Sex, Drugs and Comics: 

netzeitung.deRebellion der Sprechblasen

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Ganz so harmlos wie Tim und Struppi waren die Meysenbug-Comics der 60er Jahre nicht (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ganz so harmlos wie Tim und Struppi waren die Meysenbug-Comics der 60er Jahre nicht
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ihr Blick geht ins Leere. Verträumt und hoffnungsvoll schaut sie aus dem schwarzen Kasten heraus, verdeckt mit dem linken Arm ihre nackten Brüste, der rechte zieht am Reißverschluss, öffnet die Jeans und offenbart einen auf ihrem Unterleib
klebenden 500-Mark-Schein. «Die kleine Liebe und das große Geschäft der Verkäuferin Jolly Boom», heißt es in der gezackten Sprechblase, schwarz auf weiß. Sie, Jolly Boom, ist umgeben von der Ware, die sie verkauft. Jolly Boom wird allmählich selbst zur Ware.
Verkäuferin wird Prostituierte ...
1968. Studentinnen und Studenten demonstrieren, rebellieren gegen ihre Eltern, gegen das System. Sie schmeißen Steine. Der 28-jährige Alfred von Meysenbug hingegen malt Comics. Jolly Boom erwacht in Meysenbugs erstem Comic-Strip
«Supermädchen» zum Leben, als Rebellion gegen den Kapitalismus und die unerbittliche Konsumgesellschaft, die aus der folgsamen Verkäuferin Jolly eine Prostituierte macht. Ganz im Stil der Pop Art zeichnet Meysenbug nach Fotovorlagen, die er von Freunden und Bekannten nachstellen lässt, montiert Werbesprüche und politische Flugblätter in die lockere Bilderfolge und lässt somit Realität und Fantasie verschmelzen. Daher brüllt auch jedes Bild Jollys Worte: «Alles ist käuflich!» Sie ist unverschämt nah am Leser, fixiert mit dreisten Blicken die Außenwelt und sprengt alle Strukturregeln der Comic-Kunst.
... und Prostituierte Künstlerin
Ebenfalls 1968 erscheint der Comic-Band «Glamour Girl» – die Erzählstruktur noch wilder, die Bilder noch pornografischer. Im Gegensatz zu Jolly ist die Protagonistin in «Glamour Girl», Carla Ehrlich, bereits eine Prostituierte, die sich im Laufe der Bilderfolge zur provozierenden Künstlerin und Feministin entwickelt. Carlas Atem spürt man auf der letzten Seite: zufriedene Augen, leicht geöffneter Mund. Eine Nahaufnahme. Sie wird bei einer Protestaktion des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) – dessen Mitglied auch Meysenbug war – während einer SPD-Veranstaltung verhaftet. «Jetzt gehöre ich dazu!!», schreit sie dem Leser ins Gesicht. Und dann, mit dem Zuklappen der letzten Seite, schließt sich dieses Kapitel ihres Lebens.

Die Netzeitung veröffentlicht diesen Artikel als Partner des Medienprojekts «Mythos 68» von Jugendpresse.de und der Bundeszentrale für politische Bildung.