Obama in Berlin: 

netzeitung.deGänsehaut beim Obama-Tsunami

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Irgendwo auf diesem Bild ist auch Obama... (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Irgendwo auf diesem Bild ist auch Obama...
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Mehr als 200.000 Menschen wollten den demokratischen Präsidentschaftsbewerber in Berlin live erleben. Maike Schultz war mittendrin: zwischen Obama-Fans, US-Amerikanern und echten Berlinern. Mit Video

Hier gehts zum NZ-Obama-Quiz>>> Die Brandung nimmt schon am Brandenburger Tor ihren Lauf. Sie ist blau und trägt den Spruch «Global Tsunami of Change». So lautet der offizielle Wahlkampf-Spruch von Barack Obama. Auf den dazugehörigen T-Shirts ist – etwas pietätlos vielleicht – eine schäumende Riesenwelle abgedruckt. Der Welle folgen hunderte Menschen. Sie alle strömen in Richtung Siegessäule.

Nur zwei Frauen versuchen, sie aufzuhalten: «In Deutschland lebende US-Amerikaner, ihr müsst wählen gehen! Kommt zu uns und registriert euch», rufen sie auf englisch in die Menge. Auf einer Bierbank sitzen schon ein paar und füllen Formulare aus. Es ist ein Heimspiel der Demokraten.

Stimmen zur Rede (1:30 min); Video: nz/tst/msc

Typisch für eine Berliner Großveranstaltung nutzen auch einige Unpolitische die öffentliche Aufmerksamkeit für ein paar schnelle Euros. Straßenmusiker säumen die blitzblanke Straße des 17. Juni - keine Spur mehr von der roten Farbe zu sehen, die am Mittwoch ein Amokfahrer verschüttet hatte. Auf der Mitte der Fahrbahn parken Rikschas. Sie haben sich in «Bio-Taxis» umbenannt und sind mit Plastikblumen geschmückt.

Nur zwei Großbildleinwände
Wer noch kein T-Shirt hat, kann es hier erwerben. Neben den «Tsunami»-Verkäufern steht ein dunkelhäutiger Mann mit Reisekoffer. Keine Sonnenbrillen oder Armbanduhren, sondern selbst gedruckte Obama-Shirts liegen darin. Auf seinen Modellen prangt sogar das Konterfei der USA-Flagge.

Eine Künstlergruppe trägt, als Gartenzwerge verkleidet, ein Plakat mit der schlichten Aufschrift «Obama» spazieren. Weiter vorne dürfen sie das nicht, aber 300 Meter vor der Bühne ist um 18 Uhr ohnehin kein Durchkommen mehr. Die meisten Menschen haben es sich schon auf dem Boden vor der ersten Leinwand bequem gemacht. Im Gegensatz zur Fanmeile während der Fußball-Saison gibt es davon an diesem Tag nur zwei mickrige Exemplare – dafür braucht man hier aber auch keine Sicherheitsschleusen zu durchlaufen. Auch uniformierte Polizisten sind kaum zu entdecken.

«So eine Scheiße, man sieht gar nichts» meckert eine Frau mit rot glühendem Gesicht vor sich hin. «Selbst Dr. Motte stand bei der Love Parade weiter oben». Obama dagegen will – in Metern gesprochen - nicht so hoch hinaus. Für ihn wurde ein schlichtes Podest weit unterhalb der «Goldelse» aufgebaut.

«Ich war schon bei Kennedy»
Den meisten Leuten ist das ebenso egal, wie die Tatsache, dass sie Obama gar nicht wählen dürfen. Sie trinken Bier und blinzeln gut gelaunt in die warme Abendsonne. Überall riecht es nach Bratwurst. Radikale Obama-Fans («I love him!») mischen sich mit Anzug-Yuppies, die von der Arbeit mal eben zum «Rede-Gucken» herüber geschlendert sind.

