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Mythos 68
 

Deutschlands unartigste Kinder: 

Immer müssen wir machen, was wir wollen!

So aufgräumt wie hier ging es in den Kinderläden der 68er nicht zu
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Die Wände haben rote Striche, die Türen Abdrücke von grünen Händen, und ein kleines, zottelhaariges Mädchen verschwindet mit dem Kopf in einem Nudeltopf. So kann nur ein 68er-Kinderladen funktionieren, findet Kathrin Friedrich.

«Deutschlands unartigste Kinder» nannte ein Magazin vor 40 Jahren diese kleinen Rabauken aus den Berliner Kinderläden. Alles war erlaubt, was in Kindergärten streng verboten wurde: Wände bemalen, aus dem Fenster klettern, mit dem Essen spielen. Der Kinderladen sollte die APO der Kindergartenwelt werden. Der dort praktizierte antiautoritäre Erziehungsstil sorgte in bürgerlichen Kreisen für Entsetzen.
Die ersten Berliner Kinderläden wurden auf Initiative des «Aktionsrates zur Befreiung der Frau» 1968 gegründet. Sie sollten die Mütter entlasten und so ihre politische Arbeit im SDS fördern.

Alles immer fürchterlich chaotisch

«Bei uns war es immer laut und für Außenstehende wahrscheinlich fürchterlich chaotisch», erzählt Heike, die 1969 selbst in einem Kinderladen in Wilmersdorf war. Sie erinnert sich an das Mao-Poster und die «Chinablätter» des Vaters.

Im Kinderladen ging es nicht gerade zimperlich zu. «Bei uns hat es erstmal geknallt, und dann hat man vielleicht darüber gesprochen», erklärt Heike. Die Gemeinschaft stand immer im Mittelpunkt. Man war ständig zusammen, lieferte sich mit anderen Gruppen Rangeleien und ging mit den Eltern auf jede Demonstration.

Rückblickend sieht Heike die Kinderladenzeit als das Experiment einer neuen Ordnung. Der neue Mensch sollte geschaffen werden, und da begannen die Väter und Mütter der Studentenrevolte gleich mal bei ihren eigenen Sprösslingen. Doch was ist von der Kinderladenbewegung geblieben?

Luxus, den nicht jedes Kind hat

Auf der Suche nach einer Antwort habe ich den Kinderladen «Frischlinge» besucht. Ein kleiner, gemütlicher Kinderladen im Berliner Wedding. 13 Kinder, zwei Betreuerinnen – ein Luxus, den heute nicht jedes Kindergartenkind genießen kann.

Nachdem ich mich im Spielraum auf dem Antirutsch-Teppich niedergelassen habe, bin ich in kürzester Zeit von Eisenbahnschienen umzingelt. Drei kleine Jungs lassen ihre Lok stürmisch um mich kreisen.

Die beiden Betreuerinnen Ines und Silke sind seit 15 Jahren dabei. Was ihnen gefalle, frage ich sie: «Im Kila ist man für sich selbst verantwortlich. Es ist familiärer, kleiner, und man kennt die Eltern viel besser.»
Jeder Tag beginnt mit einem Morgenkreis, der Ruhe in den Tag bringen soll. Danach kann munter gespielt, gebastelt und getobt werden. «Uns ist die individuelle Betreuung der Kinder sehr wichtig», betont Silke. Doch was ist von dem antiautoritären Konzept von damals geblieben? «Es gibt gewisse Regeln und Strukturen, ganz klar. Aber wir folgen keinem striktem Tagesablauf.»

Eltern mussten selber kochen

Heute organisieren die beiden den Kinderladen größtenteils selbst. Vor 15 Jahren war das noch ganz anders. Damals übernahmen die Eltern die Organisation: putzen, kochen, einkaufen. Heute kommt von montags bis donnerstags ein Bio-Lieferservice, manchmal gibt es auch Fleisch – in dieser Hinsicht ist man nicht mehr so strikt wie früher. Freitags kochen die Eltern noch selbst. Ein wenig Tradition muss auch gewahrt werden.

Viele Eltern suchen heute zwar immer noch die Alternative zu Kindergärten, möchten aber nicht mehr so stark einbezogen werden wie früher. Als 2002 immer weniger Kinder kamen und die Kila vor dem finanziellen Aus stand, spürten Ines und Silke, dass sich das alte Kinderladensystem irgendwie ausgelebt hatte. «Wir haben gemerkt, dass die Eltern einfach keine Zeit mehr hatten, soviel Eigeninitiative in den Kila zu stecken», erklärt Ines.

Rückbesinnung auf alte Werte

So ließen sich die beiden in den Vorstand wählen und reduzierten die Pflichten der Eltern. Seitdem läuft es bei den «Frischlingen» wieder rund. Silke glaubt, dass man sich langsam wieder auf die alten Werte zurückbesinne. Die Eltern treffen sich auch mal nach 16 Uhr im Kila, um zusammenzusitzen, sich auszutauschen und ihren Kindern beim Spielen zuzuschauen.

Seit die ersten Kinderläden ihre Türen öffneten, hat sich viel verändert. Die Kinder sollen immer noch zu einem selbstbestimmten Leben herangeführt werden, jedoch behutsamer als noch vor 40 Jahren.

Mag der Begriff «antiautoritär» heute auch überholt sein, die Revolte in den Kindergärten hat eine freiere Pädagogik hervorgebracht.
Die Kinderläden von heute sind nicht mehr nur das «Experiment einer neuen Ordnung», sie haben sich ihren Platz in der Kindergartenlandschaft erkämpft und sind dort nicht mehr wegzudenken.

Die Netzeitung veröffentlicht diesen Artikel als Partner des Medienprojekts «Mythos 68» von Jugendpresse.de und der Bundeszentrale für politische Bildung.

 
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