Nach dem Zyklon:
Regime in Birma lockert Helfer-Sperre leicht
12. Mai 2008 11:15, ergänzt 12:54
 |  Die meisten Güter wollen die Militärs immer noch selbst verteilen | Foto: dpa |
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Nach dem umstrittenen Referendum lassen die Generäle offenbar mehr Hilfskräfte in die am schwersten betroffenen Landesteile. Auch die ersten Versorgungsgüter aus den USA sind eingetroffen. An der katastrophalen Lage ändert das wenig.
Im Katastrophengebiet von Birma ist die erste Hilfslieferung aus den Vereinigten Staaten eingetroffen. Eine Militärmaschine mit mehreren Tonnen Versorgungsgütern landete am Montag in Rangun. Für Dienstag wurden zwei weitere US-Flüge genehmigt. Insgesamt lässt die Junta nur wenige internationale Helfer ins Land, auch wenn die Einschränkungen gelockert wurden.
Angesichts der katastrophalen Lage hat die EU-Kommission eine Dringlichkeitssitzung der EU-Entwicklungshilfeminister an diesem Dienstag in Brüssel einberufen. Das Ausmaß der Zerstörungen und der nötigen Hilfe sei gewaltig, sagte EU-Entwicklungshilfekommissar Louis Michel am Montag in Brüssel.
Treffen der EU-Enwicklungshilfeminister anberaumt
Ziel des Treffens sei es, die Nothilfe der EU-Staaten zu verstärken. Außerdem gehe es um eine verbesserte Koordinierung der Hilfsleistungen. Michel, der früher Außenminister Belgiens war, kündigte an, er werde direkt nach dem Treffen nach Birma reisen und dort mit der Regierung sprechen. «Es ist unsere Absicht, eng mit den Behörden in Birma zusammenzuarbeiten, um die Leiden der von dem Zyklon getroffenen Bevölkerung zu lindern.»
Nach dem Verfassungsreferendum lockerte die Militärregierung die Einschränkungen für internationale Helfer offenbar leicht. Einige Hilfskräfte aus dem Ausland seien auch in die am schwersten betroffenen Gebiete hineingelassen worden, sagte Alexander Richter vom Johanniter-Hilfswerk aus Rangun am Sonntag. Auch deutsche Mitarbeiter der Johanniter hätten die Militärkontrollen passieren können. Wegen der Verzögerungen internationaler Hilfslieferungen organisiere die Bevölkerung des südostasiatischen Landes selbst Unterstützung für die betroffenen Gebiete, sagte Richter. Einheimische kauften große Mengen Nahrung, um sie an Bedürftige in der Katastrophenregion zu übergeben. «Ich finde es sehr beeindruckend, dass die Leute selbst anfangen, sich zu organisieren und Lebensmittel zu verteilen», sagte Richter.
Jubel für Helfer
Mit großem Jubel hat die Bevölkerung in Birma am Wochenende Mitarbeiter der Hilfsorganisation Malteser im Irrawaddy-Flussdelta begrüßt. Das achtköpfige Team habe in der Küstenstadt Labutta eine Nothilfe-Klinik in Betrieb genommen, teilte das Hilfswerk am Montag mit. Der Lkw mit Medikamenten, Nahrungsmitteln, Wasserentkeimungstabletten, Verbandsmaterial und Plastikplanen sowie zwei Begleitfahrzeuge hätten den Weg von Rangun in die Delta-Region ohne Behinderungen zurücklegen können, erklärte das Hilfswerk.«Wir sind sehr froh, dass wir nun als eine der ersten Organisationen in dieser am schwersten betroffenen Region Hilfe leisten können», erklärte der Leiter von Malteser International, Ingo Radtke. In der neu eingerichteten Klinik im Haus einer Mitarbeiterin versorgen demnach zwei Ärzte und eine Krankenschwester die Verletzten und verteilen Medikamente gegen Durchfall- und Atemwegserkrankungen. Ein weiterer einheimischer Experte kümmere sich um die Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser, erklärte das Hilfswerk. Außerdem verteilten die Helfer Nahrungsmittel und Plastikplanen für den Bau von Notunterkünften.
Schutz in Klöstern
Weitere Hilfsgüter-Transporte sollen in den kommenden Tagen nach Labutta aufbrechen. Auch der deutsche Diakonie-Mitarbeiter Peter Rottach gelangte in das am schwersten vom Zyklon «Nargis» getroffene Flussdelta. Der Experte berichtete jedoch weiterhin von starken Beschränkungen für westliche Helfer: Es sei ihnen untersagt, an der Verteilung von Hilfsgütern teilzunehmen. «Im Irrawaddy-Delta sind manche Dörfer zu 100 Prozent zerstört», sagte Rottach. Noch immer würden Leichen und Viehkadaver aus Flüssen geborgen. Hilfsgüter erreichten die Opfer nur langsam, die Verteilung laufe zum Teil völlig chaotisch.
Hunderte Menschen haben im Irrawaddy-Delta in Klöstern Schutz gesucht, wo sie auf dem Fußboden schlafen. Andere übernachteten im Freien und tranken das schmutzige Wasser, das mit Fäkalien oder Kadavern verseucht war. «Bisher haben wir genug Wasser, weil wir Regen aufgefangen haben», sagte der Abt eines Klosters in Pyapon, U Patanyale. «Aber wir haben nichts mehr zu essen.»
Scharfe Kritik von Amnesty International
Die Menschenrechtsorganisation amnesty international (ai) hat die Blockadehaltung der Militärregierung in Birma scharf kritisiert. Die Junta müsse unverzüglich ausländische Hilfskräfte und -lieferungen in die Katastrophengebiete lassen, forderte die deutsche ai-Sektion am Montag auf ihrer Jahresversammlung in Hamburg. Das Verfassungsreferendum der Junta am Wochenende kritisierten die rund 700 Delegierten als intransparent. Zudem gewährleiste der Verfassungsentwurf Menschenrechte und Grundfreiheiten nur sehr eingeschränkt. «Mit ihrem Verhalten verstoßen die machthabenden Generäle gegen grundlegende Menschenrechte wie das Recht auf Leben, das Recht auf Gesundheit, Wasser, Nahrung und Wohnung», kritisierte ai-Vorstandssprecher Stefan Keßler. Zudem forderte er, die Junta müsse die birmanische Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi und die fast zweitausend weiteren gewaltlosen politischen Gefangenen sofort freilassen.
20 Prozent der Kinder mit Durchfall
Unicef zufolge sind in einigen Gebieten bis zu 20 Prozent der Kinder an Durchfall erkrankt. Die birmanische Regierung beharrt darauf, die Hilfsgüter weitgehend selbst zu verteilen. Es gab Berichte, dass auf die Kisten die Namen führender Generäle geschrieben wurden - ein offenkundiger Versuch, aus der internationalen Unterstützung propagandistisches Kapital zu schlagen. (AP/dpa)