netzeitung.deAusbrüche in die Wirklichkeit

 Herausgeber: netzeitung.de

Ich möchte ein Blogger sein: Eisbär Knut (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ich möchte ein Blogger sein: Eisbär Knut
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Blogger-Lesungen, Pop als Heimat, Eisbär Knut als Blogger - und mörderische Dorfgeschichten. Wie immer dienstags: Blogblick.

Glückliche Blogger! Vorbei die Zeiten, da Einsame das Internet mit ihrer Sicht auf die Welt behelligten. Zwar schreiben Weblogger weiterhin Texte, setzen unablässig Links aufeinander, lesen und zitieren sich gegenseitig. Aber längst tragen viele ihre Texte den anderen, den Nicht-Bloggern da draußen, vor.

Parallel zur Leipziger Buchmesse, auf der sich der traditionelle Literaturbetrieb traf, fand das Lese-Festival «Leipzig liest» statt. In diesem Rahmen lasen die Blogger Felix Schwenzel,Don Dahlmann,Madame Modeste,Thomas Knüwer,Lyssa und Don Alphonso Texte aus ihren Blogs vor.

Natürlich waren sie nicht die einzigen Blogger dort, denn Lesungen dienen nicht zuletzt dem Wiedersehen: Thomas Gigold von den Blogpiloten hat die Lesung mit Fotos dokumentiert und Guido von Heldenstadt.de, einem Leipzig gewidmeten Weblog, blieben die nicht zuletzt etwas derben Äußerungen aus dem Publikum im Gedächtnis: «Einmal ein junger Mann, der am Eingang meinte: 'Ich kenne hier jede dritte Blogger-Fresse von irgendwelchen Bildern. Zum Glück fliegt kein Foto von mir im Internet rum.'»

Jüngere Blogger tun sich mit den Lesungen hingegen noch schwer. Klingsor erlebte in Leipzig seine erste Blog-Lesung und war weniger angetan: «Ich wurde allerdings wieder auf die Frage zurückgeworfen: Warum lesen Menschen (diese) Blogs? Ist das nur eine Einmann-Daily-Soap? Ist das der durchschnittliche Popliterat von nebenan, der mir kostenlos jeden Tag ein paar Texte liefert? Oder konnte in der Lesung vielleicht einfach nicht das vorgeführt werden, was Blogs ausmacht?»

Baytor schwant angesichts einer Einladung zur Thüringer Blogger-Lesung Ungutes: «Des weiteren frage ich mich, ob ein Ausbruch aus dem digitalen Raum in die Wirklichkeit nötig ist. Inwiefern besteht aus welchen Gründen das Bedürfnis, eine Blogger-Lesung zu veranstalten und wer oder was qualifiziert die Vortragenden?»

Bloggern, die es für keine Lesung in die Wirklichkeit zieht, bieten sich Alternativen an: alles bleibt einfach im Internet. So hat Kid37 vom hermetischen Café das «in Vergessenheit geratene Motto Blogger lesen Blogger» wiederaufgegriffen. Er las Texte anderer Blogger, nahm sie aufund hat sie als Audiodateien ins Internet gestellt.

Das an dieser Stelle schon einmal erwähnte kollaborative Blogread macht sich dieses Motto seit geraumer Zeit zum Thema: Dort lesen Blogger favorisierte Texte aus anderen Weblogs und unterlegen sie mit frei zugänglicher Musik.


Anhang
+++ Werbung unter Bloggern: Casino vom Hotel Mama möchte um die jüngst initiierte Banner-Plattform zur Finanzierung von Weblogs lieber einen Bogen machen: «Das Parasitäre dagegen bei diesem anderen Haufen, bei denen ich die Beziehung zwischen Wirtstier und Anzeigenstall nicht wirklich durchschauen kann, (...) weil Geld und diese schräge virtuelle Blogprominenz in diesem Verbund etwas fast rührend Abzockerisches an sich haben.» +++ TV-Live-Bloggen: Sebas, Blog-Bistro und Mark von der B-Seite haben ferngesehen, u.a. Germany’s Next Topmodel, und ihre Kommentare dazu live gebloggt. Derweil tranken sie: «01:08. remark: die mutter, beate, trägt eine silberne hose und hat ähnlichkeit mit einem kirchturm.» +++ Schluss mit der Schwatzgesellschaft: Der Großbloggbaumeister ist via Google den ewig gleichen Forderungen von Politikern und Verbänden nachgegangen. +++ Mehr Rücksicht: Kid37 versteht manchmal die Welt nicht mehr und möchte nur noch schrei'n. +++ Tolles Praktikum: Eva Schulz war zwei Monate bei «jetzt.de» und hat und einen mehr als versöhnlichen Praktikumsbericht vorgelegt. +++ Green Card: Wasweissich, Gedankenträger, wird eines Tages einen langen Aufsatz über die «Homeland Security» schreiben. Einen Essay dazu hat sie bereits jetzt verfasst: «Den Text über ein Land voller Widersprüche: so prima Menschen einerseits und andererseits eine gnadenlose Bürokratie, die von nicht-so-prima Menschen betrieben wird.» +++ Pop, diese Heimat: Praschl von Sofa. Rites de Passages hat es schon lange besser gewusst: «Die Substitution von Pop durch Deutschland in Vanity Fair & mein ödes Retrorechtbehaltenhaben, immer schon, damals schon das Popsagen so unangenehm gefunden, Heimatkram, Volksmusik, Identitätsgebrülle.» +++ Korrekte Zitate: Im Sudelblog sorgt man sich um eine adäquate Einbindung Kurt Tucholskys. +++ Populäre Blogs: Das Bamblog hat die Daten der deutschen Blogcharts analysiert: «Die Weblogs, die es 2006 in die Deutschen Blogcharts geschafft hatten, (...) werden überwiegend von Männern geführt. Na, gut. +++ Webdesign von einst: Gerrit van Aaken, praegnanz.de, wünscht sich von seinen Lesern Links auf «grottige Gymnasiums-Websites, peinliche private Homepages und kuriose Kegelclub-Webpräsenzen». +++ Paare in Cafés: Ole aus Absurdistan hat Pärchen unter sich und neben anderen beobachtet: «So, jetzt kannst Du mir zeigen, dass Du ein Mann bist!» +++ Knut, der Blogger: Mike Schoor, Sichelputzer, fragt sich, warum Eisbären die besseren Blogger sind. Hier geht es zum Blog von Knut, der neuesten Kunstfigur der deutschsprachigen Blogosphäre. +++ Schuhtick: Andreaffm, Reisenotizen aus der Realität, würde niemals auf Gummi laufen und kennt einen guten, gemächlichen, aber teuren Schumacher: «Maßschuhe brauch ich nicht, ich brauch einfach nur neue Sohlen.» +++ Erinnerungen an Japan: Isabo, ... is a blog, lebte vor etwa 15 Jahren in Japan und war jüngst erneut dort: «Wir sind dann zurückgegangen nach Shibuya. Drüben, auf der anderen Straßenseite, erzähle ich dem Mann, war damals dieser kleine Rundum-Sushiladen, so halb im Keller, erinnerst Du Dich?» +++ «Oh, ist er schon tot?»: Helene, andersneu, erzählt von ungesühnten Morden im Dorf und anonymen, kryptischen Briefen: «Mit Dir machen wir es genauso wie mit den Kirschen!» +++


Für das Web ediert von Stephan Heinen