28.01.2010
Herausgeber: netzeitung.de
Der Wasserwerfer aus den 60ern vor dem Amerika Haus ist mit roter Farbe beschmiert
Foto: Josephine Scheibe
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«Achtung, Achtung! Räumen Sie unverzüglich die Straße!», dröhnt es aus den Lautsprechern des Wasserwerfers. Vor dem Amerika Haus am Berliner Bahnhof Zoo werden Passanten ins Jahr 1968 versetzt. Anfang 2008 hat hier die Bundeszentrale für politische Bildung ihre Ausstellung «68 Brennpunkt Berlin» eröffnet.
Vom Schlagstock zum AusstellungsstückEin halbes Jahr lang empfängt das historische Polizeifahrzeug nun die Besucher. Kernstück der Ausstellung ist eine Werkschau des Fotografen Günter Zint; das wissenschaftliche Konzept der Ausstellung stammt von Dr. Jürgen Reiche vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Für die Ausstellung ist das Amerika Haus ein historischer Ort. Es wurde einst eingerichtet, um den Nachkriegsdeutschen die US-amerikanische Kultur näherzubringen.
1968 fanden vor dem zentral gelegenen Gebäude Proteste gegen den Vietnamkrieg statt, Steine flogen gegen die Fenster. Heute hängen Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden, und über die Bildschirme flimmern Videos von damals. Auf den Boden ist eine Zeitleiste mit den wichtigen Ereignissen und Daten gedruckt, dazwischen liegen Polizeihelme und Gummiknüppel von 1968, die heute Ausstellungsstücke sind, statt Teil eines Kampfarsenals
auf der Straße davor. Schnell wird klar, dass diese Bewegung vielseitig gewesen sein muss. Die Einführung der Antibabypille veränderte das konservative Familienbild und die damaligen Moralvorstellungen. Und über dem Ausgang steht «Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment» ein Spruch aus den damaligen Kommunen.
Der Schwerpunkt macht den UnterschiedVor allem Schulklassen und Studenten-Gruppen besuchen die Ausstellung. Heute sind auch Andrea Szatmary und Claudia Rücker dort. Sie interessieren sich besonders für das Thema 1968, denn sie planen für die zweite Jahreshälfte eine eigene Ausstellung, die im Ephraim-Palais stattfinden wird.
Auftraggeber ist die Stiftung Stadtmuseum. Noch eine Ausstellung zum Thema 68? Klar, in der 68er-Revolte gibt es entscheidende historische Wegmarken, auf die kein Rückblick, keine Ausstellung verzichten darf: Der Besuch des Schahs, der Schuss auf Benno Ohnesorg, die Kampagne der Springer-Presse. Und doch: Immer wieder gelingt es, unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen. Eine Besonderheit bei Andrea Szatmary und Claudia Rücker ist das der Bezug zur Polizei: Einzelne Polizisten etablierten damals schon erste Formen der Deeskalations-Strategie.
Auch Ströbele steht Rede und AntwortOb Amerika Haus oder Ephraim-Palais: Damit ein historisches Ereignis zu einer lebendigen Ausstellung wird, muss eine Menge vorbereitet werden. Am Anfang recherchierten Andrea Szatmary und Claudia Rücker im Internet, dann in diversen Archiven. Die beiden arbeiteten sich durch Berge von Dokumenten. «Wir durchstöberten das APO-Archiv, das Hamburger Institut für Sozialforschung, das Archiv der Polizeihistorischen Sammlungen und das Stadtmuseum Berlin», erinnert sich Andrea Szatmary.
«Und wir führten Interviews mit ehemaligen Studenten und mit bekannten Personen der Zeit, zum Bespiel mit dem Grünen-Politiker Ströbele über den Tod von Benno Ohnesorg.»
Bis so ein Ausstellungskonzept endlich steht, vergeht viel Zeit. «Das ist vergleichbar mit einem Regisseur, der ein Drehbuch schreibt», sagt Szatmary. Mit Hilfe von Designern, Grafikern, der Stiftung und in enger Zusammenarbeit mit Studenten der Humboldt-Universität werden ihre Pläne dann umgesetzt.
Vietnamkrieg auf der BerlinaleWährend Andrea Szatmary und Claudia Rücker noch in der Vorbereitung stecken, ist bei der bpb ein begleitendes Veranstaltungsprogramm bereits in vollem Gange. Eine Filmreihe zum Vietnamkrieg im Rahmen der Berlinale, zwei Wochenenden mit Filmen aus den späten 60er Jahren sowie eine Vielzahl von Podien- und Zeitzeugengesprächen, allesamt in der ersten Jahreshälfte, rahmen die Ausstellung und vertiefen die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Neben Debatten über weiterhin strittige Aspekte der historischen Ereignisse selbst bietet die Frage nach den Langzeitfolgen der 68er-Revolte zentralen Diskussionsstoff. Die Entwicklung der Geschlechterbeziehungen seit 1968 wird in der Podienfolge ebenso in den Blick genommen wie die Auswirkungen von 68 auf Theater und Künste oder der Zusammenhang zwischen 68 und den Neuen Sozialen Bewegungen der 70er und 80er. Und
auch der Besucher darf mitreden. Die Frage, ob die Auswirkungen von 68 auch heute noch zu spüren sind, kann per Knopfdruck beantwortet werden: Ja, Nein, Weiß nicht. So wird Geschichte auf den Punkt gebracht.
Die Netzeitung veröffentlicht diesen Artikel als Partner des Medienprojekts «Mythos 68» von Jugendpresse.de und der Bundeszentrale für politische Bildung.