Welternährung:
Tausende indische Bauern fliehen in den Tod
01. Mai 2008 14:14
 |  Die Dürre lässt auch die Einnahmen versiegen. | Foto: AP |
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In manchen Gegenden müssen 82 Prozent der Landwirte Kredite tilgen - und bringen sich deswegen um. Die Regierung plant ein Entschuldungsprogramm. Aber manch grundlegende Schwierigkeit räumt das nicht aus dem Weg.
Reis, Tomaten, Linsen, Brot und fast alles, was in Indien auf dem Speiseplan steht, wird täglich teurer. Doch die Bauern auf dem Subkontinent profitieren nicht davon. Ganz im Gegenteil. So wie Prakash Uike. Der ausgezehrt und müde wirkende Bauer baut auf seinem kleinen Feld Soja an. Dennoch muss er sich zwei Tage pro Woche als Tagelöhner in einer Kleinstadt unweit seines Dorfes Pandharkawda im Westen Indiens verdingen. Er hat keine andere Wahl, denn er muss 150 Euro zurückzahlen, die er sich vor zwei Jahren geliehen hat.
Alle zwei Monate zahlt er 20 Euro zurück. Eigentlich müsste er längst schuldenfrei sein, unter anderem wegen der horrenden Zinsen steht er dennoch weiter beim Geldverleiher in der Kreide. «Ich musste ihm eine Hypothek auf mein Land geben», erzählt der 47-jährige Uike. Es bleibt ihm nichts, als weiter zu schuften. Etwa die Hälfte der indischen Bauern ist nach offiziellen Angaben verschuldet. Vermutlich sind es weit mehr. 82 Prozent der Bauernfamilien im südöstlichen Bundesstaat Andhra Pradesh hatten 2003 ausstehende Kredite. Und in den Kornkammern Punjab und Haryana lag die Schuldnerrate bei etwa 60 Prozent.
Entschuldungsprogramm der Regierung
Besonders betroffen sind dabei Kleinbauern. Sie geraten nur zu leicht in die Schuldenfalle: eine Tochter muss verheiratete werden, ein Familienmitglied wird krank, die Ernte fällt schlecht aus - und schon reicht das Geld nicht mehr. Über 10.000 Bauern nehmen sich jedes Jahr in Indien das Leben, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sehen. 2006 waren es nach offiziellen Zahlen sogar 17.060. Nun will die Regierung mit einem Entschuldungsprogramm gerade den Ärmsten auf dem Lande helfen. Finanzminister Palaniappan Chidambaram stellte fast zwei Milliarden Euro zur Verfügung, um etwa vier Millionen Bauern zu entschulden. Die Regierung will sich auf dem Land von ihrer guten Seite zeigen, denn spätestens im Mai nächsten Jahres stehen in Indien Wahlen an, und knapp zwei Drittel des 1,2 Milliardenvolkes leben von der Landwirtschaft.
Die Einkommen sinken
Doch viele Menschen zweifeln an Sinn des Entschuldungsprojektes. «Es mag den Banken helfen, ihr Geld zurückzubekommen, doch es ist kein Heilmittel für die notleidende Landwirtschaft», schreibt die «Times of India». Prakash Uike jedenfalls wird seinen Kredit nicht mit Staatsgeld ablösen können. Schulden bei privaten Geldverleihern, die mit Wucherzinsen zwischen 30 und 40 Prozent operieren, werden nicht berücksichtigt. Doch eben solche Verleiher sind oftmals die einzige Geldquelle für Kleinbauern. Selbst wenn sie den Weg zu einer Bank machen können, reichen den Instituten die Sicherheiten nicht. Der Gewinn in den wichtigsten landwirtschaftlichen Anbaugebieten wie dem Punjab geht zurück. «Getreideanbau ist zwar weiterhin profitable, doch die Einkommen sinken definitiv», sagt Ramesh Chand, Professor am Nationalen Zentrum für Landwirtschaft und Politik in Neu Delhi.
Bedingungen wie im Mittelalter
Die Gründe dafür sind zahlreich. Gerade die Bauern, die nur wenig Land bestellen, müssen ihre Ernte oft weit unter Marktpreis verkaufen. Bis ihr Getreide oder ihr Reis beim Verbraucher angelangt ist, verdienen noch viele Zwischenhändler kräftig mit. Zudem leiden die kleinen Landwirte besonders an den strukturellen Schwächen der indischen Landwirtschaft, die vielfach noch wie im Mittelalter funktioniert. Etwa 60 Prozent der Felder sind nicht künstlich bewässert. Die Bauern sind ganz auf den vier Monate langen Monsun-Regen angewiesen. Bleibt er aus, wie immer öfter in den letzten Jahren, so ist die Ernte ruiniert. Vor allem Kleinbauern müssen sich dann verschulden, um überhaupt überleben zu können. Oft verdienen sie inzwischen mehr, wenn sie und ihre Familien sich als Tagelöhner verdingen. Auch wenn die Regierung alte Schulden ablöst, bleiben die Ursachen für die Verschuldung bestehen.
Zweifel an Entschuldungsoffensive
Daher scheinen die Zweifel an der Entschuldungsoffensive berechtigt. Ein ähnlicher Vorstoß vor knapp zehn Jahren hat am Schicksal der armen Landbevölkerung nur wenig geändert. Die damalige Regierung hatte umgerechnet etwa 8,5 Million Euro an die Farmer gegeben, um überfällige Kredite bis zu 10.000 Rupien zu tilgen. Doch die Schulden der Bauernhaushalte sind weiter gewachsen. (Agnes Tandler, epd)