Nach dem Erdbeben: 

netzeitung.de«Mandat des Himmels» für Chinas KP ist erschüttert

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Wen Jiabao, der chinesische Regierungschef (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Wen Jiabao, der chinesische Regierungschef
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Das Erdbeben wird von manchen Chinesen als Zeichen höherer Mächte gedeutet: Nämlich dass die Tage der derzeitigen Herrscher gezählt seien. Einstweilen bemüht sich Regierungschef Wen Jiabao um den patriotischen Schulterschluss.

Drei Monate vor den Olympischen Spielen in Peking hat das schwere Erdbeben mit tausenden Toten auch das «Mandat des Himmels» für die kommunistische Führung erschüttert. Erst die Proteste der Tibeter, wachsender Unmut im Volk über drastisch steigende Preise, jetzt auch noch das schlimme Erdbeben. Solche Naturkatastrophen und Volksaufstände sind in der langen chinesischen Geschichte häufig als Zeichen gedeutet worden, dass der Himmel den Herrschenden vielleicht das Mandat zur Machtausübung entziehen will und ihre Tage gezählt sein könnten. Das schwere Erdbeben geschah ausgerechnet auch noch in der tibetisch bewohnten südwestchinesischen Präfektur Aba, die vor ein paar Wochen durch Proteste buddhistischer Mönche und Todesschüsse chinesischer Sicherheitskräfte in der Welt bekanntgeworden war.

In einer solchen Krise ist schnelles politisches Handeln geboten, das weiß Wen Jiabao. Sofort setzte sich der Regierungschef in ein Flugzeug und machte sich auf den Weg in die schwer betroffene Provinz Sichuan. In der Not muss die kommunistische Führung demonstrativ an der Seite des leidenden Volkes stehen. «Alles, was wir tun, ist, dem Volk zu dienen», sagte Wen Jiabao vom Flugzeug aus in einer Rede an die Nation, die das Staatsfernsehen verbreitete. Da der schmächtige, eher sanft wirkende Regierungschef diese gigantische Aufgabe nicht alleine stemmen kann, appellierte Wen Jiabao an alle Funktionäre, mit anzupacken, um alles für die Opfer zu tun. Er weiß: Viel steht auf dem Spiel, denn in der konfuzianischen Staatsdoktrin kann ein «schlechter» Herrscher schnell seine Legitimation verlieren.
Maos Todeskampf und das Erdbeben von 1976
Die Erinnerung an das verheerende Beben vor 32 Jahren in der Stadt Tangshan unweit von Peking ist heute noch bei den politisch Verantwortlichen wach. Mindestens 242.000 Menschen kamen damals ums Leben. Es gibt auch viel höhere Schätzungen. Bedeutend war das Beben in Tangshan, weil vorher im selben Jahr der im Volk geliebte Ministerpräsident Zhou Enlai gestorben war. Als die Erde in Tangshan zitterte und die Stadt vernichtet wurde, lag der «ewige Revolutionär» Mao Tsetung in Peking auf seinem Todesbett. Es tobte ein Machtkampf in der Partei. Das Beben, das auch Chinas Hauptstadt stark in Mitleidenschaft zog, wurde als Omen gesehen, dass Mao Tsetungs Tage gezählt waren.

Tatsächlich starb Mao Tsetung, der das Land 1949 zwar zur heutigen Volksrepublik geeint, aber dann in immer neue, verheerende Kampagnen gestürzt hatte, nur sechs Wochen später. Zunächst griff die ultralinke «Viererbande» um seine Frau nach der Macht, lehnte sogar ausländische Hilfe für die Erdbebenopfer ab, um zu demonstrieren, dass China auf eigenen Füßen stehen könne. Die Lage verschlimmerte sich damit aber noch. Maos Nachfolger Hua Guofeng nahm sich dann aber des Schicksals der Opfer an, erntete viele Sympathien und konnte die «Viererbande» entmachten.

Aufbruch in eine neue Zeit
Die Katastrophe trug damit letztendlich zum Ende der Kulturrevolution bei, die das Land zehn Jahre lang ins Chaos gestürzt hatte. Es war der Aufbruch in eine neue Zeit. Deng Xiaoping konnte sich durchsetzen und seit 1978 seine Reform- und Öffnungspolitik auf den Weg bringen, der China seinen Aufstieg zur Wirtschaftsmacht verdankt. Bis heute gilt vielen Chinesen das Erdbeben von Tangshan und das unheilvolle Jahr 1976 als das Jahr der politischen Wende.

Diese Lehren der Geschichte haben allerdings auch Regierungschef Wen Jiabao und Staats- und Parteichef Hu Jintao verinnerlicht. Vor fünf Jahren sind sie als Spitze der neuen Führungsgeneration an die Macht gekommen sind. Seither sind sie darauf bedacht, dem Volk nahe zu sein und alte revolutionäre Bescheidenheit zu zeigen. Im Umgang mit den Protesten der Tibeter haben sie zwar eine harte Hand, aber auch zumindest taktisch politisches Geschick bewiesen. Mit ihrer Bereitschaft zum Dialog mit dem Dalai Lama haben sie den Konflikt zumindest mittelfristig entschärft. Doch nicht nur die geforderten kommunistischen Machthaber in Peking fragen sich heute, welche Überraschung das olympische Jahr noch auf Lager hat. (Von Andreas Landwehr, dpa)