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Blogger suchen ihr Online-Ich

18. Sep 2007 07:59
Den Staat in die Pflicht nehmen: Mercedes Bunz in Karlsruhe
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Eine Tagung in Karlsruhe klärt existenzielle Fragen. Außerdem: Terroristenbärte, Gedenkminuten, Schwangerschaftsdemenz und Adjektiv-Fallen. Der Blogblick.

Das Lieblingswort des Bloggers ist «ich». Aber wen meint er damit? Und wenn «ich» ein anderer ist – wer füllt dann das Blog und wer kauft ein? Und wovon? Die Tagung Ich, Wir und die Anderen des ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) versuchte, Antworten zu geben.

Vanessa Diemand, Mit-Organisatorin der Veranstaltung, referierte über «Blogs. Ich-Konstruktion durch Autor und Leser». Tine Nowak fasst Diemandts Vortrag zusammen: «Der Blog-Autor 'konstruiert über Titel, Text, Fotos, Videos, Amazon-Wunschlisten, Blogroll, Titel des Blogs, Benutzernamen etc. ein Online-Ich», so steht es auf der Beamer-Wand. Daraus schlußfolgert Diemand im Vortrag: 'Diese Auswahl zieht wieder eine Fülle der Assoziationen, Zuschreibungen auf Seiten der Leser nach sich.' Der Leser bekäme das Gefühl, es mit einer realen Person zu tun zu haben, statt einer erfundenen Rolle.»

Wer also bisher dachte, es in Blogs mit realen Personen zu tun zu haben, der ist auf dem selbstkonstruierten Holzweg.

Im Falle von Rainer Meyer war die Sache mit dem «Ich» schon immer klar. Im Vorfeld erklärte er noch einmal ausführlich die Enstehungsgeschichte, den Charakter und die Grundlagen seiner Kunstfigur Don Alphonso: «Ähnlich Realperson mit ein paar Ausrutschern und charakterlichen Defiziten, manchmal himmelschreiende Ignoranz, von oben herab und das mit einer gewissen Lust am Unkorrekten, macht seine angenehmen Lebensumstände nicht klein.» Er kommt zu dem Ergebnis: «Man bekommt einen sehr präzisen Eindruck von Don Alphonso, aber nur einen vagen Eindruck von der Realperson. Mit der Authentizität ist es nicht weit her.»

Jan Schmidt findet daran problematisch, «dass diese Literarisierung zwar ihn und sein Umfeld schützt, doch die Angriffe der Kunstfigur Don Alphonso auf andere Personen durchaus real sind und eben ungeschützt ertragen werden (müssen).» Aber wenn die anderen doch auch alle Kunstfiguren sind? Es ist nicht ganz leicht auf dem Maskenball der Eitelkeiten.

Die Ich-Verwirrung kann zu Situationen führen, die Kafka als zu konstruiert verworfen hätte. Die Bloggerin Julie Paradise saß als Studentin unter ihrem richtigen Namen im Publikum, während Vanessa Diemand auf dem Podium den SZ-Artikel (siehe Blogblick vom 14.08.2007 ) erwähnte, in dem Julie Paradise eine tragende Rolle spielte. «Rote Ohren habe ich bekommen und mich dann dumm gefühlt, weil ich mich eben mit genannt gefühlt habe, dabei bin ich ja auch nicht deckungsgleich mit Julie Paradise (!). Das macht das Schreiben darüber jetzt nur komplizierter, denn hier schreibe ich als Julie Paradise.»

«Doch wo bleibt dann die Authentizität?», fragt sich Olaf Kolbrück. «Wo bleibt die Wahrheit? Wo bleibt dann die journalistische und gesellschaftliche Relevanz? Am Ende alles nur eine Fata Morgana? Alles Lüge?» Auch Jan Schmidt war zumindest bisher von der Relevanz der Authentizität überzeugt: «Ich nenne bislang eigentlich immer gerne 'Authentizität' als eine der Leitideen, die (neben Dialogorientierung und Dezentralität), die die Blogosphäre prägen und den unterschiedlichen Praktiken gemeinsam sind bzw. zumindest als Leiterwartungen dienen.»

Auf der Tagung in Karslruhe ging es jedoch nicht nur um das «Ich», sondern auch um das «Wir» im Web 2.0. Jeriko fasst den Vortrag von Robert Basic zusammen: Basic zufolge gibt es kein «we» im Web 2.0. 80.000 Besucher eines Queen-Konzerts erlebten sich als Einheit, während die 80.000 Besucher, die monatlich Basics Blog lesen, nichts miteinander zu tun hätten.

Der erfolgreiche Praktiker Robert Basic fand die Tagung im ZKM rückblickend nicht nur zu verkopft, sondern auch wenig zielführend: «Das deskriptive Element war auf der ZKM Veranstaltung viel zu stark. Die sagen mir nur, dass sie festgestellt haben, dass die Hummel doch fliegen kann, nicht aber warum und wohin, smile:)) Das ist halt das Dumme, wenn man mit dem Denkballast von ich weiß nicht wie vielen zitierten Wissenschaftlern, Philosophen, Literaten und Forschern im Kopf herumläuft.»

Zuviel intellektuellen Überbau gab es jedenfalls nicht bei MC Winkel. Laut dem Blog c’est mauvais ça präsentierte Mathias Winks die Marke «MC Winkel» «in sehr überzeugender Form, erfrischenderweise ohne den überhöhten und gelegentlich auch nur pseudointellektuellen Anspruch, den man bei anderen teilweise feststellen konnte. Er ist irgendwo zwischen Dieter Bohlen und Stefan Raab, und er ist ein bisschen wahnsinnig. Auf jeden Fall liefert er eine große Show und beantwortet damit mehr Fragen zum Thema 'Ökononomisierungspotential' als andere.»

