Zensur - ganz nah und ganz fern19. Jun 2007 09:46, ergänzt 22. Jun 2007 10:53  |  Yahoo verbindet Deutschland und China mehr als es manchen lieb ist | Foto: dpa |
|
Endlich rumpelt es mal richtig in der sonst so harmonischen Blogosphäre. Schuld sind Yahoo, Flickr, gesperrte Bilder und Boykotte. Wie immer dienstags: Blogblick
Lässigkeit und harmonisches Miteinander waren gestern. Nun herrschen in den deutschsprachigen Blogs Zoff, Anschuldigungen und Unverständnis vor. Ausgelöst gleich mehrfach von Yahoo.
Um was geht es? Da ist einmal die Tatsache, dass das zu Yahoo gehörende US-Fotoportal Flickr in seiner deutschen Version reichlich prüde daherkommt. Robert Basic, Basic Thinking,
hat sich
«gestern noch gefragt, ob ein deutschsprachiger Flickr-Dienst noch mehr User anziehen wird. Heute lese ich an allen möglichen Orten, dass Flickr aufgrund seiner Regelung, z.B. erotischere Bilder nicht zu zeigen, Kritik erntet».
Don Dahlmann, Irgendwas ist ja immer,
meint,
jeglicher Zensur seien jetzt Tür und Tor geöffnet, und das ausgerechnet bei «Flickr, die auch mal als alternatives Medium für Pressefotos galten». Der Bilderdienst habe «massiv an Glaubwürdigkeit eingebüßt, weil man nun immer den Gedanken im Hinterkopf hat, dass man nur das zu sehen bekommt, was entweder einer Regierung gefällt oder von dem Yahoo glaubt, dass man es sehen darf. Wie weit geht wohl der vorauseilende Gehorsam von Flickr?»
Daniel Tiendl, Dani bloggt!, gehörte zu den ersten, die dazu
aufriefen,
«den jeweiligen Account zu löschen. Es ist es einfach nicht wert, sich wegen so etwas zu ärgern. Protestieren gegen einen Dienst, den ich nicht brauche, finde ich lächerlich.» ToJe, Das Blog am Datentrampelpfad
ergänzt:
«Ich werde nicht alle Unternehmen boykottieren können, die irgendwo auf dieser Welt in irgendeiner Weise Zensur ausüben - so ehrlich bin ich mir gegenüber. Aber wenn ein Unternehmen anfängt, mich zu zensieren, dann bin ich Kunde dieses Unternehmens gewesen.»
Liisa, Charming Quark, hatte ihren Account schon gekündigt als für Flickr-User ein Yahoo-Account nötig wurde. «Meine Entscheidung im März war goldrichtig»,
weiß sie nun.
«Wenn die Entwicklungen so weitergehen wie sich das zunehmend abzeichnet, verkommt das Web 2.0 irgendwann zu einer neuen Internetblase, in der wieder mal einige Wenige mitnehmen was mitzunehmen geht».
Auch Felix Schwenzel, wirres.net,
hat seine Konsequenzen gezogen:
»man kann das lächerlich finden, aber ich hab mein flickr-account gelöscht. das von yahoo gleich noch dazu. und jetzt übe ich mich selbst zu verarschen.« Doch schon in den Kommentaren zum Beitrag regt sich Widerspruch: «Wenn Ihr etwas boykottieren wollt, dann boykottiert bitte den deutschen Staat und seine Rechtsprechung»,
schreibt
Micha und verweist damit auf die Rechtfertigung von Flickr Deutschland, man handele nur gemäß den geltenden Gesetzen. In anderen Blogs wurde
ebenfalls
Kritik
an Schwenzels Löschung des Accounts laut.
Damit kommen wir zur zweiten Ebene der Auseinandersetzung, die wieder mit Yahoo zu tun hat und der sich Felix Schwenzel erneut stellen muss. Denn eine Zeit lang war neben seinem Eintrag über die Kündigung des zu Yahoo gehörenden Flickr-Accounts im Blog eine Anzeige geschaltet - eine Anzeige von Yahoo. Der Kommentar des Besuchers «fetzen» - «Die Yahoowerbung hier im Blog ist dann aber schon irgendwie, naja, fragwürdig?» - fällt noch recht moderat aus.
