Über 10.000 Rakten in acht Jahren: 

netzeitung.deIn Sderot ist überleben wie Russisches Roulette

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Ein von einer Rakete getroffenes Haus in Sderot (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ein von einer Rakete getroffenes Haus in Sderot
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Sie sind 1,60 Meter lang und mit sechs Kilo Sprengstoff gefüllt: Im Halbstundentakt schlagen die Raketen aus Gaza im Süden Israels ein. Für die Bewohner bringen sie Tod, Terror und Zerstörung.

Eli Assajah sitzt in seinem kleinen Café und schneidet Tomaten, obwohl auch heute wieder kein Gast kommen wird. Es ist 08.00 Uhr, kaum eine Menschenseele ist auf der Straße zu sehen. Schulen und Kindergärten sind geschlossen. Die israelische Grenzstadt Sderot gleicht an diesem Morgen einer Geisterstadt. Wegen der Raketenangriffe militanter Palästinenser aus dem Gazastreifen haben die Behörden die Bevölkerung aufgefordert, zu Hause zu bleiben.

Um 08.09 Uhr gibt es zwei Mal hintereinander einen dumpfen Knall. Irgendwo in der Nähe von Sderot sind zwei Mörsergranaten oder Raketen im Boden eingeschlagen. Die Vorwarnung hat dieses Mal versagt. Aber selbst wenn die Warnung «Code rot» aus den Straßenlautsprechern ertönt, bleiben nur 15 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Weil niemand weiß, wann und wo eine Rakete einschlägt, wird das Überleben in Sderot zum russischen Roulette.

Weg von Fenstern und flach auf den Boden werfen
Auf der Polizeistation in der Herzl-Straße gibt ein Polizist ein kurzes Überlebenstraining: «Ganz flach auf den Boden legen. Bloß nicht in die Hocke gehen, sonst können dich Schrapnelle treffen. Wenn man zu Hause ist, im Treppenflur Schutz suchen. Auf jeden Fall weg von den Fenstern.» Und Auto fahren soll man selbst an diesem nasskalten Morgen nur mit heruntergelassenen Scheiben, damit man die Lautsprecherwarnung hören kann - und ohne Gurt.

Um 08.22 Uhr kracht es zum zweiten Mal zwei Mal hintereinander. Alle zucken zusammen. Ein kurzer Anruf ergibt, dass diesmal israelische Panzer von der Grenze aus Granaten in den Gazastreifen abgefeuert haben.

Sprengstoff mit Schrauben und Bolzen
In einem langen, mehrstöckigen Regal auf dem Hof der Polizeistation sind die Überreste von dutzenden Raketen gestapelt - alle vom Dezember. Jede militante Palästinenserorganisation hat einen eigenen Namen für ihre Raketen. Die Hamas feuert die «al-Kassam», der Islamische Dschihad die «al-Quds» und die Volkswiderstandsgruppen die «al-Nasr». Alle Raketen haben eins gemeinsam: Sie sind rund 1,60 Meter lang und mit sechs Kilo Sprengstoff gefüllt. Um möglichst viele Israelis in den Tod zu reißen oder schwer zu verletzten, haben die Raketenbauer noch Muttern, Bolzen oder Schrauben beigefügt.

Schräg gegenüber der Polizeistation ist am Sonntag eine Rakete im Vorgarten eines Wohnblocks explodiert. Der Druck und die Schrapnelle haben Fenster zersplittert, Fensterläden heruntergerissen und die Hauswand wie bei einem Schweizer Käse zerlöchert. Unter einem Strauch liegen die Reste einer Taube. Schrapnelle haben ihren Kopf und ihre Flügel abgerissen.

«Die Menschen sind nur noch Nervenwracks»
Ein Mann schaut völlig teilnahmslos aus einem Fenster. «Wie geht es?» fragt Andy David, der Vizesprecher des israelischen Außenministeriums, der seinen Arbeitsplatz nach Sderot verlagert hat. «Gut», lautet die einsilbige Antwort. «Die Menschen sind nur noch Nervenwracks», sagt David. «Einige haben sich völlig verschlossen. Andere können nicht mehr weinen. Andere sind wie Puppen. Man sieht keinerlei Emotionen mehr.»

10.046 Raketen sind nach Zählung einer Bürgerinitiative in den vergangenen acht Jahren in Sderot und Umgebung eingeschlagen. Die Unterstützung der Einwohner für die israelische Militäroffensive im Gazastreifen, mit der die Raketenangriffe nach Armeeangaben auf ein Minimum reduziert werden sollen, ist groß. «Es ist nicht schön, gegen die Bevölkerung vorzugehen, aber es muss getan werden. Wir müssen es (den Raketenbeschuss) beenden», sagt David Mansur, einer der wenigen Männer auf der Straße.

Jugendliche räumen auf
Wieder gibt es einen Knall, wieder zuckt alles zusammen - dieses Mal war es der Überschallknall eines israelischen Kampfflugzeuges. Eine Gruppe von Jugendlichen läuft die Herzl-Straße herunter. Auf ihren weißen T-Shirts prangt ein rotes Herz. Es sind die neuen Nachbarschaftshelfer. «Wenn eine Rakete explodiert ist, helfen wir beim Aufräumen. Wenn Fenster zersplittert sind, setzen wir Schutzfolien ein. Oder wir spielen mit den Kindern», sagt Gabi Grabin, einer der Freiwilligen. «Wenn so etwas Großes wie hier passiert, kann man nicht einfach nur rumsitzen und fernsehen.»

Um 11.25 haben die Jugendlichen ihren ersten Einsatz. Eine Kassam- Rakete ist in einem Wohnhaus eingeschlagen. Wieder gibt es einen Verletzten und Sachschaden. (Hans Dahne, dpa)