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Mythos 68
 

Spurensuche im Berlin der 68er: 

Weltverbesserer an der Theke

Die «Dicke Wirtin» am Berliner Savignyplatz: Szene-Treff der 68er Studenten
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Im ehemaligen West-Berlin ging es 1968 besonders heiß her. Studentenproteste, Krawalle und Schlägereien mit der Polizei. Was ist davon geblieben? Lea Gerschwitz und Lene Albrecht haben sich auf Spurensuche gemacht. Mit Videos.


Die Einrichtung der «Dicken Wirtin» wirkt wie ein Spagat zwischen den Zeiten: Ein glänzender Plasma-Bildschirm steht inmitten einer dunklen, alten Holzvertäfelung. Die Kneipe am Savignyplatz hat viele Jahrzehnte hinter sich. Hier in Charlottenburg, wo heute die Bürgerlichen West-Berlins durch die Straßen flanieren, war früher der Szene-Treff der Studenten.

Am der Theke der «Dicken Wirtin» am Berliner Savignyplatz wurde 1968 heiß diskutiert
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Damals nahm Eckhard Schmidt gerne hier am Tresen Platz, um über Hochschule, Politik oder Weltverbesserung zu diskutieren. Heute sitzt er wieder hier und erinnert sich. Nachdem er vom Gymnasium geflogen war, machte Schmidt zunächst eine Ausbildung zum Automechaniker. Später holte er sein Abitur nach, studierte und arbeitete als Lehrer. Heute unterrichtet er an einer Berufsschule. Der damals 17-Jährige hat die 68er-Bewegung hautnah miterlebt. Im Gespräch mit ihm begeben wir uns auf Spurensuche in das Berlin dieser aufregenden Zeit.

«Der Stutti hatte einen zwielichtigen Ruf«

Am Stuttgarter Platz entstand in einer Altbauwohnung die berühmt-berüchtigte Wohngemeinschaft «Kommune 1». Rainer

Langhans und andere Intellektuelle ließen sich hier während der stürmischen Zeiten nieder. «Der Stutti hatte einen zwielichtigen Ruf, das war nicht gerade die Vorzeigeecke von Charlottenburg. Dort gab's deshalb damals relativ große und günstige Altbauwohnungen», so Eckhard Schmidt. Im Spätsommer 68 zog die Kommune dann in eine verlassene Fabrik in der Stephanstraße 60 in Moabit. Mit dieser zweiten Phase werden heute vor allem Sex, Drogen und Musik in Verbindung gebracht. Die alten Fabrikräume wurden mittlerweile renoviert und zu Ferienwohnungen umgebaut, die man mieten kann. Auf diesem Weg können auch schwäbische Reisegruppen das wilde Leben der Kommune nachspielen.

Staatsfeind trägt nur Parka

«Die Presse hat stark polemisiert», kritisiert Schmidt. Wer damals einen Parka trug, sei schon allein aufgrund der Kleidung als potenzieller Staatsfeind eingestuft worden. Auch das negative Bild der Kommune 1 sei dadurch entstanden. Schmidt ist froh, dass im Zuge der Bewegung und danach mehrere Verlage und Zeitungen gegründet wurden, die dem Springer-Monopol entgegentraten. Besonders durch die massive Hetze der Bildzeitung wurde der Konzern zum erklärten Feind der 68er.

Demonstrationen gegen die Springerpresse in Berlin 1968

«Als ein paar Leute von der Bewegung die Springerwagen auf dem Parkplatz angezündet haben, das fand ich zum damaligen Zeitpunkt okay.» Der Anschlag auf die Transporter der Bildzeitung ereignete sich Kochstraße/Lindenstraße. Umso grotesker ist es, dass ein Teil der Kochstraße, der direkt am Gebäude des Axel-Springer-Verlags vorbeiführt, Anfang 2007 in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt wurde. Schmidt muss schmunzeln: «Das fand ich im Nachhinein interessant.» Er habe sich in seinem Leben noch nie eine Bildzeitung gekauft.

KaDeWe als Inkarnation des Kapitalismus

Im westlichen Zentrum Berlins, die Gegenwart: Menschenmassen strömen den Ku’damm entlang. Sie drängeln und schieben sich an den Schaufensterauslagen vorbei und konsumieren.

Für die Demonstranten der 68er-Bewegung war hier der Ort, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen. «Man traf sich am Kranzler, setzte sich auf die Straße und dann ging gar nichts mehr», erinnert sich Eckhard Schmidt heute. «In den Tagen nach dem Tod von Benno Ohnesorg ging die Demo ab. Die Wut der jungen Leute wurde durch dieses Ereignis schnell entfacht. In den nächsten Tagen hatten die Glaser viel zu tun.» Eine Menge Schaufensterscheiben seien zu Bruch gegangen. Insbesondere das Kaufhaus des Westens,
Das Kaufhaus des Westens am Kurfüstendamm war für die 68er die Inkarnation des Kapitalismus
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kurz KaDeWe, am Wittenbergplatz wurde zur Zielscheibe des Zorns. «Das KaDeWe war die Inkarnation des Kapitalismus, es war Symbol für die Dekadenz der Gesellschaft», beschreibt Schmidt. «Protestaktionen richteten sich immer gegen Institutionen, auch gegen das Amerika Haus.» Ursprünglich zur Vermittlung amerikanischer Kultur eingerichtet, wurde das Zentrum in der Hardenbergstraße zum Treffpunkt militanter Demonstranten gegen den Vietnamkrieg. Zur Zeit ist in dem Gebäude die 68er-Ausstellung der Bundeszentrale für politische Bildung zu besichtigen.

Beste Aussicht von der Baumkrone

«Als Benno Ohnesorg von einem Berliner Polizisten erschossen wurde, gab das dem Ganzen eine politische Dimension», erinnert sich Eckhard Schmidt. «Allmählich geriet die Situation außer Kontrolle.» Das Radio verbreitete die Nachricht über die Demonstration zum nahenden Besuch des Schahs von Persien schnell. Der Treffpunkt: die Deutsche Oper.


Der Tod Benno Ohnesorgs kommentiert von Ulrike Meinhof

Der damals Auszubildende beobachtete das Treiben von einer Baumkrone aus, bis ein Polizist ihn freundlich aufforderte, herunterzukommen. Nach einem Schuss und dem Abtransport des Toten seien die wütenden Demonstranten dann weiter zum Kurfürstendamm gezogen. Der historische Schuss fiel an der Ecke Krummestraße. Heute steht hier ein Supermarkt. Die Cornflakes-Packungen im Regal weisen jede Erinnerung an das tragische Ereignis von sich.

«Joschka Fischer ist kriminell»

In der «Dicken Wirtin», nahe des S-Bahnhofs Savignyplatz, lauschte Schmidt damals den Gesprächen der politisch engagierten Studenten des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität. Auch Rudi Dutschke und die späteren RAF-Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin diskutierten hier mit. Politik ist immer noch ein zentrales Gesprächsthema: «Joschka Fischer ist kriminell», dröhnt es aus einer Ecke der Kneipe. Ein ergrauter Herr hat es sich dort mit einem Bier gemütlich gemacht und kann nun mit politischen Parolen nicht an sich halten. Zwei Tische weiter wird wild über die Situation des «kleinen Bürgers» in der Bundesrepublik diskutiert. Es sind nicht nur die alten Holztische, die in der «Dicken Wirtin» ein wenig Nostalgie der 68er versprühen.

Die Netzeitung veröffentlicht diesen Artikel als Partner des Medienprojekts «Mythos 68» von Jugendpresse.de und der Bundeszentrale für politische Bildung.

 
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