Drogenbericht der Bundesregierung:
Komasaufen ist neuer Jugendtrend
05. Mai 2008 17:26
 |  Lieber ein strammer Cocktail als teure Alcopops | Foto: dpa |
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Die Anti-Alkohol-Kampagnen der Regierung versagen offenbar: Statt steuerlich verteuerter Alcopops konsumieren Jugendliche jetzt billiges Hochprozentiges. Trotzdem will Drogenbeauftragte Bätzing einen neuen Aktionsplan.
Statt mit illegalen Drogen wie Hasch oder Heroin dröhnen sich immer mehr Jugendliche massiv mit Alkohol zu. Jeder vierte Jugendliche betrinkt sich einmal im Monat hemmungslos. Die Zahl der mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingelieferten Kinder und Jugendlichen verdoppelte sich seit 2000 auf zuletzt 19.500 Patienten im Jahr, sagte die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) bei der Vorstellung des Drogen- und Suchtberichts 2008.
«Die problematischen Konsummuster nehmen vor allem bei jungen Menschen zu», erläuterte sie. Vor zwei Jahren hatte der Anteil jugendlicher Rauschtrinker noch bei 20 Prozent gelegen. Dagegen rauchen weniger Jugendliche. Insgesamt gefährden sich trotz aller Appelle Millionen Menschen mit Tabak, Alkohol und Medikamenten. Erstmals seit Jahren stieg auch die Zahl der Herointoten wieder. Nach der höheren Besteuerung süßlicher Alkopops 2004 seien viele Jugendliche auf Bier, bier- und weinhaltige Mixgetränke und Spirituosen ausgewichen, sagte Bätzing. So tranken 12- bis 17-Jährige 2007 durchschnittlich 50,4 Gramm Alkohol pro Woche - fast vier 0,3- Liter-Flaschen Bier. 2005 waren es noch 34,1 Gramm. «Koma-Saufen» oder «Binge Drinking» gebe es quer durch alle Schichten.
Bätzing: Werbung ist Schuld
Bätzing machte vor allem unbekümmerte Alkoholwerbung für das Problem verantwortlich. Sie forderte eine wirkungsvollere Selbstkontrolle der Alkoholwirtschaft. Zudem beklagte sie Mängel bei der Umsetzung des Jugendschutzes. So müsste das Verkaufsverbot an Minderjährige strenger kontrolliert werden, auch der umstrittene Plan von jugendlichen Testkäufern sei «noch nicht komplett abgeschrieben». Bätzing kündigte bis Ende des Jahres nationale Aktionspläne gegen das Rauchen und Trinken an. Von Experten geforderte umfassende Werbeverbote wollte Bätzing nicht ausschließen.
«Sehr erfreulich» sei dagegen, dass der Anteil jugendlicher Raucher in sechs Jahren von 28 auf 18 Prozent sank, sagte Bätzing. Weniger Erwachsene lebten Tabakkonsum vor. Mit dem Raucheranteil habe auch die Zahl junger Gelegenheitskiffer abgenommen: 13 Prozent der Jugendlichen probierten Cannabis schon einmal - nach 22 Prozent drei Jahre zuvor. Doch regelmäßigen Missbrauch oder Abhängigkeit gibt es auf gleichbleibend hohem Niveau bei etwa 600.000 vorwiegend jungen Erwachsenen - deutlich mehr als in den Vorjahren. Viele von ihnen kiffen laut Bätzing mehrmals täglich und vernachlässigen die Schule.
Berlin hat die meisten Drogentote
Nach Jahren des Rückgangs stieg die Zahl der Drogentoten seit 2006 wieder um 98 auf 1394 Menschen an. Zu möglichen Ursachen zählten Perspektivlosigkeit und gestiegenes Alter der Heroinabhängigen, sagte Bätzing. Im Städtevergleich gab es die meisten Drogentoten in Berlin (158), Hamburg (59), Köln (58), München (50), Frankfurt (44), Bremen (38) und Essen (32). Bätzing äußerte die Hoffnung, dass die probeweise eingeführte Behandlung mit künstlichem Heroin (Diamorphin) ungeachtet des Widerstands der Union im Bundestag doch noch flächendeckend ausgedehnt wird.
42.000 Menschen sterben laut Bericht jährlich an den Folgen ihres Missbrauchs von Alkohol, sogar 140.000 durchs Rauchen und 3300 durch Passivrauchen. Immer noch rauchen 16 Millionen Menschen in Deutschland - jeder dritte Erwachsene. 9,5 Millionen Menschen trinken laut Bericht zu viel Alkohol. 1,3 Millionen sind abhängig. «Wir müssen hier handeln», sagte Bätzing. Bis zu 1,5 Millionen Menschen - davon 70 Prozent Frauen - sind abhängig von Medikamenten, vorwiegend von Schlafmitteln. Rückläufig sei der Konsum illegaler Drogen. 200.000 Menschen nehmen Opiate, Kokain, Amphetamine oder Halluzinogene.
Nichtraucherschutz im Fokus
Bätzing zeigte sich überzeugt, dass nach dem «Jahr des Nichtraucherschutzes» 2007 das Nichtrauchen in der Gastronomie bald völlig normal werde. Sie rief die Länder dazu auf, auf Ausnahmeregeln wie Raucherräume zu verzichten, da diese Rechtsunsicherheit brächten. (dpa)