.

Seit 2003 besteht Anspruch auf eine 26-wöchige teilweise bezahlte Elternzeit und eine daran anschließende unbezahlte Elternzeit von nochmals 26 Wochen. Elterngeld existiert nicht, lediglich eine einmalige Mutterschaftshilfe bei Armut.


Für das Web ediert von Michaela Duhr