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Die Generation Walkman erinnert sich

03. Jul 10:09
Michael Jacksons Webseite bei SonyBMG
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Während Michael Jacksons Tod Online-Medien und Twitter zu Tempo-Rekorden zwang, sorgte er in den Blogs eher für Nachdenklichkeit. Außerdem: Niggemeier und der Datenschutz, Frauen in der Blogosphäre, twittern mit Flickr. Der Blogblick.

Michael Jackson ist immer noch tot, auch wenn der Twitterer @paulcarr in Anspielung auf den zweifelhaften Freispruch Jacksons in dessen Prozess wegen Kindesmissbrauchs verkündete: «Gute Neuigkeiten! Gericht in L.A. befand Michael Jackson für nicht tot.»

Welcher Mediendienst aber war am schnellsten, als es um die Verbreitung der Nachricht ging? Die recht unbekannte Klatschseite x17online.com brachte bereits 20 Minuten vor TMZ.com einen Bericht darüber, dass Jackson in ein Krankenhaus gebracht wurde. Danach folgte die Wikipedia und schließlich twitterte CNN die Meldung.

Bei seomoz lässt sich der Zeitstrahl der weiteren Verbreitung nachvollziehen. Der Schluss, den der Suchmaschinenoptimierer zieht: Google kann mit dem Echtzeit-Web nicht mehr mithalten. 3 Stunden 17 Minuten dauerte es, bis Google den Hinweis auf den Herzstillstand als automatischen Vervollständigungsvorschlag (auto completion suggestion) brachte. Nicht lang angesichts der Ewigkeit, die so ein Tod nun einmal dauert, aber eine Ewigkeit in einer schnelllebigen Zeit.

Tributesongs und «Gleichschaltung»

Einen Tributesong gibt es schon längst für Michael Jackson. Er klingt nach Nana mit einem Hauch Papa Bear und heißt «Better on the Other Side». Nun wissen wir nicht mit Sicherheit, ob es auf der anderen Seite wirklich besser ist. Kommt drauf an, sagen führende Nahtodexperten. Zu den Fragen, die einen in der Transzendenz beschäftigen, gehört vermutlich, ob die Zahl der Freunde, die man bei Facebook hat, nun steigt oder sinkt. Michael Jackson jedenfalls wird es freuen zu erfahren, dass er auf dem besten Weg ist, mehr Facebook-Freunde zu haben als Barack Obama.

Von einem Tag auf den anderen wandelte sich die Haltung der Welt zu Jackson dramatisch. Etliche Blogger werden das vergangene Wochenende genutzt haben, um ihre Archive von nun plötzlich geschmacklos wirkenden Jackson-Scherzen zu reinigen. (Nur dieses Blog ist durch den Tod Jacksons erst richtig zum Leben erwacht.)

Beim Clapclub sieht man angesichts der Nachrichtenflut zu Jackson eine «totale Gleichschaltung der Medien», wie es sie zuletzt am 11. September 2001 gegeben hätte. Dermaßen monothematisch sind die deutschen Blogs natürlich nicht.

Ruhige, persönliche Geschichten

Während Twitter regelrecht explodierte, dominierten bei den Bloggern eher die ruhigen, persönlichen Geschichten: «In der zweiten Klasse sollten wir mal ein Bild malen, welches zeigen sollte wen wir toll finden, beziehungsweise wer wir sogar selbst gern sein würden. Mit viel Fantasie konnte man in meinem krakeligen Wasserfarben-Gebilde einen dürren Mann in schwarzem Anzug mit schwarzem Hut und langen Haaren erkennen. Michael Jackson!»

«Ich fühle mich ein wenig bedrückt bei dem Gedanken an die Poster mit dem albernen weißen Handschuh und die vielen, von anderen Leuten aufgenommenen Musikkassetten in meinem urigen Universum-Walkman (mir fiel der Begriff 'Walkman' beinahe tatsächlich nicht mehr ein).»

Was die Menschen an Jacksons Tod so berührt, das können die Blogboys sagen: «Beim Tod eines Menschen – heißt es so oft schwülstig – fühlen wir uns unserer eigenen Sterblichkeit bewusst. Hier verhält es sich aber noch etwas anders. Indem wir uns daran erinnern, wie wir unsere Lebensumstände seinerzeit gestaltet haben, merken wir obendrein, wie schnell menschliche Lebenszeit vergehen kann. Ich meine: Ich und mein Walkman zu Jackos Spitzenzeiten sind über 20 Jahre her. ZWANZIG! Vanitas vanitatum. Zwei Dekaden an uns vorübergebrettert, einfach so. Andere Leute sollen in einer solchen Zeitspanne Kinder großziehen, habe ich mal gehört.»

