Überraschung auf EU-Lateinamerika-Gipfel:
Chávez sucht Merkels Nähe
16. Mai 2008 18:55, ergänzt 20:45
 |  Die Begegnung von Hugo Chávez mit Angela Merkel ließ sich nicht vermeiden | Foto: AP |
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Was passiert, wenn Kanzlerin Merkel und Venezuelas Präsident Chávez an der gleichen Veranstaltung teilnehmen? Letzter gab sich erstaunlich unbefangen - so als hätte er nicht noch vor wenigen Stunden gepöbelt.
Der Handschlag des Manns aus Caracas ist aus deutscher Sicht die Szene des EU-Lateinamerika-Gipfels. Aber die wundersame Wandlung des Hugo Chávez fangen die vielen Fernsehkameras an diesem Freitagvormittag in Perus Hauptstadt Lima zunächst nicht ein.
Doch schon kurz danach wird dann von mehreren Augenzeugen bestätigt, dass Venezuelas umstrittener Präsident tatsächlich auf die deutsche Kanzlerin zugegangen sei und Angela Merkel die Hand geschüttelt habe. Und dies gleich zweimal. Einmal, bevor sich die 60 Staatsrepräsentanten zum tradionellen Familienfoto vor dem Nationalmuseum zusammenfanden und dann noch einmal danach, nach dem guten deutschen Motto: Doppelt hält besser. Als Spitze der Läuterung soll der Präsident auch noch geäußert haben, er habe mit seinen Aussagen die Kanzlerin nicht beleidigen wollen. Zur Erinnerung: Gerade einmal rund 18 Stunden zuvor hatte der Linkspopulist noch seinem Volk erklärt, Merkel besitze keinen Verstand.
Merkel reagiert mit breitem Lächeln
Merkel nahm Chávez die Angriffe nicht allzu krumm, wie einer der Häupter Europas, der mit den beiden auf dem Podium stand, berichtete. Spontan habe die Kanzlerin, die von Chávez ja immerhin auch in die Nähe Hitlers gerückt worden war, gesagt: Nun gut, jetzt machen wir auch ein Foto. Und auf diesem ist zu sehen, wie der bullige Ex- Militär mit breitem Lächeln sogar beide Hände fast behütend um die Rechte der Kanzlerin legt. Merkel straht. Letztlich war Merkel in diesem Augenblick wahrscheinlich ganz froh, dass mit dem Handschlag die Sache mit Chávez erst einmal seinen Abschluss gefunden hatte. Für sie hatte das Ganze - trotz der unglaublichen Angriffe des Manns aus Caracas - schon viel zu großen Raum auf ihrer Lateinamerika-Reise eingenommen. Am Morgen schien sie während des Trips zum ersten Mal richtig genervt, als ihr schon wieder die Frage gestellt worden war, was sie auf dem Gipfel von Chávez erwarte.
Kritik von Chávez' Kollegen
Was Chávez, der zum Gipfel adrett in blauem Anzug mit roter Krawatte statt in seinem ganz roten Revolutions-Hemd erschienen war, nun zu seiner Geste veranlasst hatte, blieb zunächst sein Geheimnis. Vielleicht hatten ihm einige seiner Kollegen aus dem Kontinent zu verstehen gegeben, dass sein Verhalten reichlich dumm gewesen sei. Auch Brasiliens Staatschef Luiz Inácion Lula da Silva, der eigentlich seine Hand über Chávez hält, hatte in den Gesprächen mit Merkel wenig Verständnis für seinen nördlichen Nachbarn gezeigt. Perus Staatspräsident Alan García hatte am Donnerstag sogar Chávez frontal angegriffen und ihm gesagt, es tue ihm leid, was der Venezolaner über die Kanzlerin sage.
Die saß dann bei der Eröffnung praktisch auf einem Ehrenplatz - gleich neben García und EU-Präsident José Manuel Barroso. Schon dies symbolisierte, dass Merkel auf diesem Gipfel so etwas wie die erste unter den gleichen angereisten europäischen Staats- und Regierungschef war.
Symbolischer Erfolg
Überhaupt: Dass sie an diesem Tag die Staatsrepräsentanten aus 60 Ländern - 33 aus Lateinamerika und 27 aus der EU, zusammengefunden hatte, war im Grunde schon das wichtigste Ereignis dieses Gipfels. Bis kurz vor Beginn hatten die Unterhändler noch an der Abschlusserklärung gefeilt. Aber allzu große Neuigkeiten wurden darin nicht hineingeschrieben. Die Überschrift war das nun wenig überraschende Bekenntnis, dass die EU und Lateinamerika ihre Partnerschaft vertiefen wollen. Allein wegen der Ergebnisse hätte sich die lange Reise nicht gelohnt. Es ging der Kanzlerin vor allem um das Symbol, dass die Europäer an dem Subkontinent wieder mehr interessiert sind. Der Gipfel sei die «Chance, dass sich beide Kontinente näherkommen», sagte sie in Lima. Merkel wollte den einen oder anderen Präsidenten auch einmal näher kennenlernen.
So war auch ein Treffen mit Boliviens Staatschef Evo Morales vereinbart. Die Begegnung mit dem ersten Indio-Staatschef des Subkontinents sollte nebenbei auch den daheim erhobenen Vorwurf entkräften, dass sie das neue linkssozialistische Führungspersonal links liegen lässt.
Morales gilt in Europa als Gefolgsmann von Chávez, weil er wie Venezuelas Linkspopulist auf eine sozialistische Gesellschaftsordnung hinsteuert. Merkel wollte ausloten, ob diese Kategorisierung wirklich zutrifft. Vielleicht hatte auch das Chávez beeindruckt und ihn zu seiner Wende im Verhältnis zu Merkel animiert. (Ulrich Scharlack und Jan-Uwe Ronneburger, dpa)