Um das Ökonomisierungspotential ging es nämlich auch. Also um die größte bisher unbeantwortete Frage: Where is the money? Mercedes Bunz plädierte dafür, «den Staat in die Pflicht [zu] nehmen, ein Business-Umfeld für das neue Netz zu etablieren». Ich warte da lieber auf Godot. Uwe Hochmuth machte sich Sorgen um die Digitale Bohème und «glaubt, daß diese Leute potentielle Sozialfälle seien.»

Meinem Spreeblick-Kollegen Andreas zufolge erging Hochmuth sich ansonsten «in theoretischen Überlegungen wie im Netz mit Informationen Geld zu verdienen sei, die direkt aus den 80ern zu kommen schienen.» Peter Turi sorgte ebenfalls nicht für Klarheit: «Turi sieht in Blogs weder Potenzial zur Lösung gesellschaftlicher Probleme noch ein plausibles Geschäftsmodell für sie.» Turi selbst lebt allerdings davon, «bloggender Nischen-Branchendienst» zu sein. Glaubt er also selbst nicht an sich? Pepino resümiert treffend: «Geld verdienen ist gut. Fragen wie es geht, dagegen nicht.»

Über eines herrschte Konsens: alle fanden Peter Glaser gut. Seinen Vortrag resümiert Tine Nowak: «Sein Ausblick ist die unterschätzte Macht der Faulheit. Früher sei Sex der Motor für alles gewesen, heute sei es Faulheit. Statt «Sex sells, heißt es 'Faulheit siegt': 'Wirklich faule Menschen sind ungemein fleißig, um bald wieder faul sein zu können.'»


Mehr im Internet: Kommentare der Woche

Anhang

+++ Bart färben: Manniac macht sich Gedanken um das Remodeling Osama Bin Ladens: «Ganz neu ist auch der direkte Blick zur Kamera, was dem Einsatz eines Teleprompters geschuldet sein mag und das Gesamtbild durch den Wegfall des Drehskripts auf dem Schreibtisch entlastet.» +++ Windows Vista: Diaet möchte etwas von seinem Betriebssystem wissen : «Und was soll 'befried' überhaupt heißen? Bist Du selber wenigstens gar?» +++ Ziemlich schwanger: Sebas erkennt, dass er in einer Versuchsanordnung lebt. «Der Versuch, mich emotional in den Wahnsinn zu treiben begann vor wenigen Wochen mit einem Phänomen, das man Schwangerschafts-Demenz nennt. Eigentlich ist das Herzmädchen das Gehirn der Beziehung. Ich trage ein Sieb auf meinem Hals. Sie merkt sich Daten, Verabredungen, Menschen, Beziehungen, Gesprächsinhalte. Einzig für Namen bin ich zuständig. War ich zuständig.» +++ Gedenk-äh-minute: Kathrin und Manfred verbringen ein Jahr als Lehrer in den USA. Am 11.September ergab sich ein praktisches Problem: «In Österreich gibts ja die Tradition der Pseudo-Schweigeminuten, bei denen man sich eben mal kurz erhebt, betreten auf den Boden starrt, sich räuspert und danke, das wars. Aber die Amis? Bestehen die auf ihr Recht auf volle 60 Sekunden? Empfinden die das vielleicht als unhöflich, wenn man als Lehrerin die Aktion nach, sagen wir, 15 Sekunden wieder abbricht?» +++ Immobilienkrise: Und auch ahoipolloi hat sich ein Bild von 9/11 gemacht. +++ Von einem anderen Stern: Felix Schwenzel amüsiert sich über Frank Thomsen, den Chefredakteur von stern.de: «Klar dachte ix, der Stern hat seine Technik nicht im Griff, aber das Zeug zum Weltmarktführer für Alles zu werden.» +++ Unterhaltung, gute: René Walter von den Fünf Filmfreunden lässt altbewährte Beschwichtigungen nicht mehr gelten: «Und ab heute will ich Sätze wie 'Einfach mal das Gehirn abschalten' nicht mehr hören. Erstens, weil das auf der wissenschaftlich-biologischen Ebene überhaupt nicht funktioniert, und zweitens: weil es Bullshit ist.» +++ Exzess: Dem Express ist für sein Klickvieh nichts zu geschmacklos . Gar nichts. +++ Schöner bräunen: Das Bild-Blog listet die schönsten Nazi-Vergleiche der Bild-Leser auf: «Die Verbrecherrate war nicht so hoch wie jetzt.» +++ Morgengrauen: Nora erhält ein klebriges Angebot . +++ Glaube, Liebe, Ocker: Batz erinnert sich an die Dinge, die man früher glaubte: «Früher glaubte man, Thomas Gottschalk wäre lässig und spontan, Bill Cosby, Alf und Cheers wären witzig, Bruno Jonas, Mathias Richling und Richard Rogler hätten Humor und wären gute Kabaretisten, Orange und Oker wären Farben.» +++ Knietief in der Adjektiv-Falle: Thilo Baum entdeckt mehr Fehlerquellen in der tückischen deutschen Sprache als Saudis Sand in ihren Wüsten: «Es gibt jede Menge stattliche Rentner, doch diese sind selbst stattlich, ihre Rente muss es deswegen noch lange nicht sein. Gemeint wären Empfänger stattlicher Renten.» +++ Meinten Sie Freiheit?: Auf Spreeblick kann man ein JavaScript herunterladen, das die Wörter Terror, Bombe, Genozid und Töten zensiert. Eine Reaktion auf den Vorschlag des EU-Kommissars Franco Frattini, innerhalb der EU die Internetsuche nach diesen Begriffen blockieren zu lassen. +++

 
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