«Mehr noch als Obama interessiert mich die Atmosphäre hier», sagt einer. Manfred Heinze und seine Frau wollen den «historischen Moment» miterleben: «Ich war auch schon bei Kennedy am Schöneberger Rathaus dabei», sagt sie stolz. Von Obama wünscht sie sich mehr Einsatz für den Klimaschutz, den bei diesem Anlass auch Vertreter der Grünen auf selbst verteilten Stickern fordern.

Andere machen keinen Hehl daraus, dass sie lieber Hillary Clinton hier gesehen hätten: «Ich unterstütze ihn trotzdem, weil er Demokrat ist», sagt die Berlinerin Claudia Schmidt. «Hauptsache keinen Bush mehr. Das ist wie bei der Fußball-WM - als wir im Halbfinale ausgeschieden sind, war ich eben für Frankreich. Hauptsache nicht Italien». Ein Tourist wundert sich: «Ich verstehe gar nicht, warum die so einen Wirbel machen und zu Hunderttausenden hierhin pilgern», sagt er. Mitgegangen ist er trotzdem.

«Ich will, dass er Bundespräsident wird»
Als Obamas «Vorband» Raemonn um 19 Uhr die Bühne räumt, legt sich eine unheimliche Stille über den Tiergarten. Wie bei der Ruhe vor dem Sturm kommt ein leichter Wind auf. Stürmisch ist dann auch der Jubel, als sich Barack Obama zwanzig Minuten später vor sein Rednerpult stellt. Mit «Obama-Obama»-Rufen feiern ihn die Zuschauer wie einen Popstar.

Die Stimmung erinnert an die Kundgebung vom Dalai Lama, der vor einigen Wochen noch direkt vorm Brandenburger Tor reden durfte. Diesmal werden keine Tibet-, sondern Amerika- und Regenbogenfahnen geschwenkt. «Ich will, dass er Bundespräsident wird», sagt eine blonde junge Frau. «Also was heißt Bundespräsident – der Chiefmaster der USA halt».

Wie angewurzelt stehen die Zuschauer auf der Straße und lauschen mit andächtiger Miene dem designierten Präsidentschaftskandidaten. Der hat sich ordentlich briefen lassen: Er redet viel über die Hauptstadt, die Besatzungsmächte, die Rosinenbomber und natürlich die Mauer. «Wir dürfen nicht zulassen, dass eine neue Mauer entsteht», sagt Obama im Hinblick auf das angeschlagene deutsch-amerikanische Verhältnis.

Immerhin gebe es gemeinsam mit der ganzen Weltgemeinschaft eine Menge Probleme zu lösen: Terrorismus, Atomwaffen, Afghanistan, Afrika und den Klimawandel. Kaum ein globaler Krisenherd wird ausgelassen, aber bei zwei Aussagen brandet besonders tosender Applaus auf: Der Demokrat kündigt eine Senkung des CO2-Ausstoßes und das Ende des Irak-Einsatzes an. «Wir müssen unseren Kindern ihre Zukunft zurückgeben». Aus den versetzten Lautsprechern schallt das Echo seiner Worte nach.

Verzaubert und enttäuscht zugleich
Obama redet langsam, ruhig und wird immer genau an den richtigen Stellen laut. Seine Stimme und Art zu sprechen erinneren frappierend an Martin Luther King. Jeden Moment erwartet man den Satz «I have a dream» zu hören. Und da ist sie, obwohl man sie doch gar nicht wollte: Die Gänsehaut. Eine halbe Stunde verfliegt wie wenige Minuten.

Danach sind alle so verzaubert wie enttäuscht: «Erwartbar» seien seine Worte gewesen, nichts als «Schönrederei», die ja doch nicht eingehalten werde. «Wenn er so viel für die Umwelt tun will, soll er doch mit dem Fahrrad zurück in die USA fahren», kritisiert ein Radfahrer. Nur bei einem sind sich alle einig: «Er hat verdammt viel Charisma.» Zu spüren war es, auch aus der Ferne. Aber von Barack Obama, live und aus Fleisch und Blut, haben 90 Prozent der Anwesenden noch nicht einmal den Haaransatz gesehen.