Enttäuschung über Ausgang der UN-Konferenz: 

netzeitung.de«Artenvielfalt als Zoo behandelt»

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Wie immer optimistisch: Merkel und Gabriel (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Wie immer optimistisch: Merkel und Gabriel
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Umweltminister Sigmar Gabriel ist zufrieden mit den Ergebnissen der UN-Artenschutzkonferenz. Dabei ist der Streit um Biosprit weiterhin nicht beigelegt, und die Finanzierung von Schutzgebieten ist ungeklärt. Mit Video

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat die UN-Artenschutzkonferenz als einen Erfolg bezeichnet. Nach Abschluss des dreitägigen Ministertreffens am Freitag in Bonn sagte Gabriel, er habe nicht erwartet, «in so vielen Punkten echte Fortschritte zu erzielen». Umweltschützer bezeichneten diese jedoch als unzureichend.

Zwei Wochen lang hatten rund 5000 Delegierte aus 191 Staaten über den Schutz der Artenvielfalt verhandelt und zumindest eine Vereinbarung im Kampf gegen Biopiraterie erzielt. Es habe einen konkreten Verhandlungsauftrag und einen Fahrplan für weitere Verhandlungen über den Zugang zu genetischen Ressourcen und den gerechten Ausgleich der Vorteile ihrer Nutzung gegeben, sagte Gabriel. Diese Vereinbarung soll als «Bonner Mandat» die UN-Konvention über biologische Vielfalt (CBD) ergänzen.


Finanzfragen weiterhin offen
Gabriel lobte auch die deutsche Life-Web-Initiative. Sie soll Länder, die Schutzgebiete ausweisen wollen, mit denjenigen zusammenbringen, die sie finanzieren können. Nach Merkels Zusage von 500 Millionen Euro für den Waldschutz in der Zeit bis zum Jahr 2012 und dem gleichen Betrag jährlich ab 2013 seien zusätzliche Flächen in einer Größe von 65 Millionen Hektar - rund das eineinhalbfache der Bundesgebiets - von mehr als 30 Ländern und Regionen angeboten worden.

Kritik vom BUND
Sie stellen die Schutzgebiete aber nur bereit, wenn sich andere Länder oder private Organisationen als Geldgeber beteiligen - und dazu gab es keine klare Zusagen. Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), reagierte enttäuscht auf die Zurückhaltung: «Leider sind die meisten Industriestaaten den entsprechenden Initiativen Norwegens und Deutschlands nicht gefolgt.»

Damit Deutschland glaubwürdig bleibe, müsse es zunächst Defizite beim Naturschutz vor der eigenen Haustür abbauen, meinte Weiger. Deutliche Verbesserungen erforderlich seien beim Schutz des Wattenmeeres, der Alpen und der Buchenwälder. Er forderte außerdem eine drastische Reduzierung des Flächenverbrauchs und die Förderung einer umweltschonenden Landwirtschaft.

Streitthema Biosprit vertagt
Das Streitthema Biosprit vertagte die Konferenz erst einmal. In der Frage, ob und wie gentechnisch veränderte Bäume angebaut werden sollen, verständigten sich die Delegierten lediglich darauf, vor jedem Anbau das Risiko abzuwiegen. Erst 2010 soll auf der nächsten Artenschutzkonferenz in Nagoya in Japan über Nachhaltigkeitskriterien entschieden werden. Gabriel sagte, dies sei ein «Riesenerfolg, gemessen an den Ausgangsbedingungen».

Das sieht Weiger anders: Man müsse Gentech-Bäume verbieten und bereits jetzt international verbindliche Standards für den Biomasseanbau verabschieden, sagte der BUND-Vorsitzende. Beides bedrohe die Artenvielfalt in besonderem Maße.
Besonders Brasilien weigerte sich nach Angaben von Greenpeace, verbindliche Regeln für Agrotreibstoffe zu akzeptieren. Auch beim Kampf gegen den illegalen Urwaldeinschlag habe das Bonner Gipfeltreffen keine Fortschritte gebracht.

Künstlich erzeugte Algenblüte abgelehnt
Bei einer weiteren Streitfrage, der Meeresdüngung, habe es ein Moratorium gegeben, berichtete Gabriel. Ziel der Meeresdüngung mit Eisen ist es, eine Algenblüte hervorzurufen, um möglichst viel klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) zu binden. Der Minister versicherte: «Es wird jetzt nicht zu der so genannten Ozeandüngung kommen.»

Sprecher David Ainsworth vom Sekretariat der Konvention über biologische Vielfalt (CBD) erklärte, einige Staaten wollten zunächst mehr Forschung auf dem Gebiet. Andere hätten darauf hingewiesen, dass es sich um Meeresgebiete außerhalb nationaler Einflussgebiete handele.

Kritik von Umweltschützern
Der Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen UNEP, Achim Steiner, sagte, die zweiwöchigen CBD-Verhandlungen seien keine Zeitverschwendung gewesen. «Wir haben neuen Wind in den Segeln dieser Konvention - und das war höchste Zeit.» Hubert Weiger vom BUND lobte nur die Installierung des Biodiversitäts-Rates, der ähnlich dem UN-Weltklimarat arbeiten soll: «Das zentrale Ziel der UN-Konferenz, das Artensterben bis 2010 zu stoppen, wird mit den Bonner Beschlüssen nicht erreicht.»

Auch die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Bärbel Höhn, äußerte sich skeptisch über tatsächliche Fortschritte durch die UN-Konferenz. Die ehemalige nordrhein-westfälische Umweltministerin sprach sich für mehr bilaterale Umweltprojekte der Bundesregierung mit anderen Ländern aus.

Tief enttäuscht von den Ergebnissen der Konvention für Biologische Vielfalt zeigten sich die Organisatoren von «Planet Diversity». Bei dem Gegengipfel hatten 700 Vertreterinnen und Vertreter von Bauern-, Umwelt-, Entwicklungs- und anderen Nichtregierungs-Organisationen aus 100 Ländern ihre Erwartungen an die Regierungsvertreter formuliert. «Gemessen an der Herausforderung, vor der wir stehen, sind die Ergebnisse eine Katastrophe», sagte etwa Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft.

«Die radikale Wende in der Landwirtschaft, die Abkehr von Monokulturen, der Verzicht auf Patente zur Privatisierung der Vielfalt, auf Gentechnik und Agar-Sprit standen nicht einmal auf der Tagesordnung», monierte er. »Solange Vielfalt als Zoo behandelt wird und nicht als unsere gemeinsame Lebensgrundlage, wird das Artensterben weiter voranschreiten.« (nz/dpa/AP)

Video: Merkel fordert Signal für den Artenschutz