Netzeitung Logo
 
Aktuelles  »  Politik  »  Ausland
DruckenVersenden
 

Hintergrund Birma: 

Bitterarmes Land unter brutaler Militärherrschaft

05. Mai 2008 16:10
Pagode in Birma
Bild vergrößern
Birma hat eine 2000 Jahre alte Geschichte und geriet 1886 unter britische Herrschaft, im Zweiten Weltkrieg wurde es von Japan besetzt. 1948 wurde das Land unabhängig. Seit 1962 herrschen Militärregime in Birma.

Es hätte das bitterarme Land kaum schlimmer treffen können: Zyklon «Nargis» hat mit Birma ein herunter gewirtschaftetes Land heimgesucht, in dem ohnehin schon Millionen von Menschen oft kaum das nötigste zum Leben haben. Und die Katastrophe drohte einen der wenigen Hoffnungsschimmer zunichtemachen, den das von einer Militärjunta drangsalierte Volk in diesen Tagen hatte.

Erstmals seit 18 Jahren sollen die Menschen an diesem Samstag (10. Mai) zur Wahlurne gehen. Sie sollen über eine neue Verfassung abstimmen, die in zwei Jahren die ersten freien Wahlen seit 1990 verspricht. Nun sind Straßen und Brücken zerstört und weite Küstenteile von aller Kommunikation abgeschnitten. Doch das Militärregime versprach, ungeachtet der Verwüstungen durch den Killer-Zyklon an den Plänen für die Abstimmung festzuhalten. «Das Referendum ist nur noch ein paar Tage entfernt, und die Menschen sehen der Abstimmung freudig entgegen», hieß es in einer am Montag verbreiteten Erklärung der Junta, wie der britische Sender BBC berichtete.

Proteste werden niedergeschlagen

Die Junta-Generäle sind höchst abergläubisch und werden den Zyklon wahrscheinlich als schlechtes Omen interpretieren. Die Junta ist außerdem paranoid und sieht in den meisten Ausländern Spione. Nur wenige dürfen in Birma arbeiten. So wird die Not der Menschen noch verstärkt, weil nur wenige Hilfsorganisationen im Land sind.

Die große Mehrheit der Birmanen ist so arm, dass sie verzweifelt über steigende Nahrungsmittelpreise im vergangenen Jahr als erste weltweit auf die Straße gingen. Der schiere Hunger trieb die meisten dazu, trotz Androhung drakonischer Strafen. Die Militärjunta hatte die Subventionen für Speiseöl gekappt und viele fürchteten um das blanke Überleben.

Die Rache der Generäle ließ nicht lange auf sich warten. Als sich zehntausende Mönche den Protesten anschlossen und die Menschen ihren Unmut auch auf das Regime ganz allgemein lenkten, schlugen sie im September zu.

Bild vergrößern
Das Militär eröffnete nach tagelangen Protesten in der Hafenmetropole Rangun das Feuer auf die friedlichen Demonstranten. Mindestens 31 Menschen wurden ermordet, Fotos von grausam massakrierten Mönchen machten die Runde. Tausende wurden festgenommen und verschwanden in den Foltergefängnissen.

Rangun gleicht heute nach Angaben von Augenzeugen einer Kriegslandschaft. In der Vier-Millionen-Stadt sind Bäume auf die Straßen gestürzt und Häuser abgedeckt. Der Orkan riss die unzähligen Satellitenschüsseln von den Dächern, die vielen in dem abgeschotteten Land einen winzigen Blick in die Welt erlaubten. Die Stadt ist zudem umgeben von Slums mit Wellblechhütten, die gegen die Hurrikanwinde keine Chance hatten.

Jahreseinkommen von 650 Dollar

Im Delta des Irrawaddy dürfte es noch schlimmer aussehen. Dort leben die armen Reisbauern, deren Ernte weitgehend zerstört worden sein dürfte. Von Infrastruktur ist dort ohnehin kaum die Rede. Die Regierung hat in den vergangenen Jahren auf den Ausbau ihrer Öl- und Gasindustrie gesetzt, nicht auf das Wohlergehen der Bauern.

Viele Leute müssen mit einem Jahreseinkommen von 650 Dollar auskommen, ein Drittel der Bevölkerung lebt nach Schätzungen der Weltbank unterhalb der Armutsgrenze. Nach den neuesten verfügbaren Daten von 1996 leben fast 60 Prozent von der Landwirtschaft.

Junta baute sich neue Hauptstadt

Die Junta lebt derweil in Saus und Braus und von ihren Untertanen abgeschottet in einer 300 Kilometer im Landesinneren neu gebauten Hauptstadt. «Sie haben völlig die Bodenhaftung verloren», sagt der Dissident Bo Kyi, der heute im Exil in Mae Sot in Thailand wohnt. «Sie verlangen von ihren Untertanen positive Meldungen über Fortschritte, und keiner wagt, die Wahrheit zu sagen.»

Das Staatsorgan «Neues Licht» feiert die vermeintlichen Erfolge der Diktatoren: soundsoviel neue Brücken, neue Straßen, große Ernten. «Nur fragen sich die Leute: warum muss ich weiter herumkrebsen, wenn es so viel Fortschritt gibt?», sagt David Mathieson, Birma- Berichterstatter von «Human Rights Watch». (Christiane Oelrich, dpa)

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Einigung mit Wenn und Aber: 
US-Truppenabzug aus Irak bis 2011 vereinbart
Wiederaufbau im Irak: 
Ein Geistergefängnis als Symbol
 
Irische Demonstranten verlangen Respekt für ihr Nein: 
Sarkozy ganz kleinlaut in Dublin
 
Entführung in der Provinz Parwan: 
Deutsche Geisel in Afghanistan befreit
 
Nach Gefangenenaustausch in Nahost: 
Hamas will deutsche Vermittler
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.