Michael Maniaci: 

netzeitung.deEin Sopran namens Michael

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Michael Maniaci (Foto: CAMI<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Michael Maniaci
Foto: CAMI
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Kastraten sorgten mit ihrem Gesang einst für Ohnmachtsanfälle im Publikum. Heute macht der natürliche Sopran Michael Maniaci Furore. Der Opernstar erklärt der Netzeitung, warum er singen kann wie eine Frau.

Mit dem männlichen Sopran werden automatisch Kastraten assoziiert. Seit in den vierziger Jahren ein englischer Countertenor aber wieder die hohe Lage sang, wurde mehreren Generationen von Männern mit hohen Singstimmen immer der Beweis abgefordert, dass sie auch wirklich echte Männer seien. In den vergangenen Jahren gab es so etwas wie eine Revolution der Countertenöre, zu denen auch die männlichen Sopranisten zählen.

Der dreißigjährige amerikanische Opernsänger Michael Maniaci hingegen ist ein natürlicher Sopran, also noch ein wenig weiter entfernt von den gängigen Vorstellungen über astreine Männlichkeit. Er hat eine der ungewöhnlichsten Stimmen der Welt und die Kritiker behaupten, niemand komme der Wirkung der Kastraten so nahe wie Maniaci.

Als Absolvent der Juilliard School wird der Sänger im April 2007 an der New Yorker Metropolitan Opera debütieren. Für Furore sorgte soeben bereits ein BBC-Feature, in dem er Mozarts Exultate! Jubilate! sang, ein Stück, das der Komponist für den berühmten Kastraten Rauzzini geschrieben hatte, und das sonst zum Repertoire von Sängerinnen wie Cecilia Bartoli gehört.

Nach Auftritten beim Barockfestival von Montreal im Juni wird Maniaci vom 25. August bis zum 3. September in Potsdam und Brandenburg zu hören sein. Die Netzeitung traf den Sänger zu einem Gespräch in Berlin.

Netzeitung: Sie werden immer wieder dasselbe gefragt, und eigentlich mag ich Ihnen diese Frage nicht nochmals zumuten. Trotzdem: Wie kommt ein Mann zu einem natürlichen Sopran?

Michael Maniaci: (lacht) Es ist ganz einfach. Ich bin in der Pubertät nicht in den Stimmbruch gekommen. Ich veränderte mich ansonsten ganz normal. Aber meine Stimme blieb hoch. Sie wurde nur voller und stärker. Ein Arzt stellte irgendwann bei der Untersuchung meines Kehlkopfs und meiner Stimmbänder fest, dass diese nicht mitgewachsen waren. Ich habe keinen Adamsapfel.

Netzeitung: Haben Sie die Anomalie gleich als besondere Gabe ansehen können?

Maniaci: (streicht sich mit der Hand über seine Bartstoppeln) Oh nein, es ist für einen pubertierenden Knaben nicht besonders angenehm, langsam wachsende Zweifel zu ertragen. Irgendetwas stimmte ja nicht. Das ging etwa von meinem vierzehnten bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr und war schon eine schwere Zeit.

Dann war ziemlich klar: meine Stimme wird nicht tiefer. Sie ist sogar noch höher geworden. Als große Gabe habe ich diese Stimme erst viel später betrachten können, ich glaube, als ich meinen ersten Preis damit gewann.

Netzeitung: Haben Sie erst entschieden, Sänger zu werden, als klar war, dass Sie über eine so ungewöhnliche Stimme verfügen?

Maniaci: Oh nein. Ich hatte bereits als Kind im Kirchenchor gesungen und in Musicals mitgewirkt. Für mich stand schon sehr früh fest, dass ich singen will, übrigens sehr zum Leidwesen meiner Eltern, die überaus konservativ sind und ihren Sohn gern als Lehrer gesehen hätten. In meiner Familie gab es noch nie Künstler. Mein Vater ist Baptistenprediger. Ich bin das schwarze Schaf. Man kann mich mieten! (lacht) Aber sie haben mich immer unterstützt, meinen Weg zu finden und wollten mich nie zu irgendetwas zwingen!

Netzeitung: War schon Ihr Kindersopran auffällig?

Maniaci: Ja, sonst wäre mir sicher nicht die Idee mit dem berufsmäßigen Singen gekommen!

Netzeitung: Sie haben dann Ihre Ausbildung an der weltberühmten Juilliard School in New York gemacht. War die Aufnahme an diese Ausbildungsstätte nicht schon die Bestätigung, sich richtig eingeschätzt zu haben?

