Sommerwiese und Hippies gehören für den Autor zusammen
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San Francisco zwischen Hippie und Heute, zwischen Melonen-Martini und Seifenblasen. Autor Markus Hujara hat herausgefunden, warum es gut ist, so zu sein, wie man sein will und warum es egal ist, welche Musik man dazu hört. Mit Video
An manchen besonderen Tagen kannst du sie noch sehen. Im Golden-Gate-Park zwischen den großen alten Bäumen. Dort, wo nur schmale bleiche Sonnenstrahlen durch den Nebel blinzeln. Folge dem Geruch einer frisch gemähten Sommerwiese, und dann stehen sie plötzlich vor dir. Seine Haare wild, die Instrumente selten. Ihr Busen blank und Blumen im Haar. Und von irgendwoher fährt ein Einradler quer durch das Panorama.
Freiheits-Brise und Melonen-Martini
Sicher, der Tanz des verrückten Alt-Hippie-Paares, er darf nicht fehlen – wie das wohlige Schein-Schrecken von Alcatraz, die Freiheits-Brise auf der Golden-Gate-Bridge und die Leder-tunte im Schwulenviertel Castro, die genüsslich an einem Melonen-Martini schlürft.
Doch was ist geworden aus dem Traum einer Generation, einem Lebensstil, der doch gerade die Negation von Marke, das Gegenteil von Schublade sein wollte, wenn «Hippie-Culture» gleich neben der Bimmelbahn als besonderes Highlight der Touri-Tour angepriesen wird?
Sei, wie Du sein willst
Tatsächlich hat diese Stadt den Duft der Freiheit zu lange inhaliert. Er steckt zu tief in ihren Poren, als dass sie ihn jemals wieder auswaschen könnte. Sie begleitet, nein, sie bestimmt ihr Schicksal. Ohne ihn wäre die Emanzipation kaum zu denken, die Schwulen-Bewegung kaum zu verstehen. Diese Stadt – sie ist die Stadt des gelebten Ego-Imperativs: SEI, WIE DU SEIN WILLST!
Die anderen schauen dir dabei zu. Oder eben auch nicht. Wie selbstverständlich die Bewohner von «The City» mit all den Freidenkern und Aussteigern, Durchgeknallten und Verrückten, Gescheiterten und Hilfesuchenden gleichermaßen umgehen – es ist beeindruckend. Die Grenzen zwischen bedingungsloser Liberalität und gesellschaftlicher Gleichgültigkeit sind dabei fließend.
Ein böser nasaler Traum
Natürlich darf musiziert werden, was die fernöstlichen Instrumente hergeben, doch genauso stört sich niemand am zum Himmel stinkenden Obdachlosen, der täglich vom Sozialamts-Sicherheitsdienst zurück auf die Straße geschickt wird. Einmal gut durchlüften, einmal das Duftspray kräftig in den Wartesaal halten, und alles war nur ein böser, nasaler Traum.
Forum
1968 – das Jahr der Aufstände in Warschau und Prag, die Friedensbewegung erstarkte, Emanzipation und Individualität kennzeichnen die Gesellschaft - Was haben die 68er für die Gegenwart bewirkt?
So ist San Francisco nicht nur gelebte Freiheit, sondern auch eine ganz normale US-amerikanische Metropole mit ihren sozialen Ungerechtigkeiten, ignorierten Problemen und natürlich ihrem ureigenen Kapitalismus. Kult und Mythos, das ist eben auch Mehrwert und Profit.
Das Batik-Shirt ist nicht ganz billig
Und so ist Haight-Ashbury, jenes legendäre Straßenkreuz, wo der Ruf der Hippies zum ersten Mal vernommen und in die Welt hinaus gesendet wurde, inzwischen eingekreist von «hippen» Designerläden. Wer hier in den pseudo-alternativen Shops einkauft, muss für das Batik-Shirt tief in die Tasche greifen, um sich so frei und unbeschwert zu fühlen wie die Vertreter einer früheren Generation, denen scheinbar noch Liebe, Frieden, eine verstimmte Gitarre und ein bisschen LSD zum Glück gereichte.
Reagge oder Rock ‘n’ Roll – egal
Doch wie wunderbar lässt sich das alles vergessen, wenn im Park wieder die Bühnen aufgebaut, die Peace, Pace, Rainbow und Earth-Fahnen gehisst werden, die Jongleure kommen, die Veggie-Burger bruzzeln, die Kinder tanzen und bunte Seifenblasen blasen. Der Hippie braucht wohl in allen Zeiten das Ereignis, das Gemeinschaftsgefühl. Er sucht die Masse, um das Freisein zu finden. Die Verstärker drehen auf. Ist es Reggae oder Rock ‘n’ Roll – egal. Du bist glücklich. Und langsam, ganz langsam steigt er an dir hinauf, du kannst ihn spüren, um dich, in dir. Du atmest ihn tief ein, immer tiefer, den Duft einer frisch gemähten Sommerwiese.
Die Netzeitung veröffentlicht diesen Artikel als Partner des Medienprojekts «Mythos 68» von Jugendpresse.de und der Bundeszentrale für politische Bildung.