Völkerrechtsexperte über Birma:
«Wir müssen mit dem Regime kooperieren»
08.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Hans-Joachim Heintze: Zunächst mal geht es hier um das Überleben von sehr vielen Menschen. Wenn die sehen, dass Hilfe unterdrückt wird, steigt natürlich die Wut. Ich betrachte die Lage im Land als sehr explosiv. Der Volkszorn in Birma ist ja schon länger zu beobachten und könnte nun in Feindseligkeiten eskalieren.
Netzeitung.de: Darf ein Staat sich überhaupt weigern, Hilfe anzunehmen?
Heintze: Juristisch gesehen schon. Staaten sind souverän und bestimmen selbst, wer einreisen darf. Dieser Anspruch überlagert sich jetzt mit der moralischen Verpflichtung, Hilfe zu leisten. Bei Kriegen ist die juristische Lage eindeutiger, im Fall einer Naturkatastrophe greift das Völkerrecht noch nicht. Hier sind die örtlichen Behörden verantwortlich.
Heintze: Die Franzosen haben gerade versucht, im Sicherheitsrat eine UN-Resolution durchzusetzen, die das Land zur Annahme der Hilfe zwingt. Das Ergebnis steht noch aus. Eine Rechtspflicht wäre angesichts ähnlicher Probleme in Nordkorea oder Darfur durchaus wünschenswert. Bis dato gibt es eine völkerrechtliche Verpflichtung zu schützen, die beispielsweise zu den humanitären Interventionen im Kosovo geführt hat. Damit übernimmt man allerdings längerfristig Verantwortung für das Schicksal eines Landes. Im Falle Birmas würden Zwangsmaßnahmen zusätzlich einen Konflikt mit China provozieren.
Netzeitung.de: Laut Hilfsorganisationen wurden Lieferungen aus Thailand und China zunächst in burmesische Transporter umgepackt, was wertvolle Zeit verschwendet hat. Wie beurteilen Sie dieses Handeln?
Netzeitung.de: Aber das Vortäuschen von Hilfslieferungen des eigenen Regimes war doch eine reine Propaganda-Aktion.
Heintze: Ich glaube es liegt klar auch im Interesse der Machthaber, Hilfe zu bekommen. Aber sie fürchten den Einfluss westlicher Gedanken auf die ohnehin schon unzufriedenen Menschen. Oder dass zu viele Informationen über ihre Machenschaften nach außen dringen. Das gefährdet jede Diktatur.
Netzeitung.de: Welche Lösung schlagen Sie als Völkerrechtsexperte vor?
Hans-Joachim Heintze leitet das Institut für Friedenssicherungs- und Humanitäres Völkerrecht an der Ruhr-Universität Bochum. Das Gespräch mit ihm führte Maike Schultz.

