Überraschung auf EU-Lateinamerika-Gipfel:
Chávez sucht Merkels Nähe
16.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Als Spitze der Läuterung soll der Präsident auch noch geäußert haben, er habe mit seinen Aussagen die Kanzlerin nicht beleidigen wollen. Zur Erinnerung: Gerade einmal rund 18 Stunden zuvor hatte der Linkspopulist noch seinem Volk erklärt, Merkel besitze keinen Verstand.
Letztlich war Merkel in diesem Augenblick wahrscheinlich ganz froh, dass mit dem Handschlag die Sache mit Chávez erst einmal seinen Abschluss gefunden hatte. Für sie hatte das Ganze - trotz der unglaublichen Angriffe des Manns aus Caracas - schon viel zu großen Raum auf ihrer Lateinamerika-Reise eingenommen. Am Morgen schien sie während des Trips zum ersten Mal richtig genervt, als ihr schon wieder die Frage gestellt worden war, was sie auf dem Gipfel von Chávez erwarte.
Auch Brasiliens Staatschef Luiz Inácion Lula da Silva, der eigentlich seine Hand über Chávez hält, hatte in den Gesprächen mit Merkel wenig Verständnis für seinen nördlichen Nachbarn gezeigt. Perus Staatspräsident Alan García hatte am Donnerstag sogar Chávez frontal angegriffen und ihm gesagt, es tue ihm leid, was der Venezolaner über die Kanzlerin sage.
Die saß dann bei der Eröffnung praktisch auf einem Ehrenplatz - gleich neben García und EU-Präsident José Manuel Barroso. Schon dies symbolisierte, dass Merkel auf diesem Gipfel so etwas wie die erste unter den gleichen angereisten europäischen Staats- und Regierungschef war.
Es ging der Kanzlerin vor allem um das Symbol, dass die Europäer an dem Subkontinent wieder mehr interessiert sind. Der Gipfel sei die «Chance, dass sich beide Kontinente näherkommen», sagte sie in Lima. Merkel wollte den einen oder anderen Präsidenten auch einmal näher kennenlernen.
So war auch ein Treffen mit Boliviens Staatschef Evo Morales vereinbart. Die Begegnung mit dem ersten Indio-Staatschef des Subkontinents sollte nebenbei auch den daheim erhobenen Vorwurf entkräften, dass sie das neue linkssozialistische Führungspersonal links liegen lässt.
Morales gilt in Europa als Gefolgsmann von Chávez, weil er wie Venezuelas Linkspopulist auf eine sozialistische Gesellschaftsordnung hinsteuert. Merkel wollte ausloten, ob diese Kategorisierung wirklich zutrifft. Vielleicht hatte auch das Chávez beeindruckt und ihn zu seiner Wende im Verhältnis zu Merkel animiert. (Ulrich Scharlack und Jan-Uwe Ronneburger, dpa)

