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Staatskrise im Libanon: 

Schiiten kontrollieren Zentrum von Beirut

09. Mai 16:58, ergänzt 22:12
Ein schiitischer Straßenkämpfer mit Automatikgewehr
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Auf den Dächern Beiruts stehen maskierte Schützen, in den Straßen patrouillieren bewaffnete Milizen: Im Libanon gerät die Regierung immer stärker unter Druck. Kanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier versicherten Premier Siniora ihre Unterstützung.

Der Libanon steuert möglicherweise auf einen neuen blutigen Bürgerkrieg zu. Kämpfer der pro-iranischen Miliz Hisbollah und der schiitischen Amal-Bewegung brachten am Freitag mehrere Viertel im Zentrum Beiruts unter ihre Kontrolle. In der Hauptstadt wurden nach Angaben von Krankenhausärzten mindestens 13 Menschen getötet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat angesichts der verschärften Lage im Libanon am Freitagabend mit dem libanesischen Premierminister Fuad Siniora telefoniert. Dieser hatte ihr seine Sorge über die aktuelle Situation in seinem Land übermittelt. Merkel habe den Premierminister ihrer Unterstützung versichert. Insbesondere unterstütze sie seinen Aufruf zur Einstellung aller Gewalt und zur Rückkehr zu einem innerlibanesischen, friedlichen Dialog, der schnellstmöglich zur Wahl eines neuen libanesischen Präsidenten führen sollte.

Appelle von Steinmeier, Abbas, der Eu und den USA

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sagte am Freitag nach einem Telefonat mit dem libanesischen Regierungschef Fuad Siniora: «Ich fordere alle Parteien dringend auf, ihre bewaffneten Anhänger zurückzuziehen, die Waffen niederzulegen und das Gewaltmonopol des libanesischen Staates anzuerkennen.» Er sei zutiefst besorgt über die Eskalation der Gewalt im Libanon.

Auch die US-Regierung forderte die Hisbollah auf, ihre Gewalt einzustellen. Die USA seien sehr besorgt über die jüngsten Aktionen der Hisbollah, sagte Gordon Johndroe, Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates im Weißen Haus. Die EU rief die Konfliktparteien auf, die Kämpfe sofort zu beenden. Der Weltsicherheitsrat hatte zuvor an alle appelliert, Ruhe und Zurückhaltung zu bewahren. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas rief die rund 400.000 Einwohner der Flüchtlingslager im Libanon auf, sich aus dem Konflikt herauszuhalten.

Innenstadt ist wie ausgestorben

Augenzeugen hörten in der Innenstadt von Beirut den ganzen Tag über immer wieder Maschinengewehrsalven und den Knall explodierender Granaten. Die Armee, die einige Gebäude schützte, ließ zu, dass Schiiten auch in den vorwiegend von Sunniten bewohnten Stadtteilen Stellung bezogen.

Unter den Opfern waren auch unbewaffnete Passanten. Ein Krankenhausmitarbeiter sagte, die Leiche eines enthaupteten Sunniten sei in das Leichenschauhaus der Klinik gebracht worden: «Seine Verwandten behaupteten, militante Schiiten hätten ihn in seiner Wohnung im Stadtteil Ras al-Nabaa getötet.»

Die Innenstadt von Beirut war am Freitagnachmittag mehr oder weniger ausgestorben, nachdem viele Familien aus ihren Häusern in sicherere Gebiete im christlichen Osten der Stadt geflohen waren. Maskierte Schützen standen auf vielen Dächern. «Wir haben die Nacht im Badezimmer verbracht, weil es dort am sichersten war, es war die Hölle», sagte Salwa Hitti, die mit ihrer Familie im Zentrum wohnt.

Bewohner flüchten ins christliche Viertel

Zahlreiche Bewohner der Innenstadt flohen vor den Kämpfen in den christlichen Ostteil Beiruts, der von den Straßenkämpfen, die am Mittwoch begonnen hatten, bislang verschont blieb. Augenzeugen berichteten, im Stadtzentrum sei am Vormittag immer noch vereinzelt Gewehrfeuer zu hören gewesen. Am Nachmittag waren wieder mehr Soldaten auf den Straßen zu sehen.

Am Morgen hatten Hisbollah-Kämpfer das Büro der Zeitung «Al- Mustaqbal» (Die Zukunft) mit Maschinengewehren und Granaten unter Beschuss genommen. Die Zeitung gehört zum Medienkonzern der sunnitischen Hariri-Familie, die mit dem pro-westlichen Ministerpräsidenten Fuad Siniora verbündet ist.

Sie zogen nach Angaben der Journalisten erst ab, als Soldaten eintrafen. Der 2005 ermordete Milliardär und Ex-Ministerpräsident Rafik Hariri war der «Vater des Wiederaufbaus von Beirut» nach dem Ende des Bürgerkrieges (1975-1990) gewesen.

Sondersitzung der Arabischen Liga gefordert

Saudi-Arabien und Jordanien, die beide die Siniora-Regierung unterstützen, forderten die Einberufung einer Sondersitzung der Arabischen Liga in Kairo. Nach Informationen arabischer Diplomaten soll das Herrscherhaus von Saudi-Arabien schon in den vergangenen Tagen geheime Gespräche mit dem Iran geführt haben. Teheran habe den Saudis angeboten, sich für eine Beendigung der Krise zwischen dem pro-westlichen Lager und der von der Hisbollah geführten Opposition einzusetzen. Im Gegenzug solle Saudi-Arabien seinen strategischen Partner USA davon überzeugen, den Iran wegen seines Atomprogramms nicht mehr so stark unter Druck zu setzen.

Ausländer flüchten nach Syrien

Hunderte Menschen, darunter auch Ausländer, flüchteten auf dem Landweg nach Syrien. Die kuwaitische Botschaft in Beirut brachte rund 150 kuwaitische Staatsbürger mit Bussen außer Landes. Die Straße zum Flughafen Beirut blockieren seit Mittwoch Kämpfer der Hisbollah. Auch einer der Grenzübergänge zu Syrien ist unpassierbar. Die deutsche Botschaft plant bislang keine Evakuierung. Das Auswärtige Amt rät aber dringend von Reisen in den Libanon ab. (AP/dpa)

 
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