Geschenkpapier vom Montag
29.10.2001
Herausgeber: netzeitung.de
Heute gelernt: Mein Kiosk macht schon vor halb acht auf und findet es ganz normal, dass ich acht Tageszeitungen kaufe und nach zwei Minuten noch eine, die ich im Halbschlaf vergessen hatte. Zur Herstellung von einer Tonne Papier sind circa 1,8 Tonnen Altpapier erforderlich, sagen die Fachleute, was auch die Menge zu sein scheint, die man auf dem Fußboden ausbreiten muss, um vielleicht 60 Zeilen Online-Altpapier herzustellen. Und: Die Möglichkeit, die diese Kolumne bietet, es sich in erstaunlich kurzer Zeit mit erstaunlich vielen Kollegen zu verscherzen, ist eine, die gerade beim Betrachten der Medienseiten im Morgengrauen en bloc nicht nur realistisch, sondern geradezu zwingend erscheint.
Die «Welt» hat einen Anlass gefunden, dem Kölner Verleger Alfred Neven DuMont schon vor seinem 75. Geburtstag ein Denkmal zu setzen. Darüber steht die lustige Zeile: «Alfred Neven DuMont hat viele Gründe zum Feiern: Er wird Ehrenbürger seiner Stadt und der 'Kölner Stadt-Anzeiger' 125 Jahre alt.» Das geht nicht nur an die Grenzen deutscher Grammatik, sondern auch der alten Zählregel, die doch lautet: eins, zwei, viele. Beim Lesen stellt sich allerdings heraus, dass es für «Sir Alfred» noch einen dritten Grund zum Feiern gibt: die Berufung zum Honorarprofessor der Uni Halle-Wittenberg. Ach ja, und das Portrait in der «Welt» natürlich. Der Autor schafft es, fünfmal das Wort «liberal» im Zusammenhang mit dem Kölner Monopolisten und seinen Titeln unterzubringen. «Er ist überzeugt, dass guter Journalismus nur in engagierten Zeitungen gedeiht. Er ist der Herr im Haus. Ein Patriarch. Eine öffentliche Figur, die ihr Ego gerne spazieren trägt. Ein Verleger, der keine Abstriche an Grundsatz- und Richtlinienkompetenzen duldet. Einer, der sich notfalls auch um das Detail kümmert. Der sich einmischt.» Ganz klar also: Ein Liberaler.
Wirklich bedenklich ist allerdings dies: Im Text ist konsequent jedes Wort, das mit «ö» oder «ü» beginnt, groß geschrieben: «Er ist Überzeugt.... eine Öffentliche Figur...» Was kann das bedeuten? Muss Springer jetzt schon an kleinen Umlauten sparen? Sind als Kampf gegen die sinkenden Gewinne Synergieeffekte durch Zusammenlegung von «ü» und «Ü» eingeplant? Fragen Über Fragen.
Es ist immer gut, mal drüber geredet zu haben. Warum sehen sich Millionen Menschen täglich Quiz-Shows an? Der Anspruch, das nicht einfach hinzunehmen, sondern im Rahmen einer zweitägigen Tagung mit Machern und Beobachtern nachzufragen, was das mit Bildung zu tun hat, ist nicht verkehrt. Nur kommt man auf der vielstündigen Rückreise von der Veranstaltung des Grimme-Institutes in Marl ins Grübeln: Hat's irgendwas gebracht außer netten Kontakten? Spätestens, wenn drei Tage später die Kollegen in den Zeitungen über die Veranstaltung berichten, tendiert man zum klaren Nein. Ein paar hübsche Geschichten gibt es nachzuerzählen, wie die vom Stuttgarter Erdkundelehrer, der «im Unterricht seine Schützlinge den Fifty-fifty-Joker setzen lässt» (im «Tagesspiegel»), die von der Antwort englischer Schulkinder auf schwierige Fragen: «I call a friend» (in der «Berliner Zeitung»), und natürlich immer wieder die, wie der Erfinder von «Wer wird Millionär» sein Konzept auf zwei Seiten kritzelte (in der «taz»). Dort steht allerdings auch der schöne Satz von Reinhard Kahl: «Das Quiz ist der Feldgottesdienst vor dem globalen Börsengang der Ich AG.»
