Merkel spricht vor der Knesset:
«Nazis haben die deutsche Sprache nicht erfunden»
18.03.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Daniel Dagan: Ich denke, das ist eine gute Sache und es ist schließlich nicht das erste Mal, dass ein deutscher Politiker in seiner Muttersprache vor der Knesset spricht. Auch der frühere Bundespräsident Johannes Rau hat das getan. Wir dürfen nicht vergessen: Die deutsche Sprache wurde nicht von den Nazis erfunden sie ist sehr viel älter. Auch der österreichische Politiker und Schriftsteller Theodor Herzl, Begründer des Zionismus, hat sein großes Werk «Judenstaat» in deutscher Sprache geschrieben.
Dagan: Arie Eldads Familie hat in der Shoah gelitten. Das ist eine sehr persönliche Sache und seine ganz persönliche Entscheidung. Man muss sie respektieren und das tut die Kanzlerin ja auch. Sicherlich gibt es Proteste, doch das sind Einzelfälle. Die breite Mehrheit in der israelischen Bevölkerung akzeptiert, dass Merkel im Parlament deutsch spricht.
Netzeitung: Israels Ministerpräsident Ehud Olmert bezeichnet Deutschland als «großen Freund». Wie denkt die israelische Bevölkerung über die Deutschen?
Dagan: Die Stimmung ist sehr positiv und das auch schon seit vielen Jahren. Wenn Deutsche nach Israel kommen, dann spüren sie große Neugierde, viel Herzlichkeit und Offenheit.
Ich arbeite nicht nur für israelische Medien, sondern auch für jüdische Medien in den USA. Dort ist das Interesse der Medien jedoch sehr stark von der Vergangenheit geprägt. Das ist zum Teil zwar auch in Israel sicherlich der Fall, doch die Medien und die Bevölkerung in meinem Land sehen viel stärker auch das moderne Deutschland - die kulturellen, wirtschaftlichen, sportlichen oder wissenschaftlichen Errungenschaften. Das Image Deutschlands ist insgesamt sehr gut, auch wenn es natürlich immer wieder Kritikpunkte gibt.
Dagan: Kritik ist erlaubt, Kritik ist willkommen. Aber man spürt in Israel, dass bei mancher Kritik eine unterschwellige Feindseligkeit vielleicht sogar Hass - mitschwingt. In Israel fühlt man eine große Diskrepanz zwischen der positiven Einstellung der politischen Führung und der deutschen Berichterstattung, die leider oft unsachlich und negativ wirkt.
Die benannte falsche Vorstellung im Bezug auf der Gründung Israels trägt in Deutschland häufig zu einer unzutreffende Bewertung der heutigen Konflikte bei. In Deutschland wird alles unter dem Aspekt der Shoah gesehen, doch das verstellt den Blick auf die Realität. Wer in Deutschland weiß beispielsweise, dass die Hälfte der in Israel lebenden Juden Flüchtlinge sind, die aus arabischen Ländern stammt, nicht aus Europa? Auch ich komme übrigens aus Ägypten.
Netzeitung: Wie schätzen Sie die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland heute ein?
Dagan: Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind sehr gut und beide haben viele Vorteile davon. Die Regierungskonsultationen, die am Montag aufgenommen wurden, sind deshalb auch eher von symbolischer Bedeutung. Doch Symbole sind in der Politik eben auch wichtig.
Das Gespräch führte Michaela Duhr

