«Hanna» und die Folgen:
Haiti steht am Abgrund der Hungerkatastrophe
05. Sep 2008 19:57
 |  Viele Haitianer haben ihr Obdach verloren | Foto: dpa |
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Die Vorräte in den Notdepots gehen zur Neige: Wenn jetzt nicht schnelle Hilfe kommt, müssen bald vier Millionen Haitianer hungern. Die Serie der Tropenstürme hat nur eine einzige positive Folge gezeitigt.
Nach dem Durchzug des Wirbelsturms «Hanna» droht Haiti eine Versorgungskrise. Das Unwetter hat weite Teile der landwirtschaftlichen Flächen des ärmsten Landes Amerikas zerstört. Hilfsorganisationen befürchten, dass Ende des Jahres rund vier Millionen Menschen in dem karibischen Land vom Hunger bedroht sein werden. «Die landwirtschaftliche Produktion Haitis ist praktisch zerstört», sagte die Leiterin der Diakonie Katastrophenhilfe in Haiti, Astrid Nissen.
«Die Aussaaten von Bohnen und Mais sind durch das Wasser vernichtet worden. Brotfrüchte und Avocados wurden ein Opfer der Stürme», so Nielsen. Auch die Reisanbau-Gebiete seien zum großen Teil schwer betroffen. Die Vorräte in den Notdepots gingen zur Neige und es sei zu befürchten, dass am Ende Hunger drohe. In großen Teilen ist Haiti verwüstet, Straßen und Häuser sind zerstört, Brücken wurden von den Fluten fortgerissen oder schwer beschädigt.Die Zahl der Toten durch «Hanna» stieg auf 136. Damit gab es seit Mitte vergangener Woche, als Hurrikan «Gustav» über dem Süden des Landes wütete, fast 200 Todesopfer durch Unwetter. Und die Angst bleibt: An diesem Wochenende stürmt Hurrikan «Ike» auf die Region zu. Nach Berechnungen der Meteorologen des Hurrikan-Zentrums in Miami soll der Sturm allerdings nördlich an den großen Antillen vorbei auf den Südosten der USA zusteuern. In seinem Zentrum entwickelt der Hurrikan derzeit Windgeschwindigkeiten von rund 220 Stundenkilometern. Über dem Atlantik zieht zudem Tropensturm «Josephine» Richtung Westen.
Banges Warten auf «Ike»
Die Haitianer rechnen mit dem Schlimmsten für den Fall, dass «Ike» doch noch zuschlagen sollte. «Im Notfall müssen alle logistischen Möglichkeiten aufgebracht werden, um die Menschen aus Gonaïves herauszubringen», sagte die Direktorin des Zivilschutzes in Haiti, Alta Jean-Baptiste, einer örtlichen Zeitung. Die Lage in den Überschwemmungsgebieten begann sich am Freitag leicht zu entspannen. Der größte Teil der Wassermassen war aus der Stadt Gonaïves abgeflossen. Hilfsmaßnahmen für die überschwemmten Gebiete liefen an, aus mehreren Ländern kamen Zusagen für Soforthilfe.Hubschrauber der UN-Stabilisierungstruppe flogen in die nur schwer zugänglichen Krisengebiete, um die Menschen zu versorgen. Ein Team des internationalen Roten Kreuzes brach am Freitagmorgen auf, um nach Gonaïves zu gelangen. Die EU sicherte Haiti eine sofortige Nothilfe in Höhe von zwei Millionen Euro zu. «Wir haben Berichte über zehntausende Menschen, die sofort dringend Hilfe benötigen», sagte EU-Entwicklungskommissar Louis Michel am Freitag. «Ihre Situation ist verzweifelt.»
«Zehntausende brauchen sofort Hilfe»
Die Europäische Kommission unterstützt die Opfer in Haiti mit zwei Millionen Euro. Auch Deutschland hat Zeitungsberichten zufolge eine erste Finanzhilfe in Höhe von mehr als 150.000 Euro zur Verfügung gestellt. «Wir haben Berichte über zehntausende Menschen, die sofort dringend Hilfe benötigen», sagte EU-Entwicklungskommissar Louis Michel am Freitag in Brüssel. «Ihre Situation ist verzweifelt.» Bereits am Montag hatte die Europäische Union zwei Millionen Euro für die Opfer des Hurrikans «Gustav» in Haiti, Kuba, Jamaika und der Dominikanischen Republik zur Verfügung gestellt.Mitglieder einer humanitären Mission berichteten aus dem Krisengebiet, dass praktisch jede Region Haitis von einem der drei Stürme stark in Mitleidenschaft gezogen worden ist. 70.000 Menschen lebten ohne jede Unterstützung in Notunterkünften. Die zwei Millionen Euro sollen den am schwersten betroffenen Opfern zugutekommen und unter anderem für Essen, Trinkwasser und Medikamente eingesetzt werden.
Immerhin eine neue Regierung
Die drohende Katastrophe hat bisher nur eine positive Konsequenz gehabt: Mitten in der Nacht zum Freitag entschloss sich der Senat nach einer zehnstündigen Sitzung endlich, der neuen Premierministerin Michel Pierre-Louis zuzustimmen. «Das Unwetter hat den Widerstand der Blockierer gebrochen», kommentierte dies ein Diplomat. Seit der Hungerrevolte im April hatte der Senat die Bildung einer Regierung verhindert. Jetzt endlich, mit einer handlungsfähigen Regierung, könnten steckengebliebene Entwicklungsprojekte wieder anlaufen und, so hoffen die internationalen Geldgeber und Hilfsorganisationen, verhindert werden, dass es bald wieder zu Hungerunruhen kommt. (AP/dpa)