Hunderttausende Birmaner in Lebensgefahr:
Hilfsorganisationen warnen vor Seuchen
11. Mai 2008 09:36, ergänzt 12:04
 |  Die Menschen in Birma sind von Seuchen bedroht | Foto: dpa |
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Die Militärjunta in Birma weigert sich weiterhin, ausländische Helfer einreisen zu lassen. Hilfsorganisationen warnen vor einem Massensterben durch Cholera, Typhus und Diphterie. Lokalen Ärzten zufolge ist die Situation außer Kontrolle.
Nach dem verheerenden Wirbelsturm «Nargis» in Birma vor einer Woche ist nach Einschätzung der britischen Hilfsorganisation Oxfam das Leben von bis zu 1,5 Millionen Menschen akut durch Seuchen gefährdet. Sollten die Überlebenden nicht schnell sauberes Wasser und Zugang zu sanitären Einrichtungen erhalten, drohe ihnen der Tod, sagte die Regionaldirektorin von Oxfam, Sarah Ireland, in Thailand. Es seien «alle Faktoren» für eine Katastrophe vorhanden.
Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) will vier Wasseraufbereitungsanlagen nach Birma schicken, hat bislang allerdings keine Visa für die Helfer bekommen. Sauberes Trinkwasser gilt im Katastrophenfall als eines der wichtigsten Mittel, um den Ausbruch von Seuchen zu verhindern. Ein Erkundungsteam des Internationalen Roten Kreuzes befindet sich seit Donnerstag in Birma um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen, unter ihnen auch der Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes Bernd Schell.Die Regionalkoordinatorin für das DRK in Bangkok, Karina Lehmann sagte der Netzeitung, dass rund 220.000 Menschen bereits mit Hilfsgütern erreicht worden sind, darunter 80.000 über das Rote Kreuz. Das myanmarische Rote Kreuz wird von der Militärjunta als nationale Organisation wahrgenommen und ist deshalb mit der Verteilung von Hilfsgütern betraut, so Lehmann. Für Sonntag und Montag plant das DRK weitere Hilfsflüge mit rund 20 Tonnen an Hilfsgütern, darunter Moskitonetze, Wasserkanister und Notunterkünfte.
Das Hilfswerk World Vision Australien sprach von einem «Wettlauf gegen die Zeit». Die Zahl der Toten könne sich auf bis zu 100.000 erhöhen und wegen der schlechten Versorgungslage weiter um das Fünfzehnfache steigen, sagte Ireland am Sonntag. Nach Angaben der Militärregierung hat «Nargis» rund 23.300 Menschen das Leben gekostet, 37.000 werden vermisst.In Birma warten weiter hunderttausende Zyklon-Opfer verzweifelt auf Hilfe. Das Irrawaddy-Delta an der Südküste gleiche einem riesigen Ödland aus Schlamm, berichtete ein BBC-Reporter, der sich mit Kamera eingeschlichen hatte. «Die Situation ist völlig außer Kontrolle», sagte der Arzt Saw Simon Tha in einem Krankenhaus, das ohne Strom und Wasser versucht, tausenden Verzweifelten zu helfen.
Hunderte lagen dort dicht gedrängt und oft nur noch halb bei Bewusstsein auf dem Boden. Viele Menschen kommen mit gebrochenen Knochen und inzwischen schwer entzündeten Wunden. «Wir haben unzählig viele Patienten und keine Medikamente.» Die Militärjunta weist unterdessen Vorwürfe zurück, die Hilfe erreiche die Opfer nicht. Das seien alles Gerüchte, sagte der stellvertretende Außenminister U Kyaw Thu nach einem Bericht des Staatsorgans «Neues Licht von Birma», das jede Menge Bilder von angeblich eintreffenden Flugzeugen mit Hilfsgütern zeigte. Alles werde umgehend ins Katastrophengebiet gebracht. Erstmals seit dem Zyklon tauchte auch Juntachef Than Shwe im staatlichen birmanischen Fernsehen auf: nicht beim Trostspenden für Opfer oder der Verteilung von Hilfsgütern, sondern bei der Stimmabgabe für die neue Verfassung, mit der das Militär seine Macht auf Jahre hinaus zementieren will.
Zahl der Opfer unklar
Die Zahl der Opfer ist auch eine Woche nach dem Desaster noch immer unklar. Die Vereinten Nationen schließen bis zu 100.000 Todesopfer nicht aus, Hilfsorganisationen gehen schon von einer noch größeren Zahl aus. Die Regierung spricht offiziell noch von 23.000 Toten und 37.000 Vermissten.
