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Merkel spricht vor der Knesset: 

«Nazis haben die deutsche Sprache nicht erfunden»

18. Mrz 2008 07:53
Kanzlerin Merkel und der israelische Regierungschef Ehud Olmert
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Manche wollen die Knesset verlassen, wenn Kanzlerin Merkel ihre Rede hält. Doch das sind Einzelfälle, meint der israelische Autor Daniel Dagan und erinnert daran, dass auch «Der Judenstaat» in deutscher Sprache geschrieben ist.

Netzeitung: Bundeskanzlerin Angela Merkel hält am Dienstag als erste ausländische Regierungschefin vor der Knesset in Jerusalem eine Rede in deutscher Sprache. Was halten Sie davon?

Daniel Dagan: Ich denke, das ist eine gute Sache und es ist schließlich nicht das erste Mal, dass ein deutscher Politiker in seiner Muttersprache vor der Knesset spricht. Auch der frühere Bundespräsident Johannes Rau hat das getan. Wir dürfen nicht vergessen: Die deutsche Sprache wurde nicht von den Nazis erfunden – sie ist sehr viel älter. Auch der österreichische Politiker und Schriftsteller Theodor Herzl, Begründer des Zionismus, hat sein großes Werk «Judenstaat» in deutscher Sprache geschrieben.

Netzeitung: Der israelische Abgeordnete Arie Eldad hat angekündigt, aus Protest gegen Merkels Rede das Parlament zu verlassen. Auch andere Abgeordnete äußerten Kritik. Sind das Einzelfälle?

Dagan: Arie Eldads Familie hat in der Shoah gelitten. Das ist eine sehr persönliche Sache und seine ganz persönliche Entscheidung. Man muss sie respektieren und das tut die Kanzlerin ja auch. Sicherlich gibt es Proteste, doch das sind Einzelfälle. Die breite Mehrheit in der israelischen Bevölkerung akzeptiert, dass Merkel im Parlament deutsch spricht.

Merkel will keine Showeffekte

Netzeitung: Nach den Regeln der Knesset dürfen nur ausländische Staatsoberhäupter vor der Volksvertretung in ihrer eigenen Sprache sprechen. Für Merkel wurde nun eine Ausnahme gemacht. Warum?

Daniel Dagan
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Dagan: Damit bringt Israel seine große Wertschätzung gegenüber der Bundeskanzlerin zum Ausdruck. Das macht ihren Besuch zu etwas ganz Besonderem. Ihr Vorgänger, Gerhard Schröder, hat es mehr oder weniger vermieden, Israel zu besuchen. Er war als Kanzler nur ein einziges Mal da. Merkel ist jetzt schon zum dritten Mal in ihrer Amtszeit in Israel. Das kommt gut an. Sie hat eine offene und herzliche Art, sie sucht keine Showeffekte, das schätzen viele Israelis.

Netzeitung: Israels Ministerpräsident Ehud Olmert bezeichnet Deutschland als «großen Freund». Wie denkt die israelische Bevölkerung über die Deutschen?

Dagan: Die Stimmung ist sehr positiv und das auch schon seit vielen Jahren. Wenn Deutsche nach Israel kommen, dann spüren sie große Neugierde, viel Herzlichkeit und Offenheit.

Ich arbeite nicht nur für israelische Medien, sondern auch für jüdische Medien in den USA. Dort ist das Interesse der Medien jedoch sehr stark von der Vergangenheit geprägt. Das ist zum Teil zwar auch in Israel sicherlich der Fall, doch die Medien und die Bevölkerung in meinem Land sehen viel stärker auch das moderne Deutschland - die kulturellen, wirtschaftlichen, sportlichen oder wissenschaftlichen Errungenschaften. Das Image Deutschlands ist insgesamt sehr gut, auch wenn es natürlich immer wieder Kritikpunkte gibt.

Zwei Juden, drei Meinungen

Netzeitung: Die Kanzerlin verzichtet dieses Mal auf einen Besuch der Palästinenser-Gebiete. Sollte sie dann nicht wenigstens die Lage im Gazastreifen ansprechen?

Zur Person:
Der Journalist und Publizist Daniel Dagan wurde 1945 in Kairo geboren und wuchs in Frankreich und in Israel auf. Er studierte Politik und Volkswirtschaft und arbeitete anschließend für verschiedene Zeitungen, TV- und Radiosender unter anderem in Jerusalem, Paris, Brüssel, Madrid und Washington. Heute berichtet Dagan aus Berlin für die israelische öffentlich-rechtliche Radio- und TV-Anstalt Israel-Broadcasting-Authority (IBA).
Dagan: Es ist eine jüdische Tradition zu kritisieren, natürlich auch sich selbst. Scherzhaft heißt es ja: zwei Juden, drei Meinungen. Wenn Angela Merkel Kritik üben will, kann sie das tun. Es spricht nichts dagegen, Probleme anzusprechen und eines der größten ist der arabisch-israelische Konflikt. Aber aus israelischer Sicht, ist es natürlich nicht hinnehmbar, dass von palästinensischem Gebiet israelische Ortschaften beschossen werden. Die israelische Regierung hat einen Fehler gemacht: Sie hat den Beschuss sieben Jahre lang hingenommen. Das muss gestoppt werden - und den richtigen Weg muss man finden.

Netzeitung: Wie reagiert die israelische Öffentlichkeit auf Kritik aus Deutschland?

Dagan: Kritik ist erlaubt, Kritik ist willkommen. Aber man spürt in Israel, dass bei mancher Kritik eine unterschwellige Feindseligkeit – vielleicht sogar Hass - mitschwingt. In Israel fühlt man eine große Diskrepanz zwischen der positiven Einstellung der politischen Führung und der deutschen Berichterstattung, die leider oft unsachlich und negativ wirkt.

Angela Merkel legt in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem einen Kranz nieder
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Das hat mehrere Gründe. So herrscht in Deutschland unter Intellektuellen oft die Meinung, dass Israel wegen des Holocausts gegründet wurde. Das ist aber völlig falsch: Israel wurde nicht wegen, sondern trotz der Shoah gegründet. Die Vernichtung der europäischen Juden hätte die Staatsgründung fast verhindert.

Die benannte falsche Vorstellung im Bezug auf der Gründung Israels trägt in Deutschland häufig zu einer unzutreffende Bewertung der heutigen Konflikte bei. In Deutschland wird alles unter dem Aspekt der Shoah gesehen, doch das verstellt den Blick auf die Realität. Wer in Deutschland weiß beispielsweise, dass die Hälfte der in Israel lebenden Juden Flüchtlinge sind, die aus arabischen Ländern stammt, nicht aus Europa? Auch ich komme übrigens aus Ägypten.

Netzeitung: Wie schätzen Sie die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland heute ein?

Dagan: Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind sehr gut und beide haben viele Vorteile davon. Die Regierungskonsultationen, die am Montag aufgenommen wurden, sind deshalb auch eher von symbolischer Bedeutung. Doch Symbole sind in der Politik eben auch wichtig.

Das Gespräch führte Michaela Duhr

 
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