Tagesthema Afghanistan:
Zum Baden mit der Kalaschnikow
11. Jun 2008 17:34
 |  Taxi in Kabul: Afghanische Frauen dürfen nicht selbst fahren | Foto: AP |
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Weil sie sich für das Land interessierte, ging Sabine F. für eine deutsche Firma nach Kabul. In der
Netzeitung berichtet sie von einem Alltag, der nichts Alltägliches hat. «Wenn in Afghanistan ein Termin nicht klappt, hat das andere Gründe als in Deutschland», sagt sie. «Meist schwerwiegende.»
Als ich in Kabul ankam, hatte ich keinen normalen Tagesablauf wie in Deutschland mehr. Ich wurde rund um die Uhr bewacht von bewaffnetem Personal. Wächter sitzen in kleinen Häuschen vor den Häusern, in denen Ausländer oder reiche Afghanen leben. Ich bin immer mit gepanzerten Fahrzeugen zur Arbeit gefahren. Dort war ich wieder bewacht durch eingezäunte Gebäude und Wachpersonal.
Mein Unternehmen hat meine Wächter bezahlt. Das waren aber keine Afghanen. Die sind einfach zu arm, als dass ich mein Leben in deren Hände gebe. Schutz von Soldaten gibt es kaum. Soldaten unterliegen der Bürokratie und dürfen sehr wenig.
Der Vorteil der Camps ist, dass die Waren dort nicht alt sind. Wenn ich bei Einheimischen gekauft habe, war meistens alles über das Verfallsdatum abgelaufen. Aber die Leute waren immer sehr nett und es gab kleine Geschenke zum Probieren. Ich war aber nicht oft da, weil ich nie wusste, welche Kontakte sie zu den Taliban haben oder zu anderen Gruppen. Die Entführungsgefahr ist sehr hoch.
Einkaufen im Militärcamp
Einfache Alltagsdinge sind in Afghanistan problematisch. Ich konnte nicht einfach so einkaufen gehen. Schon gar nicht als deutsche Frau. Einkaufen konnte ich in den Militärcamps. Die sind sehr schwer bewaffnet. Es dauert, bis man dort überhaupt einen Passierschein bekommt.
Ein Steak in sechs Monaten
Ich habe mich nur in Kabul bewegt. Außerhalb war es zu gefährlich. In der Stadt konnte ich nie spontan aus dem Haus gehen. Meine Freizeit habe ich im Militärcamp verbracht. Das war das Highlight: mal im Camp Cafe trinken gehen, einen Burger essen oder mal ein Eis kaufen. Wir haben einen einzigen Ausflug zu einem See in der Nähe von Kabul gemacht. Da hatten wir Wachpersonal mit Kalaschnikows dabei. Dann bin ich noch in zwei ausländischen Restaurants gewesen.
 |  Bettler auf der Straße: viele Afghanen leben in bitterer Armut | Foto: AP |
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Meine schönsten Freizeiterlebnisse in sechs Monaten waren ein Steak beim Australier und ein Besuch beim Italiener. Einmal habe ich afghanische Schulen im Winter gesehen. Das waren offene Zelte von gemeinnützigen Organisationen, die voller Schnee waren. Die standen leer. Die Kinder gehen im Winter nicht in die Schule, sondern arbeiten. Mit acht Jahren müssen die richtig arbeiten.
Unverschleiert in Kabul
Als deutsche Frau hatte ich Narrenfreiheit. Als unverschleierte Deutsche war ich wie etwas Außerirdisches aus dem Zoo. Wenn ich mit meinem Auto gefahren bin, haben mich die Afghanen angestarrt. Als Deutsche haben wir da aber einen Vorteil, weil wir beliebt sind. Deshalb konnte ich mich in Kabul freier bewegen.
Afghanische Frauen können nicht so frei auf der Straße herumlaufen. Es gibt aber tapfere Frauen, die unverschleiert waren. Die haben Unterstützung aus einem progressiven Elternhaus. Dann kann eine Frau auch arbeiten.
Ich durfte ins Frauenzimmer
Ich wollte die Afghanen kennenlernen. Als ich einen Kollegen zu Hause besucht habe, waren die Männer in einem Raum und die Frauen in einem anderen Raum. Ausländische Männer dürfen die Frauen nicht sehen. Ich durfte ins Frauenzimmer.
 |  Kaum Bewegungsfreiheit: afghanische Frau beim Abwaschen | Foto: AP |
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Dort habe ich die Schwester meines Kollegen getroffen. Sie lag mit ihren drei Kindern in einem Raum, der maximal zehn Quadratmeter groß war. Die hatten keinen Strom, kein fließendes Wasser. Wir haben uns nur mit Händen und Füßen verständigt. Obwohl sie so arm waren, haben sie mir ein afghanisches Tuch in rosa geschenkt.
Auf dem Weg zum Geldtransporter erschossen
Andere Frauen konnte ich auch bei Kosmetikbesuchen treffen. Das gab es. Aber ich musste vorher planen und es konnte immer etwas passieren. Einmal wurde der Mann einer Kosmetikerin auf dem Weg zum Geldtransporter erschossen. Da war die Kosmetikerin sechs bis acht Wochen weg und ich musste zu Hause bleiben.
Wenn in Afghanistan ein Termin nicht klappt, hat das andere Gründe als in Deutschland. Es ist meist schwerwiegender. Da habe ich gemerkt, dass viele einfache Sachen wie Haare schneiden oder Kosmetikbesuche dort nicht mehr funktionieren.
Angst vor Entführung
Aus Angst vor Anschlägen oder Entführungen habe ich in Kabul immer versucht, meinen Tagesablauf abwechslungsreich zu gestalten. Manchmal habe ich spontan gesagt, heute komme ich eine halbe Stunde später zur Arbeit oder gehe gar nicht hin oder nehme ein anderes Auto oder einen anderen Weg. Ein Kollege ist in das Attentat am Kabuler Flughafen hineingeraten. Da bin ich gerade 20 Minuten vorher lang gefahren. Die Lage in Afghanistan war oft unberechenbar für mich. Nach sechs Monaten bekam ich eine Entführungsandrohung. Dabei geht es nur um Geld, nicht um Politik. Das war sehr traurig für mich, denn ich wollte das Land nicht verlassen. Jetzt kann ich erstmal nicht mehr nach Afghanistan fahren.
Protokoll: Bettina Meier