Maniaci: Oh, Juilliard hat mich erst abgelehnt! Ich habe dort im letzten Jahr meiner Schulzeit mit 18 vorgesungen. Man hat mich freundlich angehört und dann weggeschickt mit dem Satz, sie wüssten nicht, wie sie meine Stimme ausbilden sollen! Ich habe zunächst fünf Jahre lang am Konservatorium von Cincinnatti studiert und hatte schon einige Preise gewonnen. Als ich dann nochmals bei Juilliard vorsang, bekam ich ein Stipendium und alle nur denkbare Unterstützung. Es war herrlich!

Netzeitung: Und man wusste plötzlich, wie Ihre Stimme auszubilden ist?

Maniaci: Ja, sehr genau! Wie jeden anderen Sopran auch! Ich hatte unglaublich gute, engagierte Lehrer und habe wahnsinnig viel gelernt dort!

Netzeitung: Bedeutet das, dass Sie alle für Mezzosopran geschriebenen Rollen singen würden – also meist Frauenrollen? Sie haben ja bereits eine Frauenfigur in einer zeitgenössischen Oper selbst geschaffen und – wie Sie beschrieben – als Cherubino in «Le Nozze di Figaro», einer Rolle, die Mozart für eine Frau schrieb, Ihren «Jackie O.-Moment» gehabt.

Maniaci: (verdreht die Augen) Ich singe nie wieder eine Frauenrolle! Die moderne Oper war ein Experiment noch während meiner Ausbildung. Es sollte ein Spaß sein, fünf Männer in Frauenrollen. Ich habe meine Rolle ganz bewusst so gestaltet, dass ich nicht überzeichnet als Charleys Tante rüber komme, sondern als wirkliche Frau.

Das Resultat war peinlich: nach der Premiere wollte mich ein ziemlich berühmter Dirigent kennen lernen. Er lobte mich überschwänglich, küsste fast meine Hand und starrte dann aber erst einmal ziemlich ungeniert auf meinen nicht vorhandenen Busen. Er suchte! Es brauchte einen Moment, bis er klar sah. Als er seinen Irrtum erkannte, reagierte er total irritiert und ließ mich stehen. Eine Irritation wollte ich am allerwenigsten erreichen! Meine Stimme sollte wirken!

Netzeitung: Und Ihr Cherubino?

Maniaci: Die Hosenrollen sind etwas ganz anderes. Das ist mein ureigenes Terrain! Mein Traum ist es, Rollen wie den Rosenkavalier zu singen. Bei den Hosenrollen handelt es sich ja um Rollen, in denen weibliche Soprane Männer singen und spielen. Hier kann ich als Mann den Rollen das geben, was eine Frau stimmlich nur gut oder schlecht nachahmen kann: das Männliche.

Netzeitung: Von den Kastrati ist überliefert, dass sie durch ihren Gesang im Publikum geradezu hysterische Reaktionen bewirkten, bis hin zu Ohnmachten. Diese besondere Macht der Stimme wird in der Literatur oft mit der Atemtechnik erklärt.

Ohne Luft zu holen, habe ein Kastrat einen einzigen Ton vom leisesten Piano zum lautesten Fortissimo und wieder zum Pianissimo anschwellen und abschwellen lassen können, was wiederum mit dem größeren Lungenvolumen eines Mannes erklärt wird. So muss ein unwiderstehlicher Sog entstanden sein.

Maniaci: Eine Viertelstunde, ohne zu atmen? (Lacht) Ich muss genauso atmen wie jeder andere Sänger auch! Das ist eine Frage der Technik und damit der Ausbildung. Ich wage aber zu behaupten, das wir heute viel besser ausgebildet sind als Sänger damals.

Und trotzdem, ich glaube, dass wir einfach akzeptieren müssen, dass ein heutiges Publikum ganz andere Affekte hat als ein Publikum damals. Denken Sie doch mal an die ganzen unterschiedlichen Reize, denen man heutzutage von morgens bis abends ausgesetzt ist, Nachrichten, Horrorfilme... Da fällt man abends in der Oper nicht mehr so einfach in Ohnmacht!

Netzeitung: Haben Sie Angst vor zu hohen Erwartungen an Ihre Stimme?

Maniaci: Angst? Nein, auf keinen Fall. Ich singe ja nur, was ich singen kann! Anflüge von Lampenfieber hat jeder, und die sind auch gut. Das sagt auch jeder. Aber Angst? Angst habe ich nur davor, dass Menschen nicht offen sind für meine Stimme. In den USA bin ich jetzt schon so etwas wie arriviert. An Auditions muss ich nicht mehr teilnehmen. Das soll jetzt nicht eitel klingen.