«Mehr als 100.000 Menschen sind wahrscheinlich tot, und alles deutet auf eine weitere Katastrophe hin, die diese Zahl um ein 15-faches erhöhen könnte», sagte die Regionaldirektorin der Hilfsorganisation Oxfam für Ostasien, Sarah Ireland, am Sonntag in Bangkok.Die Opfer des Zyklons seien schon geschwächt, weil es nicht genug zu Essen gebe und sie verseuchtes Wasser trinken müssten, sagte Ireland. Damit wachse die Gefahr von Cholera- und Typhusausbrüchen täglich. Zudem säßen viele Menschen, die alles verloren haben, in Notunterkünften auf engstem Raum zusammen. Dort bestehe große Gefahr für die Ausbreitung von Masern, Lungenentzündung und Diphtherie.
Malaria und Dengue-Fieber drohen
In den Überschwemmungsgebieten brüteten jetzt Milliarden von Fliegen und Moskitos, die Malaria und Dengue-Fieber übertragen können. «Wir sorgen uns um Millionen Männer, Frauen und Kinder, die von dem verheerenden Zyklon getroffen wurden», sagte Ireland. «Wir können den Menschen helfen, aber dafür müssen die Behörden die Visabeschränkungen aufheben und die Helfer in die betroffenen Gebiete lassen», sagte sie.Ein Helfer der Johanniter-Unfall-Hilfe äußerte in Rangun die Hoffnung, dass die Junta nach ihrem Referendum von Samstag toleranter wird. Konkrete Hinweise darauf gab es allerdings nicht. In den Nachbarländern Birmas warten weiter hunderte Katastrophenexperten auf Einreisegenehmigungen. Allem Anschein nach waren die Botschaften für das Wochenende geschlossen.
Die Junta will selbst verteilen
Am Sonntag hat Lebensmittelhilfe einen Teil der hungernden Überlebenden des Zyklons in Birma erreicht, nachdem Straßen von Trümmern und umgestürzten Bäumen geräumt worden sind. Aber noch immer gab es keine Anzeichen dafür, dass das Militärregime ausländische Experten in das abgeschottete Land einreisen lassen will, um bei der Verteilung der Hilfsgüter zu helfen.Die Junta akzeptiert zwar Sach- und Geldhilfen aus dem Ausland, will aber nicht das Personal, um dies zu managen. Die Militärregierung will alle gespendeten Lieferungen selbst verteilen.
Es gab Bericht, dass auf Kisten mit Hilfsmaterial die Namen führender Generäle geschrieben - ein offenkundiger Versuch, aus der internationalen Hilfe propagandistisches Kapital zu schlagen. So zeigte das Staatsfernsehen Bilder, wie Generäle, darunter auch der Chef der Militärjunta, General Than Shwe, Kisten an Überlebende der Sturmkatastrophe verteilten. Auf einer Kiste war beispielsweise der Name von Generalleutnant Myint Swe zu lesen. Die dicke Aufschrift überdeckte den kleineren Aufdruck «Hilfe aus dem Königreich Thailand».
Wahlfälschungen vorgeworfen
Birmanische Oppositionskräfte im Exil haben am Sonntag von massiven Wahlfälschungen bei dem Referendum über die umstrittene neue Verfassung berichtet. Mitarbeiter der Oppositionspartei «Nationalliga für Demokratie» NLD hätten am Samstag in allen Landesteilen Einschüchterungen, Nötigungen und direkte Fälschungen beobachtet, berichtete die US-Kampagne für Birma. Die neue Verfassung soll den Weg für Wahlen in zwei Jahren freimachen. Allerdings sichert sich das Militär damit 25 Prozent aller Parlamentssitze und wichtige Kabinettsposten. Im Bezirk Kyone Pyaw in der Irrawaddy-Region seien seit Freitag Lautsprecherwagen durch die Straßen gefahren, die jedem, der mit Nein stimmen wollte, mit drei Jahren Haft- und Geldstrafen drohten, berichteten die Beobachter. Im Karen-Gebiet hätten Wähler bei der Ankunft im Wahllokal festgestellt, dass in ihrem Namen schon gewählt worden war. Im Pegu-Bezirk rund 100 Kilometer nördlich von Rangun hätten die Leiter der Wahllokale darauf bestanden, dass die Menschen vor ihren Augen mit Ja stimmten.
In einem Wahllokal mit 412 abgegebenen Stimmen sei zunächst öffentlich ausgezählt worden, berichteten die Beobachter. Nachdem nur 15 Stimmen für und 37 gegen die Verfassung registriert worden waren, sei die Auszählung abgebrochen und hinter verschlossenen Türen fortgesetzt worden.
«Das Referendum war unfair, wie wir vorausgesehen hatten», schrieb der Leiter der Kampagne, Aung Din. Die Opposition werde trotz Einschüchterungen nicht ruhen und den Wahlbetrug offenlegen. «Der Widerstand geht weiter», schrieb er. (dpa, AP, nz)