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Mythos 68
 

Dank an die 68er: 

Wenn Subkultur zum Mainstream wird

Eine Gruppe Hippies spielt 1967 im Golden Gate Park mit einem großen Ball
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40 Jahre nach 68 ist die Subkultur in der Masse aufgegangen, findet Sybille Pfeffer. Aus einem sozialen Experiment wurde eine Massenbewegung. Viele der Ideale scheinen verloren, doch trotzdem gibt’s ein fettes Dankeschön. Mit Video


Erst waren es nur einige wenige, und sie hatten eine Vision. Spirituelle Werte, wie der Glaube an Frieden, Liebe und absolute individuelle Freiheit, fanden über junge Leute mit Blumen im Haar plötzlich den Weg in eine wohlstandsorientierte und vor Sicherheitsdenken blinde Gesellschaft.

Bewusstseinserweiterung und freie Liebe

Die sogenannten Hippies propagierten ein von bürgerlichen Tabus befreites Leben. Gemeinsam mit der 68er-Bewegung war ihnen das Auflehnen gegen die

bürgerlich-spießigen Strukturen. Im Vergleich zu ihren revolutionsorientierten Altersgenossen dominierten dabei stärker individualistische Selbstverwirklichung als gesellschaftspolitische Konzepte. Gemeinsam hatten Hippies und 68er dennoch viel. Die Jugend suchte sich selbst in der Bewusstseinserweiterung und ihr Glück in der freien Liebe. Und wie das eben ist mit Menschen, die den Mut haben, neue Wege zu gehen, sie ziehen andere Menschen geradezu magisch an.

Psychedelisches Video / Jefferson Airplane / White Rabbit

Die Kehrseite und plumpe Ausreden

Wenn eine Bewegung den Hedonismus zum Lebensinhalt erklärt und sexuelle Tabus zu einem Tabu, dann muss sie nicht lange warten, bis sie Zulauf findet. Denn wer sehnt sich nicht – damals wie heute – nach einem Leben ohne Begrenzung und Druck, nach Selbstverwirklichung und persönlicher Akzeptanz? So wird aus einem überschaubaren sozialen Experiment schon nach kurzer Zeit eine Massenbewegung.

Doch schon zeigt sich die Kehrseite der Medaille: Traumtänzer und Drogensüchtige wandeln in bunten Gewändern durch die Städte. Der Aufruf zu mehr Solidarität und gegenseitiger Unterstützung mutiert zur plumpen Ausrede, um die mangelnde Bereitschaft, sich selbst produktiv in die Gemeinschaft einzubringen, zu vertuschen. Was die Visionäre zuvor noch in letzter Konsequenz versuchen umzusetzen, verkommt immer mehr zu einem oberflächlichen Medienspektakel unreifer Teenager.

Musikindustrie mischt kräftig mit

Die Musikindustrie nutzt ihre Chance und nutzt professionelle Marketinginstrumente und ausgeklügelte PR-Strategien, um die Idole der Generation noch gewinnbringender zu vermarkten. So ist anzunehmen, dass es nicht immer der Ausdruck innerer Überzeugung ist, wie sich die Bands und Liedermacher präsentierten. Es ist oftmals nichts anderes als knallhartes Marketing – oder Corporate Identity, wie wir heute sagen – mit dem einzigen Ziel, die Verkaufszahlen noch weiter zu steigern.

Am 6. Oktober 1967 – also schon zwei Jahre vor dem legendären Woodstock-Festival – wurde der Hippie und seine Kultur in einem riesigen Sarg symbolisch zu Grabe getragen. Der festliche Umzug durch Haight-Ashbury in San Francisco, der Keimzelle der Flower-Power-Subkultur, war ein Auflehnen gegen ihre immer stärkere Kommerzialisierung und Fehlinterpretation.

Jeder kann leben, wie er es will

Fatalisten mögen behaupten, das alternative Lebensmodell der 68er-Generation sei gescheitert und in einer Welt der freien Marktwirtschaft schlicht nicht praktikabel. Im neuen Jahrtausend finden wir uns in einer globalen Gesellschaft wieder, die sich mehr denn je an den Maximen des Profits ausrichtet, sinnlose Kriege führt und vor sozialer Ungleichheit strotzt. Vielleicht ist ein Zusammenleben in Frieden und Solidarität tatsächlich (noch) nicht massentauglich.

Doch mitunter haben wir es dieser Generation von Visionären zu verdanken, dass wir heute als einzelne Individuen die Wahl haben, wie wir in dieser kapitalistischen Welt leben wollen. Ob mono- oder polygam, lesbisch, schwul, mit Fetisch oder ohne, meditierend, betend, atheistisch: Die Allgemeinheit ist toleranter geworden, offener, vielleicht sogar menschlicher. Gescheitert oder nicht, eines steht jedenfalls fest: Die Blumenkinder haben den gesellschaftlichen Horizont erweitert. Und dafür haben sie ein dickes fettes Dankeschön verdient!

Die Netzeitung veröffentlicht diesen Artikel als Partner des Medienprojekts «Mythos 68» von Jugendpresse.de und der Bundeszentrale für politische Bildung.

 
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