28.01.2010
Herausgeber: netzeitung.de
Wegweiser auf dem Campus der Freien Universität Berlin
Foto: Freie Universität Berlin
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
2008. Pia ist aufgeregt, ihr ist schlecht. An den Schläfen spürt sie ein heißes Kribbeln. Sie studiert Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und steht kurz vor ihrer Zwischenprüfung. Eigentlich hätte sie sich damit lieber noch Zeit gelassen, aber auf diese Weise ist sie schneller als viele ihrer Kommilitonen und unter der Regelstudienzeit.
Jede Farbe, solange es schwarz istMehr leisten müssen, um mehr erreichen zu können. Ein Mantra, das heutzutage nicht nur Pia antreibt, während sie zielstrebig auf das Schwarze Brett zusteuert, um sich durch das Dickicht der Praktikumsangebote zu kämpfen.
Die Anforderungen möglicher Arbeitgeber sind vielfältig: Praktika, Fremdsprachenkenntnisse, Auslandserfahrung. Pia möchte als nächstes nach Shanghai. «Dann stehen mir wirklich alle Türen offen», meint sie. In den hohen Ansprüchen dieser Tage sieht sie Möglichkeiten.
«Sie können jede Farbe haben, solange es schwarz ist», hat Henry Ford einmal gesagt. Für den Philosophen Herbert Marcuse war dieser Satz Ausdruck seiner Theorie vom «eindimensionalen Menschen», der glaubt, alles haben zu können, am Ende aber nur an die Gesellschaft angepasst lebt. Hätte Pia gut 40 Jahre früher an der FU studiert, wäre sie Herbert Marcuse vielleicht begegnet.
Die Predigt der VernunftSo wie Luise, die an einem warmen Julitag im Jahr 1967 im brechendvollen Hörsaal sitzt. Auch sie ist aufgeregt, aber schlecht ist ihr nicht. Wochenlang hat sie zusammen mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund SDS Flyer gedruckt, über Nächte hinweg an Fragen und Formulierungen gefeilt. Auch Luise will etwas erreichen, aber nicht innerhalb des Systems, in dem sie lebt. Sie will es verändern.
Endlich, nach langer Vorbereitung, betritt Marcuse das Podium. Vier Abende in Folge spricht er zu und mit den Studenten. Über die Utopie, die eigene Gesellschaft grundlegend verändern zu können, über die Unfähigkeit, Veränderungen umzusetzen. Er wird nicht müde, die Studenten zu ermuntern, selbst ihre Beiträge zu leisten, und er diskutiert mit ihnen seine Theorien. «Wogegen ist die Studentenopposition gerichtet?», fragt Marcuse, da wir doch scheinbar in einem freien, demokratischen Land leben. Gegen die herrschenden Institutionen, durch deren Interessen unsere wahren Bedürfnisse unterdrückt werden, antwortet er im selben Atemzug. Aber anders als viele radikalere Denker sieht er einen Teil der Schuld bei jenen, die sich freiwillig unterdrücken lassen. Mehr als alles andere predigt Marcuse die Vernunft. Luise ist fasziniert von seinen Worten. Hunderte Male hat sie seinen Aufsatz Repressive Toleranz gelesen und stimmt mit ihm überein, dass wir allzu bereitwillig an die Freiheit der Entscheidung glauben, ohne zu hinterfragen, ob es diese wirklich gibt.
Die Freiheit, die keine istHerbert Marcuse spielte für Luise und die Studentenbewegung der 60er eine entscheidende Rolle. Er wünschte sich eine Welt, in der Technik und Kunst, Arbeit und Spiel miteinander einhergehen, stellt Freude und Glück über die Angst vor Veränderungen. Aber er weiß auch, wie angenehm und sicher es scheint, die bestehende Gesellschaft nicht zu hinterfragen.
Pia hat heute, 40 Jahre später, von Marcuse noch nie etwas gehört. Sie glaubt, alle Freiheiten zu haben, um ihre Zukunftswünsche zu verwirklichen. Wie tausend andere nimmt sie unbezahlte Praktika, verschulte und verwirtschaftlichte Studiengänge als selbstverständlich hin, als Notwendigkeit, den späteren Traumjob zu bekommen. Für Pia wären Luises Vorstellungen und ihre Wünsche nach der Veränderung der eigenen Gesellschaft utopisch. Das waren sie für Marcuse und Luise auch. Aber Herbert Marcuse war sich sicher, dass man aufhören muss, tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen als Utopie zu bezeichnen. Nur mit einem solchen «Ende der Utopie» bestand für ihn die Möglichkeit zum Wandel.