Bild dir keine Meinung!16. Mai 2007 12:16  |  Er wollte den Schwung des Gegners aufnehmen: 'Welt'-Journalist Alan Posener | Foto: Archiv |
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Aufregung um zensierte Weblog-Einträge beim Axel Springer Verlag. Eine Cybersexreportage und der unberechenbare «Eurovision Song Contest». Ausnahmsweise mittwochs: Blogblick.
Lesen, schreiben, löschen: das war einmal. Denn irgendwo findet sich immer ein Weblog, das gelöschte Dokumente auffängt und bereit hält. So kursiert auch die eigentlich entfernte, deftige Kai Diekmann-Kritik von Alan Posener auf «Welt-Online» in unzähligen Blogs.
Posener schreibt regelmäßig in seinem Blog
Apocalypso
bei «Welt-Online». Er arbeitet als Journalist, ist Kommentarchef bei der Springer-Zeitung «Welt am Sonntag» und leitet mit Richard Herzinger das wenige Montate alte Projekt «Welt-Debatte» im Netz. In seinem Blog hatte er am vergangenen Dienstag Kai Diekmann, den Chefredakteur der Springer-Zeitung «Bild», scharf kritisiert. Allerdings stand dieser Eintrag nicht lange online, er flog schnell wieder aus Apocalypso heraus; das
Altpapier berichtete.
Lupo hat im Bildblog die Angelegenheit schnell vermerkt: bereits um 11.47 Uhr war der
Eintrag gelöscht.
Philip Steffan, im Nebenjob Moderator bei «Welt-Debatte», dokumentierte in seinem Weblog Schattenraum den Fall: «Am Vormittag klingelte bei der Kollegin das Telefon, ein Gespräch, das nur einige Sekunden dauerte.
Dann war Poseners Artikel offline.»
Kurze danach erschien der ursprüngliche Text Poseners allerdings im Weblog von
Florian Treiß.
Auch Peter Turi dokumentierte den Text: «Im Internet geht nix verloren - und der Versuch, eine unliebsame Stelle zu löschen, gleicht dem Bemühen, Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken. Aus Gründen der Dokumentation hier
der von Springer gelöschte Text in voller Länge.»
Peter Schink, Projektleiter bei «Welt-Online» und Blogger bei Blog Age, unterstellte seinem Arbeitgeber immerhin Lernbedarf: «Doch was sollte mit der Löschung des Postings bezweckt werden? Wenn der Zweck war, ein deutliches Statement abzugeben, dass Welt-Autoren nichts Böses über Bild schreiben dürfen, hat es funktioniert (...)
Kommunikation im Web 2.0 ist ein komplexes Konstrukt.»
«Welt-Debatte»-Moderator Philip Steffan zeigte sich hingegen enttäuscht: «Man (hätte) im Hause die Zähne zusammenbeißen und seinen Stolz herunterschlucken können und vermutlich auch noch Lob eingefahren, einen
selbstkritischen Diskurs offen zu führen.»
Stefan Niggemeier ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen und kritisierte die Kommunikationskultur bei Springer: er fragte, wie selbständig die anderen Blogger bei «Welt Online» – immerhin gibt es deren zehn – in Zukunft schreiben könnten: «Was bedeutet es, auf 'Welt-Online' zu bloggen? Bloggt Ihr nur Dinge, mit denen («Welt-Online»-Chefredakteur) Christoph Keese einverstanden ist? Habt Ihr die Springer-Leute darauf hingewiesen, dass sie Euch durch die
Formulierung in eine unmögliche Situation
bringen?»
Die indirekte Antwort gab Chefredakteur Keese am Montag in einem Interview mit der
«Süddeutschen Zeitung»
, indem er ankündigte, dass die «Welt Online»-Blogs in Zukunft alle redigiert würden. Das war keine gute Nachricht, jedenfalls nicht für Blogger. Denn: für viele handelt es sich bei redigierten Blogeinträgen eben nicht mehr um «richtige» Weblogs, sondern um journalistisch verfasste Artikel.
So stellte Statler in seinem Weblog kurz und knapp fest: «Die WELT schafft ihre Blogs ab. (...) Blogeinträge werden dort nun, wie normale Zeitungsartikel auch, den ganz normalen redaktionellen Prozeß durchlaufen. Was dann natürlich ganz offensichtlich kein Bloggen mehr ist.
Es ist: Zeitungstexte ins Internet stellen,
die es nicht mehr in die Printversion geschafft haben.»
Thomas Wanhoff, ein ehemaliger «Welt-Online»-Mitarbeiter, kritisiert ebenfalls die Reaktion aus dem Springer-Haus. «Bloggen heißt auch, mal gelassen zu sein und abzuwarten. Sich auseinandersetzen.
Und zwar dort, wo die Diskussion ist.»
Thomas Knüwer antwortet in seinem Blog Indiskretion Ehrensache auf die Rechtfertigungsversuche von «Welt online»-Chef Keese: Blogs sind nicht «private Tagebücher», sie können private Tagebücher sein. (...) Und wenn Blogs private Tagebücher sind, warum darf Alan Posener nicht seine private Meinung reinschreiben?
Knüwer weiter: «Und so werden die gegengelesenen Welt-Online-Blogs dauerhaft diskreditiert bleiben, ebenso der mit viel Tamtam gestartete Debatte-Bereich. Das alles hätte Keese vermeiden können. Denn Kommunikation im Netz ist oft wie Judo - man muss
den Schwung des Gegners mitnehmen.»
Mehr im Internet: Kommentare der Woche |
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Anhang +++ Vorratsdatenterror: Malte interviewt auf Spreeblick den technischen Direktor eines Internet-Providers: «Es mangelt vor allem an zwei Dingen: Erstens KnowHow. Was bedeutet der ganze Kram in den Logfiles überhaupt? Wie ist zum Beispiel eine Maillog auszuwerten, was bedeutet der Kram in einem E-Mail-Header? Das ist ja nicht trivial. Viele Leute bei den Ermittlungsbehörden (und vor allem auch in der Politik) denken, das sei so ähnlich wie Telefon. „Um 16.34 hat Anschluss X mit Anschluss y telefoniert und
das Gespräch hat 7 Minuten gedauert.»
+++ Phrasendrescher: Poodle versucht sich an einer Menge Phrasen: «Keiner wird ernsthaft behaupten, dass der Sachverhalt nicht der Fall wäre, im Gegenteil! Das Problem ist auch nicht ob, sondern wann. Meinetwegen auch wozu, ganz wie Sie wollen. Bin ich gut aufgestellt –
das muss sich doch jeder fragen.»
+++ «Grand-Prix»: Den «Eurovision Song Contest» hat isabo auf ... is a blog
live gebloggt.
Auch Lukas verbrachte den Grand-Prix vor dem Monitor. Sein Blog heißt ja auch
Coffee and TV,
folgerichtig musste er bloggen. Jens Schröder, Popkulturjunkie lieferte zur Veranschaulichung der These vom abgesprochenen Gewinner die
passende Grafik
der 16 bestplatzierten Länder bei, aber Stefan Niggemeier hält dagegen: Der Grand-Prix sei weiterhin
nicht berechenbar.
Nun, denn. +++ Cybersex im 21. Jahrhundert:: Schwadroneuse erzählt eine Geschichte: «auf meinem weg zum digitalen koitus schlenderte ich also nun die fototapeten entlang und wunderte mich über kugeln, die am wegesrand lagen, so jungs- und mädchenfarbene, hellblau und rosa.» Alle drei bisherigen Folgen
hier
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Für das Web ediert von Stephan Heinen |