: «Aber wir sind doch gar nicht so doof!»14. Aug 2007 12:21  |  Bloggen gegen Vorurteile | Foto: dpa |
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Journalisten versus Blogger: Der Kampf ums publizistische Terrain geht in die nächste Runde. Außerdem: Aufstieg und Fall einer Telenovela sowie reichlich Terrorismusverdacht. Der Blogblick.
Wer über Weblogs schreibt, dem ist Aufmerksamkeit gewiss – Kritik aber auch. Denn Artikel über Weblogs folgen meist einem Ritual: Ein Journalist kritisiert den Schreibstil, bemängelt Relevanz oder wahlweise Profillosigkeit von Weblogs. Woraufhin Blogger ihr Hobby verteidigen und belustigt, beleidigt oder empört reagieren. Nun hat Johannes Boie auf sueddeutsche.de
den neuesten Anlass
geliefert.
Boies Vorwürfe: Die deutsche Blog-Szene sei irrelevant, biete keinen Informationswert, bewege sich in einem geschlossenen Zirkel und bekämpfe sich dort fortwährend gegenseitig. Von 10.000 Blogs seien lediglich 100 in der Öffentlichkeit bekannt.
«'Laannnngweilig!' würde vielleicht Homer Simpson sagen, wenn er das lesen würde. Immer, wenn ein Internet-Journalist kein Thema hat (und aktuell ist ja Sommerloch), betreibt er
Blogger-Schelte»
– so Christian Böllings lakonische Reaktion in seinem Blog Am Ende des Tages.
Stefan Niggemeier, Journalist und Blogger, lässt sich die Gelegenheit zu einer ausführlichen Antwort nicht nehmen. Obwohl es ihn ermüde, «die immer gleichen Zeitungstexte über die angeblich fehlende Relevanz von Blogs in Deutschland zu lesen», schreibt er einen offenen Brief:
«Entschuldigen Sie die Polemik, aber es fällt mir schwer, nicht polemisch zu werden angesichts der Diskrepanz zwischen der Überheblichkeit und Selbstwahrnehmung der 'Süddeutschen Zeitung' und der
Realität ihrer Berichterstattung
im und über das Internet.»
Jan Schmidt, Kommunikationswissenschaftler und Blogger, wird im 'SZ'-Artikel gar zitiert. Schmidt nimmt die Kritik an den Blogs ernst, sieht aber gleichwohl eine öffentliche Relevanz von Blogs:
«Weblogs, insbesondere (...) mit vielleicht nur 5 oder 20 Lesern, bilden persönliche Öffentlichkeiten, innerhalb derer Menschen mit anderen Menschen solche Themen, Erlebnisse, Ideen etc. teilen, die sie für wichtig halten. (...) Und dadurch wird die blogbasierte öffentliche Publikation von Themen mit persönlicher Relevanz auf einmal
wieder gesellschaftlich relevant:
Sie bietet neue Möglichkeiten des Austauschs und der Beziehungspflege.
Don Dahlmann hat zwar keine Lust mehr, über das Thema zu schreiben, betont aber gerne die Bedeutung der Blogs im Internet: «Man freut sich darüber, dass das Netz ein riesiges Rechercheinstrument ist, verdammt aber die Arbeit, die Blogs dazu beitragen, in dem sie irgendwelche Archive anlegen oder mittels Links bei Google überhaupt erst bekannt machen. Es sind nicht (nur) die Blogs, die die Medien verändern, es ist das Netz. Und das
Netz greift viel tiefer
in unser Leben und Denken ein, als sich das so mancher Journalist offenbar vorstellen mag.«
«Ich bin ein Aufhänger»
betitelt Julie Paradise ihre Replik. Denn ein Zitat aus ihrem Blog sollte in dem 'SZ'-Artikel demonstrieren, wie uninteressant und humorlos deutsche Blogs seien. Peter Hogenkamp hingegen fand den Eintrag «durchaus ganz witzig. Julie und Malte haben eben noch
ein bisschen Selbstironie.
Man bloggt, flickert, twittert zwar, weiss aber durchaus, dass es auch noch massenweise Leute gibt, die keinen Schimmer haben.»
Der Medienberater Steffen Büffel spricht in seinem Weblog Media-Ocean einen naheliegenden Verdacht aus. Er vermutet, «dass neben Arroganz und Selbstherrlichkeit auch eine Portion Berechnung bei solch schlecht recherchierten und tendenziös geschriebenen Artikeln auch eine Strategie dahinterliegt. Die Strategie, die ach so
irrelevante Blogosphäre zu provozieren
um sich damit Aufmerksamkeit zu erkaufen.»
Mehr im Internet: Kommentare der Woche |
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Anhang +++ Aufstieg und Fall einer TV-Serie: «Lotta in Love« war eine Telenovela, deren letzte Folge jüngst um 5.50 Uhr morgens gesendet wurde. Torsten Dewi hat sie erfunden. Hier erzählt er die Geschichte
mehreren
Teilen.
Weitere Episoden sollen folgen. +++ «Gespräch mit einer Hure»: Malte hat auf Spreeblick eine Prostituierte interviewt. Auch dieser Text hat mehrere Teile:
Teil eins
und
Teil zwei
. +++ Hört auf zu malen: Goncourt erzählt in einer kleinen biografischen Notiz eine kurze künstlerische Karriere: «Edna gab mir meinen ersten Auftrag: sie wußte, dass ich malte, und ließ mir durch meine Mutter ein Foto ihrer Nichte zukommen, damit ich daraus ein Porträt in Pastell fertigte. (...) Ich bin sicher, dass die Beschenkte es umstandslos verschwinden ließ. Tatsächlich war dies
eins meiner letzten Bilder in Pastell;
ich erhielt 70 Mark dafür.» +++ In Haft: Ein Berliner Medienwissenschaftler wollte jüngst einen Vortrag zu Fragen der Stadtsoziologie halten. Er kam nicht mehr dazu, er wurde verhaftet. Der Vorwurf: Verdacht auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Rainer Rilling, ein Kollege des Beschuldigten, folgert entmutigt: «Seit wenigen Tagen gehe ich definitiv davon aus, dass ich aufgrund dieser lockeren wissenschaftlich-politischen Zusammenarbeit ebenfalls auf meine Gespräche und Gesprächspartner achten muss, meinem Handy noch weniger trauen sollte als bisher und ansonsten eigentlich gehalten wäre, Literaturlisten, E-Mail-Verzeichnisse, Festplatten, Bücherschränke und Book(!)marks nach ihrem
terroristischen Potential
durchzuforsten.»
Für das Web ediert von Stephan Heinen |