Brand in Ludwigshafen: Die Blogger ermitteln
Links am Textanfang werden signifikant öfter geklickt. Nun gut: jurblog.de.Warum? Dazu später.
Der Brand von Ludwigshafen, bei dem am Faschingssonntag neun Menschen starben, beschäftigt auch die Blogs. Vermutungen und Ressentiments schießen bei Türken ebenso wie bei den, sorry, Krauts ins Kraut. Halbsätze aus Pressemitteilungen werden zu ganzen Wahrheiten aufgeblasen. Anschlag oder marode Stromleitung? Manche Bloggerinnen und Blogger sind erstaunlich meinungsfreudig.
Für Dilek Zaptcioglu vom Istanbul-Blog etwa scheint es einerseits ausgemachte Sache, dass die neun Toten Opfer eines rassistischen Anschlags sein müssen – falls nicht, ist es andererseits eh wurscht: «Was macht es eigentlich einen Unterschied, wenn das kein Anschlag war - was ja durch die exakten Aussagen der kleinen Mädchen sowieso widerlegt zu werden scheint. Der Rassismus ist eine Tatsache.»
«Islamkritische» Blogs wie Fakten - Fiktionen sehen die Brandursache lieber bei den Hausbewohnern selbst. Das Blog nimmt die Hypothese vom Stromdiebstahl als Fakt und steigert sich geifernd in die Fiktion: «Wieviel Türken klauen noch Strom (und Gas und Wasser) im Land?»
Fakten - Fiktionen, ehemals bei myblog.de gehostet, läuft nun, ebenso wie das bekannte, gelegentlich als Hassblog missverstandene Politically Incorrect, unter einer anonymen Domain. Offizieller Inhaber ist eine Kanzlei in Hong Kong, der Administrator sitzt angeblich in Somalia, der Server steht in den USA.
Ermittlungen wegen Beleidigung oder Volksverhetzung braucht nun niemand mehr zu fürchten. Kleiner Wermutstropfen für die Retter des Abendlandes: Die Rechnungsadresse befindet sich in der Türkei.
Dass sich ein Blog mit dem Ludwigshafener Brand und den Reaktionen darauf auch fundiert befassen kann, zeigt das Jurblog, auf dem Ekrem Senol fast täglich berichtet. Zuerst über den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck, der schon kurz nach der Tat von einem fremdenfeindlichen Motiv nichts wissen wollte: «Ein voreiliger Ausschluss einer fremdenfeindlichen Tat scheint sich in Deutschland aber eingebürgert zu haben, wenn die Opfer Ausländer sind (siehe insbesondere Mügeln).»
Dann über die zweifelhaften Reaktionen der Presse: Der Brand in Ludwigshafen und die Folgen der undifferenzierten Berichterstattung. Dass die Chefredakteure von Bild und Hürriyet nach einer Woche national gefärbter Berichterstattung dazu aufrufen, kein Misstrauen zu schüren, nennt Ekrem Senol «Sarkasmus der Woche»:
«Sind es nicht gerade diese Zeitungen gewesen, die aus vagen Vermutungen Tatsachen machten und damit insbesondere Misstrauen geschürt haben? Bei den Hauptverantwortlichen der beiden Blätter scheint weder das Kurzzeit- noch das Langzeitgedächtnis zu funktionieren.»
Der Großstadtneurotiker fasst das allgemeine Gerede bündig zusammen: «Ja nee, da is kein Herr, der Hirn vom Himmel schmeisst, auch kein Allah.»
Bad News finden sich auch anderswo. Lila (Letters from Rungholt) macht auf die Bad News Blogs aufmerksam: Blogger in mehreren Staaten wollen «anti-israelische Medien mit eigenen Waffen schlagen», indem sie in ihren Blogs ausschließlich negative Nachrichten über diese Länder wiedergeben.
Bis jetzt beteiligen sich u. a. Blogs aus Großbritannien, den Niederlanden und Frankreich. Was als negative Nachricht gilt, ist allerdings sehr verschieden. Bad News from Germany lässt sich mühelos mit Meldungen über Neonazis und antisemitische Angriffe füllen.
Bad News from Norway dagegen muss auf den doch eher drolligen Skandal zurückgreifen, dass Schulkinder während einer Bombendrohung still sitzen bleiben mussten, obwohl einige ziemlich dolle Angst hatten. Gesegnetes Land.
Anhang
Aschermittwoch. Haarbueschel zieht in die Fastenzeit: «Ab morgen wird das Web.2.0 abgeschaltet, es wird weder gebloggt, noch werden Blogs gelesen. Kein Bier, keine Schokolade. Dafür jeden Morgen und jeden Abend Mark. 12, 29-30.» +++ Gott an sich. Stefan meint, «eins muss man ihm lassen: humor hat er. zum beispiel hat er sich den ulk erlaubt, eine erkrankung zu erfinden, bei der die betroffenen nicht nur taub sind, sondern zugleich auch pigmentstörungen (ein weißes haarbüschel, unterschiedlich farbene augen...) haben. ('nur taub hab ich schon, jetzt mach ich noch taub mit lustigen haaren'...)» +++
Relaunch. Das Hauptstadtblog sieht anders aus. Zusatzfeature: eine schlanke Mobilversion.+++ Docblogs. Die Wissenswerkstatt listet bloggende Ärzte. +++ Kurzes. Casino: «grüßen in einer mail an sich selber.»Gingerbox: «schon vor längerer zeit fiel mir auf, dass die meisten blogs, die ich lese, ähnlich lang wie ich dabei sind.» Jules: «Im Alter zog er sich aufs Land zurück, um ein Werk über DHTML zu schreiben.» +++ Nachtrag. Rounders, die Mutter aller Arschlochblogs, scheint vom Angeln zurück: www.achnaja.com.
Für das Web ediert von Bov Bjerg.
