Deutschlands unartigste Kinder:
Immer müssen wir machen, was wir wollen!
28.01.2010
Herausgeber: netzeitung.de
Die ersten Berliner Kinderläden wurden auf Initiative des «Aktionsrates zur Befreiung der Frau» 1968 gegründet. Sie sollten die Mütter entlasten und so ihre politische Arbeit im SDS fördern.
Rückblickend sieht Heike die Kinderladenzeit als das Experiment einer neuen Ordnung. Der neue Mensch sollte geschaffen werden, und da begannen die Väter und Mütter der Studentenrevolte gleich mal bei ihren eigenen Sprösslingen. Doch was ist von der Kinderladenbewegung geblieben?
Die beiden Betreuerinnen Ines und Silke sind seit 15 Jahren dabei. Was ihnen gefalle, frage ich sie: «Im Kila ist man für sich selbst verantwortlich. Es ist familiärer, kleiner, und man kennt die Eltern viel besser.»
Jeder Tag beginnt mit einem Morgenkreis, der Ruhe in den Tag bringen soll. Danach kann munter gespielt, gebastelt und getobt werden. «Uns ist die individuelle Betreuung der Kinder sehr wichtig», betont Silke. Doch was ist von dem antiautoritären Konzept von damals geblieben? «Es gibt gewisse Regeln und Strukturen, ganz klar. Aber wir folgen keinem striktem Tagesablauf.»
Viele Eltern suchen heute zwar immer noch die Alternative zu Kindergärten, möchten aber nicht mehr so stark einbezogen werden wie früher. Als 2002 immer weniger Kinder kamen und die Kila vor dem finanziellen Aus stand, spürten Ines und Silke, dass sich das alte Kinderladensystem irgendwie ausgelebt hatte. «Wir haben gemerkt, dass die Eltern einfach keine Zeit mehr hatten, soviel Eigeninitiative in den Kila zu stecken», erklärt Ines.
Seit die ersten Kinderläden ihre Türen öffneten, hat sich viel verändert. Die Kinder sollen immer noch zu einem selbstbestimmten Leben herangeführt werden, jedoch behutsamer als noch vor 40 Jahren.
Mag der Begriff «antiautoritär» heute auch überholt sein, die Revolte in den Kindergärten hat eine freiere Pädagogik hervorgebracht.
Die Kinderläden von heute sind nicht mehr nur das «Experiment einer neuen Ordnung», sie haben sich ihren Platz in der Kindergartenlandschaft erkämpft und sind dort nicht mehr wegzudenken.
Die Netzeitung veröffentlicht diesen Artikel als Partner des Medienprojekts «Mythos 68» von Jugendpresse.de und der Bundeszentrale für politische Bildung.