Neues gibt es sonst nicht, besonders spannend fallen Veranstaltungsnacherzählungen eh selten aus, es sei denn, man verreißt sie so hübsch, wie es die «Süddeutsche» tut: Sie demontiert den «beängstigend eloquenten» Millionärs-Professor Eckhard Freise und beschreibt treffend das Interview-Spiel, gemeinsam eine neue Show zu entwickeln, als «fassungslose Expertenrunde».
(Wichtige Frage zwischendurch: Wenn schon die Berichte über eine begrenzt interessante Veranstaltung so uninteressant sind, will wirklich jemand auch noch einen Bericht über die Berichte lesen? Hm. Plötzlich starke Zweifel an Sinnhaftigkeit dieser Kolumne.)
Apropos: Warum bittet eine Zeitung einen Experten, Woche für Woche an gleicher Stelle ein Stück zu schreiben? Weil sie davon ausgeht, dass er originell ist und sich auskennt. Reinhard Siemes, Werber und ehemaliger Vorstand des Art Director Club, schreibt montags im «Tagesspiegel» über Werbung. Diesmal hat er sich das Thema der vielen Ruf-mich-an!- und Kauf-mich!-Spots im Fernsehen nach Mitternacht ausgesucht, was für ihn offenbar originell ist, weil er sie gerade erst entdeckt hat. Sonst wüsste er, dass die nicht erst seit den Werbeeinbrüchen dieses Jahres jede nächtliche Sendung unansehnlich machen, und dass die «Firmen mit guten und ehrlichen Produkten» nicht im Moment dort fehlen, weil sie kein Geld haben, sondern immer schon, weil sie in dem Umfeld nicht auftauchen wollen.
Wo bleibt das Positive? Hier: Die «Berliner Zeitung» hat zwei kleine, spannende Geschichten über noch nicht dutzendfach diskutierte Folgen des 11. September: Die amerikanischen Medien müssten längst die Ergebnisse ihrer Nachzählung der Präsidentenwahl haben - legen sie aber noch nicht vor, weil sie Bush im Krieg nicht beschädigen wollen. Und seit bekannt ist, dass mehrere Terroristen aus Deutschland kamen, finden die US-Zeitungen plötzlich, dass wir uns von der Nachkriegstradition, Bürgerrechte besonders wichtig zu nehmen, verabschieden sollten.
Mein Lieblingsabsatz steht in der «Bild-Zeitung». Es geht um den Namen von Steffi Grafs Baby: «Rufname Jaden. Zweiter Name Gil. Wie bei seinen Eltern Stefanie Maria und Andere Kirk.» Und übrigens: Wo
Franz Josef Wagner noch lobt, dass die beiden aus ihrem Kind keine Show machen («Du gehörst nur deinen Eltern. Keine Fotos, keine Presse. Ihr drei macht es besser als Boris und Madonna), da hat Bild.de schon eben dieses Foto.Fazit:
Altpapier-Produktion ist anstrengend. Und der Experte mahnt: »Altpapier-Verwertung kann nur dann von dauerhaftem Erfolg sein, wenn der Einsatz von Sekundärrohstoffen die Produktion von Primärrohstoffen ersetzt.« Aber daran arbeiten wir Medienjournalisten ja.Glückwunsch zum Einjährigen!
Der Geschenkpapierkorb füllt sich erneut am Dienstagmittag um ca. 12 Uhr - und zwar mit einem Gastbeitrag von Ralph Kotsch
(«Berliner Zeitung»).
Für die NZ ediert von Das Geschenkpapier vom Sonntag (3 von 13)
(von Jörn Lauterbach, «Welt»)
Das Geschenkpapier vom Samstag (2 von 13)
(von Steffen Grimberg, «taz»)
Das Geschenkpapier vom Freitag (1 von 13)
(von Ulrike Simon, «Tagesspiegel»)