Wirres.net gehört zu den ausgewählten Blogs, die von
Adical
- einer Reklameplattform von Bloggern für Blogger - mit Werbung versorgt werden. Und vor kurzem wurde eben auch Yahoo als Anzeigenkunde gewonnen. Johnny Haeusler, Spreeblick, hat diese Kooperation nun in einem langen Beitrag begründet. Insbesondere die Vorwürfe gegen Yahoo, der chinesischen Regierung bei der Zensur im Internet zu helfen, kommen bei ihm ausführlich zur
Sprache.
Dafür wiederum wird Spreeblick neben anderen Blogs mit Yahoo-Werbung wie
Netzpolitik.org
oder
Nerdcore
auf F!XMBR
gedisst:
«Blogger waren mal eine moralische, eine ethische Instanz mit Integrität, sie waren mal glaubwürdig. Mit der Annahme allein von Yahoo als Werbepartner ist dies nun zerstört worden», heißt es dort.
Auch Don Alphonso macht sich in der Blogbar so seine Gedanken zum Thema. Der Werbeauftrag von Yahoo sorge bei Adical
dafür, dass
«Leute sich verbiegen müssen, nicht mehr geradlinig sind, die Schnauze halten, und Verständnis für einen Drecksladen konstruieren müssen, für den es kein Verständnis geben kann. Für 2 lumpige Cent pro Page Impression. Das ist der Wert eines denkenden Menschen, der auf ihre Seite geht.»
Mehr im Internet: Kommentare der Woche |
|
Anhang +++ Luxus: Fiete Stegers, Netzjournalismus.de,
verweist
auf eine Seite, auf der sich der Soziologe Thomas Druyen mit dem Leben der Superreichen beschäftigt: «Er wirbt um mehr Verständnis für Milliardäre.» Das Blog Sprechblase
erfindet
«Crowdfinancing. Wenn von tausend Chinesen mir für meine neue Geschäftsidee jeder 1000 Euro als Kapitalanteil gibt, ernähre ich mit dem neuen Geschäft alle restlichen Chinesen.» +++ Spinner: René Walter, Nerdcore,
verlinkt auf
«Fotos aus dem jetzt schon legendären Quatschmuseum der Kreationisten in Kentucky.» +++ Mehr als nur Spinner: Das NPD-Blog.Info verlinkt auf ein
Video aus Berlin:
«'Zwei Araber und ein Nazi', wie es in der Selbstbeschreibung heißt, wünschen allen Juden den Tod und Gas und Bomben für Tel Aviv.» +++ Kirche: Lyssa, Lyssas Lounge, berichtet vom Evangelischen Kirchentag
einst und jüngst:
«Etwas weniger Kumbayah mit Anfassen, bitte, und etwas mehr ernsthafte Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen anstelle von simplifizierten Forderungen, die der Komplexität unserer Probleme nicht mal im Ansatz gerecht werden.» +++ Musik: Im Weblog Aloha
bekennt man sich
zum Deutschrap im Allgemeinen und zu «Summsemann» im Besonderen; Sebastian Schuster hat endlich eine illustrierte Anleitung
entdeckt,
«wie man das Pfeifen auf den Fingern lernen kann.» +++ Regionales: Der Werbeblogger bekennt: «Der HSV (sein Fanschal) und das Fussball-Establishment gehen uns am A... vorbei» und
illustriert
diese Aussage mit einem hübschen Foto. Das Düsseldorf Blog
wirbt für
«den Bücherbummel» und das «Weinblütenfest - somit ist sowohl im lukullischen als auch in geistiger Hinsicht Gourmetkost garantiert.» +++ Experimente: Leidartikel.de hat «einen Beitrag mit der Überschift 'Paris Hilton nackt' eingestellt, nur um einmal zu testen, ob das die Besucherzahl kurzfristig wirklich deutlich erhöht.» Und wie war das
Ergebnis?
«Es gab 246 Seitenaufrufe: ein absoluter neuer Rekord!»;
das Weblog Schieflage
sucht
nach dem G8-Gipfel «Whistleblower bei der Polizei». +++ Spam: Nilzenburger, Bloggen für den Weltfrieden, erstickt derzeit fast in Spammails,
die auch noch
«scheinbar privat gemeinte Texte» enthalten.
Für das Web ediert von Maik Söhler |