10.03.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Feiernde junge Malteser am Tag der Wahl
Foto: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Zwei Tage nach dem Urnengang zeichnet sich in Malta ein hauchdünner Vorsprung der regierenden Nationalistischen Partei ab. Die Malteser feierten schon am Wochenende ausgelassen, wie Tilman Steffen berichtet.
Malta hat gewählt. Doch lange wusste keiner, wie. Die regierende Nationalistische Partei hoffte auf den Machterhalt, die Labour-Partei auf deren Übernahme. Am Montag zeichnete sich ein knapper Sieg der Nationalistischen Partei von Regierungschef Lawrence Gonzi ab. «Malta is divided», klagt Jean Coltrane, meine Gastgeberin. Die Insel ist gespalten. Nicht nur die Erlaubnis der heftig umstrittenen Vogeljagd, auch die Haltung der Politik zur Europäischen Union teilt das Volk.
Entscheidend waren am Schluss, wie auch in Deutschland zuletzt, die Kleinen. Ersten Auszählungen zufolge entschieden sich 1,3 Prozent der Wähler für die Alternative Partei (entspricht etwa den Grünen in Deutschland) - Stimmen, die den großen Parteien zur erforderlichen absoluten Mehrheit fehlen könnten. So musste Malta lange bangen, dass eine Koalition aus mehreren Parteien regiert (was in Deutschland ja gang und gäbe ist). Obwohl es bis zum späten Sonntagabend kein belastbares Wahlergebnis gab und keiner der Offiziellen vor den Kameras etwas Brauchbares verkündete, feierte Malta ausgiebig.
Junge Malteser wählen konservativ Der Partner der Tochter meiner Gastgeberin Jean arbeitet bei der Regierung. Sein Job hängt also entscheidend vom Wahlausgang ab. «Oh God», stöhnt Jean, als am Abend im Fernsehen ein Mann, offenbar Politiker der Labour-Partei, von Journalisten umrundet wird. «He looks like Labour». Wenn ein solcher sich öffentlich zeigt, so die Vermutung der älteren Dame, will er den Sieg seiner Partei verkünden. «Shit.» Jean kann sich aber nur auf das verlassen, was sie sieht. Jeans Eltern waren britische Einwanderer, Jean spricht bis heute kein maltesisch. Sie nimmt ihr Handy, um ihre Tochter anzurufen. Die wohnt zwei Häuser weiter und kann erklären, was der Mann im Fernsehen gerade gesagt hat.
Insgesamt resultiert aus der Lage in Malta, dass junge Malteser vor allem konservativ wählen, also die regierende Nationale Partei. Die meisten halten die PN für die richtige, weil die für die Europäische Union ist. Ihr Machterhalt steht dafür, dass die Jugend auch weiter die Segnungen der Europäischen Union genießen darf: Überall studieren, alles kaufen, unkompliziert überall hin reisen können. Obwohl: Nicht ganz. Denn auch die Labour-Party kann den bereits vollzogenen Beitritt Maltas zur EU ja nicht rückgängig machen.
Party überall Doch das ist nur das eine. Die Wahl ist an diesem Sonntagabend vor allem ein Grund für das Jungvolk, große Party zu machen. Alles was unter 25 ist, ist in die Stadt St. Juliens gekommen, die szenige Party-Siedlung im Norden der Insel. Der Himmel ist wolkenverhangen, die Luft kühl, doch die Stimmung ausgelassen. Auf der Hauptstraße stauen sich Autos, aus denen jeweils mindestens eine Fahne weht. Die schwarzen mit gelbem Rand sind die der Nationalen Partei, auch viele EU-Flaggen flattern. Meist hängen auch die Insassen aus Fenstern und Dachluken und schwenken, was sie für richtig halten. Auch Jeans Enkel tourt umher. Er ist 15, darf noch nicht einmal wählen, wie viele seiner Altersgenossen, die entlang der Küstenstraße von Bar zu Bar wechseln. Aus einer Einfahrt heraus verkauft eine Familie Sprayflaschen-Hupen. Deshalb tutet es nun allerorten, teils die Ohren betäubend, wenn man selbst auch unterwegs ist. Aufgebrezelte Mädels, ihre Freunde und Clickquen jubeln in und auf den Autos, teils in die leuchtend blauen Europa-Flaggen gewandet. Die Polizei schaut zu.
Der Auflauf des Jungvolks zieht die Alten mit. Auch Väter und Großväter diskutieren mit Bier in der Hand die Lage. Per Handy gibt man sich den Stand der Auszählung weiter. «Die Alternativen haben einen Sitz», klärt eine Frau mit dunkler Miene ihre Begleiter auf.
Das Geschäft des JahresDie Brauerei Heineken erwartet das Geschäft des Jahres, das seit Januar ja auch in Euro gemacht wird. Kartonweise entladen Familien und andere Gelegenheits-Unternehmer die Bierbuddeln auf die am Straßenrand aufgestellten Tische. Es ist ein wenig wie vor dem Jahreswechsel in Deutschland, wenn in allen leer stehenden Ladengeschäften sich jungerwachsene Geschäftemacher mit dem Verkauf von Knallkörpern das nächste Tattoo verdienen.
Hier in St. Juliens braucht keiner einen Laden. Eine PN-Flagge vor den Tisch gehangen, fertig ist die Straßenbar. Auf manchen Plätzen sind Bühnen errichtet. Nicht für Politikerreden oder um das Wahlergebnis zu feiern, sondern um Bier auszuschenken. Die Hupen hupen, die Musik von den Bühnen und aus den Autos dröhnt und wumpt, Feuerwerkskörper pfeifen in den Himmel. Die Wahl verfolgt mich bis in mein Schlafgemach. Das Geräusch-Mix, das durch die mediterranen Fensterritzen dringt, erinnert zuweilen an Musik von Stockhausen. Ich werde diese Nacht kein Auge zutun.
Nach einem Tag Malta ist klar: Ich werde hier also durchaus gut unterhalten. Kulturell kommt keine Langeweile auf. Denn nächste Woche ist Karwoche. Dazu gehört die immer wieder als prunkvoll geschilderte Godfriday-Prozession. Bis dahin werden wir auch das Wahlergebnis haben.