23.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Eric Breininger vor einem Banner der IJU
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Sie agiert im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet und steht Al Qaeda nah: Die Islamische Dschihad Union rekrutiert zunehmend deutsche Islamisten für ihre Zwecke. Ihr Ziel: Den Terror auch nach Deutschland tragen.
Der islamistische Terrorismus hat die fließenden Konturen einer Amöbe. Namen tauchen auf und verschwinden, Terrorzellen bilden sich und werden wieder zerschlagen, Reisende in Sachen «Heiliger Krieg» spinnen ihre Fäden von Deutschland über verschlungene Wege ins Zentrum des großen Netzwerks, ins Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan.
Dort sitzt der Kern von AL Qaeda, von dort aus agiert auch die mit Al Qaeda verwobene Islamische Dschihad Union (nach der englischen Schreibweise abgekürzt: IJU). Und die Festnahme in Hessen wie auch das Rätselraten um den deutschen Konvertiten Eric Breininger belegen erneut: Von der IJU geht derzeit die größte Bedrohung für Deutschland aus.
Aufhorchen lässt bereits, dass der am Mittwoch im hessischen Langen verhaftete Türke der Bruder von Adem Yilmaz ist - einem mutmaßlichen Terroristen, der zusammen mit den deutschen
Konvertiten Fritz Gelowicz und Daniel Schneider den bisher wohl weitreichendsten Anschlagsplan im Bundesgebiet ausgetüftelt hatte. Der Sprengstoff, den die im September 2007 im Sauerland festgenommene Terrorzelle aus großen Mengen Wasserstoffperoxid destillieren wollte, hätte gleich für mehrere Autobomben gereicht. Auftraggeber des Trios - da sind die Behörden nach monatelanger Überwachung ziemlich sicher - war die IJU.
Kleine Hilfsdienste für den TerrorDer kleine Bruder des mutmaßlichen Bombenbastlers war - so der Vorwurf der Bundesanwaltschaft - selbst in Sachen Terror unterwegs. Für die IJU soll er über Mittelsmänner in der Türkei Ausrüstung und Geld nach Pakistan transferiert haben. Keine großen Posten, aber einer jener kleinen Hilfsdienste, die das Räderwerk des Terrors in Bewegung halten.
Zudem scheinen die Yilmaz-Brüder in Langen einen Islamisten-Treff betrieben zu haben, der mindestens der ideologischen Stärkung, wahrscheinlich aber auch der konkreten Planung diente.
Man traf sich in einer Gartenlaube: Dort soll Cüneyt Ciftci aus dem bayerischen Ansbach aufgetaucht sein, der Anfang März als Selbstmordattentäter in Ost-Afghanistan vier Menschen mit in den Tod riss.
Oder Hüseyin Ö., den die Bundesanwaltschaft Mitte September ebenfalls als mutmaßlichen Terrorhelfer der IJU verhaftet hat. Oder auch Sadullah Kaplan, ein junger Türke, der im Herbst 2007 als «Kämpfer» am Hindukusch bei einem Raketenangriff der Amerikaner getötet wurde. Kaplan - so meldet das Magazin «Focus» - soll denn auch der Mittelsmann des Yilmaz-Bruders in der Türkei gewesen sein.
Islamisten, die in Deutschland radikalisiert wurdenAm Beispiel der Langener Gartenlaube lässt sich auch das Prinzip des islamistischen «Networking» in Deutschland illustrieren. Von dort lässt sich - weil jeder jeden kennt - ein loser Faden zu den beiden Islamisten spinnen, die vor kurzem bei der Ausreise auf dem Flughafen Köln/Bonn aus dem Flugzeug geholt und kurzzeitig in Haft genommen worden waren. Konkrete Terrorpläne konnte man ihnen trotz ernsthaften Verdachts allerdings nicht nachweisen.
Dabei spielen zunehmend Islamisten eine Rolle, deren Radikalisierung sich in Deutschland vollzogen hat; Sicherheitsbehörden veranschlagen ihr Potenzial auf 40 Prozent.
Türkische Einwanderer ab der zweiten Generation spielen dabei eine wachsende Rolle, zudem deutschen Konvertiten, deren Anteil in der Islamistenszene auf 15 Prozent geschätzt wird.
Wie beispielsweise Eric Breininger: Der junge deutsche Konvertit aus dem Saarland, dessen angeblich bevorstehende Rückkehr nach Deutschland das Bundeskriminalamt (BKA) zu einer Öffentlichkeitsfahndung veranlasste, wohnte mit dem Yilmaz-Kumpel Daniel Schneider zusammen. Gerade hat Breininger - Kampfname Abdul Gaffar el-Almani - per IJU-Video wieder mit Anschlägen auf die Bundeswehr gedroht. «Persönlich», fügte er hinzu, plane er derzeit in Deutschland allerdings keinen Anschlag - er sei in Afghanistan.
Ausstaffiert mit Sturmgewehr und KampfmonturSeit geraumer Zeit ist Breininger - ausstaffiert mit Sturmgewehr - und Kampfmontur - immer wieder auf Videos der IJU zu sehen.
Eine hervorgehobene operative Rolle traut man dem eher schlicht wirkenden 21-Jährigen nicht unbedingt zu; eher scheint er sich stark an seinem väterlichen Freund Hussein el-Malla zu orientieren, nach dem das BKA ebenfalls fahndet. Jedenfalls dürfte er wegen seiner deutschen Staatsangehörigkeit eine wichtige Rolle im Propagandakonzept der IJU spielen, deren Internet-Aktivitäten neue Unterstützer für den «Dschihad» werben sollen.
Denn letzte Woche hat der Bundestag das Afghanistanmandat der Bundeswehr verlängert - aus terroristischer Sicht ein erneuter Beleg, dass Deutschland zum Lager der Ungläubigen und «Kreuzzügler» gehört. (Wolfgang Janisch, dpa)