Wahlen in Serbien:
«Die EU kann auch ohne Serbien existieren»
10.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Kritik übte Busek, dessen Tätigkeit als Koordinator im Juni endet, an der Unterzeichnung des Stabilitäts- und Assoziierungsabkommens (SAA) mit Serbien: «Das ist ein verzweifelter Versuch, den Serben zu signalisieren, dass sie in Europa willkommen sind.« Doch die «politische Klasse muss begreifen, dass die EU auch ohne Serbien existieren kann», betonte Busek. «Im Moment hat man den Eindruck, die EU müsse Serbien beitreten und nicht umgekehrt.»
Netzeitung: Die Lage in Serbien spitzt sich wenige Tage vor den Wahlen zu. Staatschef Boris Tadic wirft Regierungschef Vojislav Kostunica vor, unter den Bürgern Hass zu schüren. Der Präsident hatte zuvor Morddrohungen erhalten, die als ernst eingestuft worden waren. Was halten Sie davon?
Erhard Busek: In Serbien ist das politische Klima rauer als bei uns. Das hat eine lange historische Tradition. Natürlich sind solche Morddrohungen fraglich, aber wir hoffen, dass so etwas nicht wieder passiert.
Netzeitung: Die EU ist mit der Unterzeichnung des Stabilitäts- und Assoziierungsabkommens Serbien sehr weit entgegen gekommen. Wird das Abkommen den prowestlichen Kräften im Land bei den Wahlen am 11. Mai wirklich helfen?
Busek: Innerhalb der EU gehen die Meinungen auseinander. Ich glaube nicht, dass die pro-europäischen Kräfte durch dieses Vorgehen gestärkt werden. Es entsteht der Eindruck, dass eine Wahl von außen beeinflusst werden kann und das ist innenpolitisch nicht gut. Aber es ist ein verzweifelter Versuch, den Serben zu signalisieren, dass sie in Europa willkommen sind. Das ist zwar wichtig, allerdings sollte das Entgegenkommen bei der Visa-Erteilung für alle südosteuropäischen Staaten gelten und nicht nur für Serbien. Zudem legt vor allem Premierminister Kostunica das Entgegenkommen der EU so aus, man müsse seinen Standpunkt gegenüber der EU nur aggressiv genug vertreten, dann bekomme man schon alles was man will. Das halte ich für ausgesprochen problematisch.
Busek: Ich glaube, dass Kostunica die Regierung nur deshalb aufgelöst und Neuwahlen ausgerufen hat, weil er dieses Bündnis mit den Ultranationalisten schon vorher abgeschlossen hatte. Sonst hätte er diesen Schritt niemals gewagt. Seine Partei gehört laut Wahlprognosen zu den Verlierern. Kostunica will sich damit den Sessel des Ministerpräsidenten erhalten.
Netzeitung: Damit wären die Radikalen seit dem Sturz des Gewaltherrschers Slobodan Milosevic erstmals wieder an der Macht. Welche Gefahren sehen Sie für Serbien, sollte das Land tatsächlich von Nationalisten regiert werden?
Aber auch wir Europäer müssen lernen, dass manche Dinge einfach Zeit brauchen. Die politische Klasse muss begreifen, dass die EU auch ohne Serbien existieren kann. Im Moment hat man den Eindruck, die EU müsse Serbien beitreten und nicht umgekehrt.
Netzeitung: Warum sind die rückwärtsgewandten und rechtsgerichteten Kräfte in Serbien so stark?
Netzeitung: Die Radikalen wollen das Kosovo unbedingt wieder zurückhaben. Ihre Anhänger schrecken auch nicht vor Gewalt zurück. Könnte der Balkan im Streit um das Kosovo erneut zum Kriegsschauplatz werden?
Busek: Nein, diese Gefahr ist meiner Ansicht nach endgültig vorbei. Die Kosovaren verhalten sich bislang sehr klug und geben keinerlei Anlässe zu Auseinandersetzungen.
Busek: Nein, obwohl die serbische Regierung versucht, diesen Eindruck zu vermitteln. Aber ich erlebe die Regierungen der Nachbarstaaten sehr zurückhaltend, sie wollen sich aus dieser Sache heraushalten, denn sie verfolgen ganz andere Ziele.
Busek: Das ist verständlich. Bosnien hat zum Beispiel eine Polizeireform auf Wunsch der EU durchgeführt, das Stabilitäts- und Assoziierungsabkommen mit Bosnien wird aber trotzdem nicht unterzeichnet. Das ist eine einseitige Bevorzugung Serbiens durch die EU, natürlich führt das zu Unstimmigkeiten. Oder Kroatien: Das Land musste Ex-General Ante Gotovina nach Den Haag bringen, die Serben müssen den flüchtigen Kriegsverbrecher Ratko Mladic dagegen nicht ausliefern.
Netzeitung: Wie begründet die EU das unterschiedliche Vorgehen?
Busek: Dahinter stehen zwei unterschiedliche Strategien und in Brüssel herrscht die Meinung vor, durch eine große Konzessionsbereitschaft mehr zu erreichen. Ich bin da allerdings weit skeptischer. Bei den Serben erreicht man meiner Ansicht nach mehr mit einer klaren und deutlichen Sprache. Sie erweisen sich dann auch als verlässliche Partner.
Netzeitung: Im Juni endet ihre Tätigkeit als Koordinator für den Balkan-Stabilitätspakt. Wie sieht Ihre Bilanz nach sechs Jahren aus?
Busek: Zufrieden bin ich zwar nie, aber unter den gegebenen Umständen haben wir viel erreicht. Wir haben die regionale Kooperation sichergestellt. Trotz der Unabhängigkeit des Kosovo ist die multilaterale Zusammenarbeit in der Region erhalten: Leider wird viel zu wenig registriert, dass die kosovarische und die serbische Regierung an einem Tisch sitzen. Serbien hat zwar die bilateralen Beziehungen zu den Ländern, die das Kosovo anerkannt haben, heruntergestuft, sitzt aber multilateral mit eben diesen Regierungen an einem Tisch. In der Politik ist eben nicht alles logisch.
Netzeitung: Wird es für Ihr Amt einen Nachfolger geben?
Busek: Die Arbeit übernimmt künftig das Regional Cooperation Council mit Sitz in Sarajevo und einem Verbindungsbüro in Brüssel. Die Aufgaben bleiben dieselben, werden aber von einer Organisation übernommen, die von der Region selbst gebildet wird. Und ich halte das auch für sinnvoll. Das Kindergarten-Prinzip muss ein Ende haben, denn seit dem Wiener Kongress 1815 bestimmen andere, was gut ist für die Menschen in Südosteuropa. Jetzt müssen die Länder selbst die Verantwortung übernehmen.
Das Gespräch mit Dr. Erhard Busek führte Michaela Duhr