Von den Europäern hatte ich erhofft, dass sie noch offener sind für meine Stimme. In Holland haben Alle gejubelt. Aber ein angesehener Spezialist für Alte Musik hat es schlichtweg abgelehnt, mich überhaupt anzuhören. Das macht mir wirklich Angst. Und es verletzt mich natürlich auch. Denn das Vorurteil, irgendwie seltsam oder schräg zu sein, kann ich nur durch meinen Gesang widerlegen. Aber wenn man mir diese Chance verweigert... (lacht. Ich kann ja immer noch nach China gehen!

Netzeitung: Wie bitte?

Maniaci: Ich habe im vergangenen Jahr eine herrliche Konzertreise durch China gemacht. Händel, Mozart und so weiter, wunderschöne Werke, ein unglaubliches Publikum! Als kleine Referenz hatte ich zwei chinesische Volkslieder einstudiert. Das war der Wahnsinn! Mir ist angeboten worden, eine CD mit Mandarin-Songs einzuspielen. Noch schreckt es mich allerdings, etwas so Populäres zu machen.

Ich fange mit meiner Karriere ja gerade erst an. Demnächst kommen Händel-Arien auf CD und die DVD der Kopenhagener Giulio Cesare-Inszenierung [Händel-Oper, mit Andreas Scholl als Julius Cäsar, Maniaci als Nireno] steht noch aus. In dieser Richtung geht es dann erst mal weiter bei mir. Im April debütiere ich als Nireno an der Met. Ich bin gerade viel zu seriös für Volkslieder! (Lacht) Aber es war ein riesiges Kompliment.

Netzeitung: Sie haben für den Nireno in Kopenhagen einige größere Rollen in den USA abgelehnt. Ging die Rechnung auf?

Maniaci: Meinen Sie, ich hätte auf die Met geschielt? Nein! Mir ging es beim Engagement an der Kopenhagener Oper darum, mit großen Kollegen zusammen arbeiten zu können und meine Fühler nach Europa auszustrecken.

Netzeitung: Ist das Engagement an der Met nicht auch der letzte Beweis für Ihre Familie, dass Sie eine richtige Entscheidung getroffen haben? Sie müssen doch langsam die Phase des Duldens überwunden und zum Stolz übergegangen sein? Metropolitan Opera. Ist das für Sie nicht auch besonders aufregend?

Maniaci: Ach, ich glaube, meine Familie ist schon länger stolz auf mich. Es ging ihnen nie darum Recht zu haben, sondern darum, dass ich glücklich bin. Sie werden aber natürlich alle nach New York zu meiner Premiere kommen. Da bin ich dann schon etwas aufgeregter als sonst. Dass die Met noch einmal etwas ganz Besonderes ist, ist klar. Aber ansonsten: 2003 habe ich die Rolle des Nireno an der Met abgelehnt.

Der Part war mir angeboten worden, nachdem ich die Met Auditions gewonnen hatte. Doch was soll ich an der Met, wenn der Rolle alle Arien gestrichen wurden? Ich will ja singen! Jetzt hat der neue Leiter Peter Gelb für mich etwas gemacht, was völlig unüblich ist: er hat in die alte Inszenierung die Arien wieder hinein genommen.

Netzeitung: Und wie kam es nun zu ihrem Engagement in Potsdam, wo sie mit dem Ensemble «I Confidenti» auftreten?

Maniaci: Reine Neugier! Und Zufall! Ich hatte für den Zeitraum ein Engagement bei einem Festival in den USA übernommen. Die haben aber das Geld nicht zusammen bekommen, und ich saß plötzlich da und hatte nichts zu tun. Und dann kam der Anruf von der Académie Baroque de Montreal, ob ich nicht bei der deutsch-kanadischen Koproduktion mitwirken möchte.

Der berühmte kanadische Countertenor Matthew White hatte mich gehört und für die Rolle empfohlen. Wir haben geredet, alles stimmte. Suzie LeBlanc und Tyler Duncan sind sensationelle Partner. Die anderen natürlich auch. Ich singe ein wunderbares Programm. Es ist eine absolute Herausforderung, genau was ich will. Lernen! Und ich wollte schon lange Berlin kennen lernen! Also eine glückliche Fügung. Auf die zwei Wochen im August und September freue ich mich schon riesig. Hoffentlich finde ich Zeit, mich umzuschauen! Sonst bekomme ich zuhause Ärger.

Netzeitung: Wieso das?

Maniaci:: Mein bester Freund ist der Enkel von Alfred Döblin. Wie spricht sich das? Doblinn?

Mit Michael Maniaci sprach Dorothee Brauer.