Kaufhausbrand von Frankfurt: 

netzeitung.de«Seid nicht überrascht, wenn's brennt»

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Für diese ausgebrannte Kaufhausetage gab es drei Jahre Zuchthaus (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Für diese ausgebrannte Kaufhausetage gab es drei Jahre Zuchthaus
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Es ist die Nacht vom 2. auf den 3. April 1968. Kurz nach Mitternacht meldet ein Unbekannter der Deutschen Presseagentur in Frankfurt am Main: «Gleich brennt’s bei Schneider und im Kaufhof. Es ist ein politischer Racheakt.» Minuten nach diesem Anruf fressen sich die Flammen schon lichterloh durch das Mobiliar der besagten Einkaufspaläste in der Mainmetropole. Die angerückte Feuerwehr hat die Brände zwar schnell unter Kontrolle, doch durch die eingeschalteten Sprinkler überfluten tausende Liter Löschwasser die Kaufhausetagen.
Bomben aus Weckern, Benzin und Tesafilm
Der Sachschaden beträgt fast 700.000 Mark. Schnell steht fest: Es war Brandstiftung. Insgesamt drei kleine Bomben – zusammengebastelt aus Benzin, Weckern und Tesafilm – die zuvor in Schränken versteckt wurden lösten um 24 Uhr die Feuer aus. Nur zwei Tage später werden vier Verdächtige festgenommen: Allesamt Mitte 20 und mit Kontakten zur Studentenbewegung. Unter ihnen sind auch zwei Personen, die Jahre später die deutsche Geschichte entscheidend mitprägen sollten. Ihre Namen: Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die Mitbegründer der Roten Armee Fraktion.
»Gewalt gegen Sachen« als legitimes Mittel
Ein Brandanschlag auf Einkaufspaläste – war das die Antwort auf gesellschaftliche Repressionen und Polizeigewalt? Auf die bürgerliche Spießigkeit, von der sich so zahlreiche Jugendliche und Studierende abgrenzen wollten? Klar ist: Nach dem tödlichen Polizeischuss auf Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 radikalisierten sich die Studentenvereinigungen in Berlin, Frankfurt, München und anderen deutschen Städten immer mehr. Die Aktionen wurden zunehmend provokanter, der Ton härter.
Und so wurde auch diskutiert, ob man «Gewalt gegen Sachen» als legitimes Mittel des politischen Protests anerkennen könne. Andreas Baader, 24, und die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin, 28 und Germanistikstudentin an der FU Berlin, bekommen all diese Entwicklungen mit. Ob der Vietnamkongress oder Demos für mehr Mitbestimmung: Beide waren sie dabei. Zu dieser Zeit hatte Ensslin auch erste Kontakte zu Rudi Dutschke und anderen SDS-Mitgliedern geknüpft.
Diskussion bringt keine Revolution
Baader war weniger als typischer Linker, sondern vielmehr als draufgängerischer Macho bekannt. Die Härte der deutschen Staatsordnung bekam der gebürtige Münchner früh zu spüren:
Im Juni 1962 kam es bei den Schwabinger Krawallen zu harten Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Jugendlichen. Anneliese Baader erinnert sich an den Kommentar ihres Sohnes: «Weißt du, Mutter: In einem Staat, wo Polizei mit Gummiknüppeln gegen singende junge Leute vorgeht, da ist etwas nicht in Ordnung.»
Anfang 1968 sind Andreas Baader und Gudrun Ensslin schon länger ein Paar. Ihr gemeinsamer Hass auf das Establishment vereint sich in dem Eifer, etwas zu verändern. Nur: Die bisherigen Protestaktionen waren für sie nicht genug. Durch bloßes Diskutieren könne keine Revolution ausgelöst werden, der SDS wäre schon längst «zu einem lahmen Verein abgesackt». Der Schritt in die Illegalität also als logische Konsequenz?

Kommune 1 vermisst «Vietnamgefühl»
Schon im Mai 1967 brannte ein Kaufhaus – allerdings nicht in Frankfurt oder Berlin, sondern in Brüssel. Bei dem Feuer im «A l´Innovation» starben mehr als 200 Menschen. Als Reaktion auf die Katastrophe gestaltete die Berliner Kommune 1 um Rainer Langhans ein Flugblatt.
Die Toten wurden zwar bedauert, doch andererseits verglich man ihr Leid mit dem der Napalmopfer im Vietnam: «Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum ersten Mal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnamgefühl, das wir in Berlin bislang noch missen müssen.» Noch deutlicher wurde der Ton im Flugblatt Nr. 2: «Wenn es irgendwo brennt in der nächsten Zeit, [...] seid bitte nicht überrascht. Brüssel hat uns die einzige Antwort darauf gegeben: Burn, ware-house, burn!» Waren diese Worte die Legitimation für Gewalt gegen Sachen, um Brandbomben in deutsche Kaufhäuser zu legen? Dass Baader und Ensslin das Flugblatt gelesen haben, erscheint denkbar. Inwieweit es sie jedoch bei ihrer eigenen Aktion beeinflusst hat, ist rein spekulativ.

«Ich rede von verbrannten Kindern»
Im späteren Prozess – der sich mit munteren Angeklagten und dutzenden Sympathisanten eher zu einem «Justizhappening» entwickelt – unterstreicht Gudrun Ensslin den politischen Hintergrund der Tat:
«Ich interessiere mich nicht für ein paar verbrannte Schaumstoffmatratzen, ich rede von verbrannten Kindern in Vietnam.» Das Urteil: Drei Jahre Zuchthaus. Nach acht Monaten Haft kommen die Angeklagten auf freien Fuß, da deren Anwalt, der späterer Holocaust-Leugner Horst Mahler, Revision eingelegt hat.
Diese ist noch nicht entschieden, da befinden sich Ensslin und Baader schon auf der Flucht, Richtung Paris. Sie tauchen unter. Nur ein knappes Jahr später, im Sommer 1970, lässt sich das Paar zusammen mit anderen späteren RAF-Begründern in einem jordanischen Camp militärisch ausbilden. Der Beginn einer neuen Ideologie: Von nun an sollten keine Bomben mehr auf Kaufhäuser geworfen werden – sondern auf Menschen.

Die Netzeitung veröffentlicht diesen Artikel als Partner des Medienprojekts «Mythos 68» von Jugendpresse.de und der Bundeszentrale für politische Bildung.

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