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Mythos 68
 

68er und Hochschulen: 

Kein Nachschub aus der Denkfabrik

Die Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin
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Freie Universität, Studentenprotest – ohne die Hochschulen wäre 68 nicht denkbar gewesen. Und heute? Josephine Ziegler hat sich auf Spurensuche an eine Quelle der Studentenbewegung begeben – zum Berliner Otto-Suhr-Institut.

Der erste Takt verwirrt die Studenten noch. Verdis Requiem erhebt sich pathetisch und erfüllt den Hörsaal. Vielleicht haben sie Ton Steine Scherben erwartet, gewiss keine Klassik. Feierlich tritt eine kleine Prozession ins Blickfeld. Würdevoll schauen die jungen Frauen und Männer drein, sie tragen schwarze Anzüge und Blazer, ihr Haar ist geschniegelt. Als die Musik verstummt, beginnt ihr Anführer zur Vollversammlung zu sprechen.
Er betont, wie gut sich die Freie Universität Berlin (FU) unter der Führung ihres Präsidenten Dieter Lenzen entwickelt hat. In einer Grafik ist zu sehen, wie die Eliteförderung noch weitergehen soll: die Anzahl der Studenten auf Dauer mindern, den niederen Bachelor nur noch an der Humboldt-Uni abnehmen. Die Studenten lachen. Sie verstehen die Ironie des Dieter-Lenzen-Fanclubs, der hier auftritt. Aber die Essenz seiner Worte ist bitterernst.

«Schalte deine Konkurrenz aus»

Die Konzepte des Präsidiums sind es, gegen die sich dieser Aktionstag an der FU im Januar 2008 richtet: verschärfte Zulassungsbedingungen, Leistungsdruck und Fächerzwang durch Bachelor und Master, Schließung von Instituten, auslaufende Studiengänge, Wegrationalisieren von Büchermassen. Die Studenten begehren gegen

die fortschreitende Verwirtschaftlichung der Uni auf. «Tu nichts Unnützes», «Denk an deinen Lebenslauf», «Schalte deine Konkurrenz aus» – so geben Aufkleber überall auf dem Campus in Dahlem dem Unmut der Studis Ausdruck. Sie wollen weiter selbstbestimmt und nicht an einer «Denkfabrik» studieren, die Nachschub für die Wirtschaft liefert. Die Reformen gehen für sie in die falsche Richtung. Es sind zu viele, die zu schnell und ohne Mitbestimmung der rund 30.000 Studenten vorangetrieben werden.

Das erste Sit-in Deutschlands

Schon beim Protest der FU-Studenten seit 1967 spielten Reformen eine Rolle. In ihren Augen war es längst überfällig, die Strukturen und Konventionen zu erneuern. «Was das Ganze zu einer Bewegung machte, waren die Reaktionen derer, die wir das Establishment nannten», erinnert sich Bodo Zeuner, emeritierter Professor des

Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft (OSI), damals Assistent. Kritische Vorträge an der FU verhinderte der damalige Hochschulrektor Herbert Lüers, und die Polizei reagierte nicht nur bei Demos über, sondern auch, als sie massenhaft Studenten aus dem Henry-Ford-Bau trug, um das erste Sit-in Deutschlands aufzulösen.

Alternative Proteste und rote Luftballons

Die Außenansicht des Henry-Ford-Baus der Freien Universität Berlin
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Lichtdurchflutet steht der 50er-Jahre Bau in der Wintersonne 2008. Vier Männer fallen auf. Sie stehen in und vor dem Bau, drehen ab und an eine Runde. «Zivilpolizisten» munkelt man in der Fachschaftsinitiative des OSI. Ganz in der Nähe trifft sie die letzten Vorbereitungen für den Aktionstag. Etwa hundert bunte Luftballons hängen unter der niedrigen Decke im Roten Café, einer besetzten und alternativ bewirtschafteten Villa. Die Ballons sollen im Henry-Ford-Bau steigen. Doch wie reinkommen? Zwei Eingänge sind abgeschlossen, die anderen scheinen bewacht. Drei junge Männer erklären sich zum Ablenkungsmanöver bereit. Vermummt rennen sie los. Mit gerunzelter Stirn schaut ein vermeintlicher Zivilpolizist ihnen nach.

Kann man überhaupt etwas verändern?

Meist sind es die Politikstudenten, die aktiv werden. Auch die Wahlbeteiligung zum Studierendenparlament (StuPa) ist am Fachbereich überdurchschnittlich hoch. Insgesamt liegt sie an der FU nur bei 11 Prozent, und das seit Jahren. «Die Resignation in Bezug auf die Frage, ob man durch eigenes Handeln überhaupt etwas verändern kann, ist wohl gestiegen», sagt Bodo Zeuner. In der Tat gehen die Mitbestimmungsrechte des StuPa heute gegen null. Dabei ist es das letzte Rudiment des Modells Gruppenuniversität.

Als 1968 das OSI aus Protest gegen die Notstandsgesetze besetzt war, nutzten alle Beteiligten, von den Studenten bis zum Institutsrektor, die Situation, um die «verknöcherten Universitätsstrukturen» zu reformieren. Weitreichende Mitbestimmungsrechte für Studenten wurden erkämpft. Das Modell diente als Vorbild für das neue Hochschulgesetz von 1969, ist heute aber wieder weitgehend abgeschafft. Die Tradition, in der die FU steht – 1948 von Studenten aus Protest gegen die von den Sowjets indoktrinierte Hochschullehre der heutigen Humboldt-Universität ins Leben gerufen – sie scheint nicht mehr präsent zu sein.
Ist die neue Studentengeneration wirklich so unpolitisch? Viele wollen sich nicht einer politischer Richtung zuordnen lassen. Parteipräferenzen sind ihnen zu dogmatisch. Zeuner kritisiert: «Wenn sich Studenten engagieren, dann häufig für sehr isolierte Ziele, die nicht in gesamtgesellschaftliche Programmatik eingebettet werden.» Die etwa 300 anwesenden Studenten in der Vollversammlung 2008 beschließen, das Sommersemester zum Protestsemester zu erklären. Ein Rahmen ist damit gesteckt. Nun ist es an den Studenten, sich auf ihr Erbe zu besinnen.

Die Netzeitung veröffentlicht diesen Artikel als Partner des Medienprojekts «Mythos 68» von Jugendpresse.de und der Bundeszentrale für politische Bildung.

 
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