Peter Pan mit Glitzerhandschuh

Eine andere Erklärung hat René in seinem Nachruf auf Jackson: «Hier geht es nicht darum, dass ich Jackson gut fand oder nicht. Ich mag drei oder vier seiner Songs sehr gerne, den Rest kann man vernachlässigen und ich bin mit Sicherheit kein Fan, war ich nie. Aber die Symbolkraft dieser Ikone und ihrer Verwandlung in ein surreales, bizarres beinaheliches Zwischenwesen – das alles sagt so viel aus über Pop und Popkultur, über alles, was an Pop schlecht sein kann und ist und gleichzeitig kamen grade von diesem bizarren Wesen vor seiner Verwandlung die Über-Songs 'Beat it' und 'Thriller', die alles versammeln, was an Pop gut und grell und fantastisch ist – gebündelt in einem Peter Pan mit Glitzerhandschuh, der den Moonwalk tanzt.»

Wenn wir aus der Geschichte lernen wollen, was lernen wir also aus Jacksons Tod? Bei Naturalnews.com weiß man, dass Jackson noch leben könnte, hätte er mehr Pflanzen gegessen.

A propos Pflanzenliebhaber: Auch Claudia Roth ist ein großer Michael Jackson-Fan. Politquatschplatsch gibt ein Interview von Roth, die vor Äonen Managerin der Band Ton Steine Scherben war, wieder: «Rockmusik habe ja gerade auch bei den Scherben eine 'Popanmutung' gehabt. 'Das waren ja auch Schlager, die da gemacht worden sind, Rockschlager', glaubt sich Claudia Roth zu erinnern. Jackson sei die Scherben Amerikas gewesen, der mit 'Thriller' in einer Zeit auftrat, 'in der viele Künstler, was jetzt Bühnenpräsenz zum Beispiel angeht, in leeren Klischees erstarrt sind'.»

Fundstücke

Bevor wir jetzt in leeren Klischees erstarren: Ein paar Fundstücke zum Phänomen Jackson, dem Ton Steine Scherben Amerikas, das nicht einmal Vögel unberührt ließ. Phillipinische Gefängnisinsassen verabschieden sich tanzend von Michael Jackson. Ein Mann singt Thriller auf 64 Spuren. Ein Vogel tanzt den Moonwalk. Und auf billietweets.com hat jemand die Erfolgsformel schlechthin entwickelt: Twitter plus Michael Jackson. Wer sich übrigens nicht sicher ist, ob Michael Jackson vielleicht nicht doch noch lebt, für den hat diese Seite die Antwort.


Anhang
Der Berliner Datenschutzbeauftragte droht Stefan Niggemeier mit einer Geldbuße von bis zu 50.000 Euro, sollte Niggemeier weiterhin von seinen Kommentatoren eine E-Mail-Adresse verlangen und die IP-Adressen speichern, unter denen die Kommentatoren gerade im Netz unterwegs sind. «Das zweite macht die Blog-Software Wordpress automatisch; das erste ist für mich ein etwas hilfloser Versuch, die Moderation der Kommentare zu erleichtern und die Wahrscheinlichkeit des Schlimmsten zu reduzieren.» Nicht zuletzt da Wordpress von den meisten deutschen Bloggern genutzt wird, wird dieser Fall von großer Bedeutung für das Bloggen in Deutschland werden. +++ Manniac gibt den Emo. +++ Teresa Bücker hat sich Gedanken gemacht, «warum Frauen in der Blogosphäre weniger sichtbar zu sein scheinen. Während bei Männern durchaus beobachtet werden kann, dass sie beim Bloggen gerne Punkte sammeln und Siege erringen, steht bei Bloggerinnen der Dialog, aber auch die visuelle Darstellung im Vordergrund. Neben dem fehlenden Interesse an einer Platzierung in den Blogcharts kommt hinzu, dass Frauen das große Publikum scheuen. Die weibliche Netznutzung hat eine neue Art Privatheit bewirkt, die trotz der Öffentlichkeit des Netzes den geschützten Charakter des Tagebuchs nicht verliert.» +++ Man kann jetzt mit Flickr twittern. +++ Eine der hübschesten Geschichten, die derzeit durch die Blogosphäre gehen, hat Maximilian Buddenbohm geschrieben. Sein Sohn verliert beinahe einen Luftballon, aber ein denkbar unwahrscheinlicher Retter naht. +++ Fall Sie das Bachmann-Wettlesen verpasst haben oder falls Sie es gesehen haben und dabei dachten «Das soll jetzt also Literatur sein?», dann lesen Sie, was Andrea Diener dazu geschrieben hat. «Wohlfühlvokabel reiht sich an Wohlfühlvokabel, endlos, das ganze bewährte Arsenal der Naturlyrik wird aufgefahren mit Gräsern und Wassertropfen und Himmel. Fürchterlich. Natürlich kann man Texte schreiben, die keine erkennbare Handlung haben, die nur mit Sprache arbeiten, aber, und das ist mein Mindeststandard: Dann müssen sie auch mit Sprache arbeiten. Dieser hier reiht nur fluffige Bildchen aneinander zu einem watteweichen, pastellfarbenen Etwas, das man in seiner hübschen Harmlosigkeit getrost in einem Zahnarztwartezimmer aufhängen könnte.»

Für das Web ediert von Malte Welding. Netzeitung auf Twitter.

 
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