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Altpapier vom Donnerstag

27. Mrz 2008 10:04, ergänzt 11:09
Ein 100-Meter-Lauf bleibt ein 100-Meter-Lauf, aber ein wenig denkt auch das Fernsehen über einen Olympia-Boykott nach
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Das Fernsehen denkt über einen Olympia-Boykott vielleicht nach, redet aber kaum darüber. Außerdem: ein kleiner Durchbruch fürs Internet-TV.

Kürzlich ging eine Agenturmeldung herum, wonach der Sportchef des öffentlich-rechtlichen französischen Fernsehens, Daniel Bilalian, einen Boykott der Olympia-Berichterstattung unter gewissen Bedingungen nicht ausschließt (für Frankofone: siehe z.B. 'Le Point').

Das wurde hierzulande in Sammelberichten und Randspalten vermeldet und veranlasste die 'Welt', von deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten «ähnlich klare Worte» zu fordern. Es ist jedenfalls Anlass, bei hiesigen Fernseh-Entscheidern nachzufragen. «taz» und «Tagesspiegel» haben es bereits getan.

Man scheint sich unter Sportsfreunden auf den 100-Meter-Lauf als Allegorie geeinigt zu haben. «Ein 100-Meter-Lauf ist ein 100-Meter-Lauf, und den werden wir übertragen», hörte die 'taz' von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender.
Der bekannt kritische Journalist Jens Weinreich sagte: «Es ist doch absurd, bei einem 100-Meter-Lauf über Menschenrechte reden zu wollen». Das bedeutet selbstredend nicht, dass jenseits der Sprints nicht auch über Politik berichtet werden soll: «Die Olympischen Spiele sind ein Ausdruck der Freiheit, und wenn die bedroht ist, dann muss auch über bedrohte Freiheit berichtet werden» (Brender nochmal).

Als dann der 'Tagesspiegel' beim ZDF anrief, hatte Brender eine prägnantere Aussage parat: «Über Boykott kann man nachdenken, man kündigt ihn aber nicht an».
Das überzeugt vielleicht nicht rundum(vgl. o.g. «Welt»-Kommentar: «Es gehört zur Dialektik des Boykotts, dass seine Wirkung weniger im Vollzug, sondern mehr in der Androhung liegt»). Aber zumindest Brender hielt sich dran, als der «Tsp.» nachhakte, «unter welchen Bedingungen das Nachdenken zur Tat führen könnte»: Das wollte er nicht ankündigen.

Falls es zum Olympia-Boykott durch die Öffentlich-Rechtlichen käme, würde denn dann Sat.1 wieder so beherzt einspringen wie bei der Doping-Tour? Die «taz», die ohnehin Humor bewahrt, fragte beim Privatsender nach und erfuhr: «Na, Olympia ist ja nun doch was anderes».

Nicht verschwiegen werden darf, dass bei Fragen zum Thema natürlich auch der Norddeutsche Rundfunk Auskunft gibt, der innerhalb der ARD fürs Olympia-Programm federführend ist. Er ist ohnehin eine mächtige Rundfunkanstalt, die viel unterschiedliches Programm produziert. Allerlei davon hat sich die 'Berliner Zeitung' angesehen. Im Rahmen ihrer Reihe über die wunderbare Welt der ARD-Anstalten stellt sie nun den NDR vor.

Dessen Drittes, das z.B. am späten Mittwochabend Zuschauer des Medienmagazins 'Zapp' im Anschluss immer mit einem 'Ratespiel für die ganze Familie' verblüfft, ist überregional das erfolgreichste Dritte. Und die Reichweite wird noch weiter steigen.

Denn ungefähr zum Monatswechsel werden ARD und ZDF «neben dem Ersten und Zweiten auch die Digital- und Landesprogramme sowie die Gemeinschaftssender Phoenix und der Kinderkanal» via «Zattoo» verbreiten. Was für den schweizerischen Internet-Fernseh-Dienst, der in Deutschland noch «vor der Wahrnehmungsschwelle» steht, der Durchbruch sein dürfte, wie die (mitunter unterschätzte) 'Frankfurter Rundschau' berichtet.

Und das könnte dann für das Fernsehen als Nebenbeimedium, das «Zattoo» propagiert («Mit Zattoo kannst du beim Chatten Fussball schauen, Nachrichten gucken, während du E-Mails schreibst, und dir beim Kochen die neuste Episode deiner Lieblingsserie reinziehen»), ebenfalls ein Durchbruch sein.




Altpapierkorb

«69 Jahre berichtete die deutsche Redaktion auf Kurz- und Mittelwelle über Schwedens Kultur, Politik und Gesellschaft... . Doch nun ist Schluss. Am 28. März wird die Sendung letztmals ausgestrahlt»: Die «SZ» (S. 15) verabschiedet das deutsche Programm von «Radio Schweden», das einst vor allem in der DDR beliebt war. «Für Radio Schweden war der Kalte Krieg die Blütezeit», sagt die stellvertretende Redaktionschefin Gundula Adolfsson. Immerhin wird SR International «jedoch auch künftig von Montag bis Freitag einen deutschen Sprachdienst in Form von Nachrichten im Internet und als Podcast aufrechterhalten». +++ Der neue Sprecher des Presserats, also Nachfolger Fried von Bismarcks, heißt Manfred Protze und gab der 'Rundschau' ein Interview: «Das Internet ist aber zweifellos eine völlig neue Plattform jenseits unseres klassischen Presse- und Rundfunkbegriffs. Dennoch wird der Presserat die selben Regeln, die in seinem Kodex verankert sind, auch für das Netz anwenden. Es macht ja keinen Sinn, für das Netz andere ethische Regeln aufzustellen...» +++ Ab heute neu im NDR-Fernsehen, und bald im WDR: der «Kriminalreport». Die 'Berliner' staunt über «Tipps von verblüffender Einfachheit» etwa gegen die Senioren-bedrohende «Kaffeefahrten-Mafia». «Sicherheit durch Kompetenz und Selbstbewusstsein ist das Motto ...- wohltuend seriös vermittelt in einer in Sachen Verbrechensberichterstattung zur Hysterie neigenden Medienöffentlichkeit», lobt die «SZ» (S. 15). +++ Gehört überhaupt nicht hierher, fasziniert aber vor dem Hintergrund der wunderbaren Welt der ARD-Anstalten: «Jeder zweite Eiersalat ist schlecht bekömmlich», meldet frisch der WDR. +++ Um dem WDR kein Unrecht zu tun: In dessen Drittem beantworten heute um 23.30 Uhr fünf junge Filmemacher die Frage «Woran orientieren wir uns im 21. Jahrhundert?», und zwar mit dem Episodenfilm «Code 21». Zwar sei der Anfang «schwer erträglich. Aber Durchhalten lohnt sich unbedingt» («FAZ», S. 44). +++ Ebd. berichtet Harald Keller zur Fernsehmesse Miptv, dass deutschen Anbietern von TV-Formaten inzwischen der Formatschutz, also der Schutz ihrer eigenen Formate, wichtig ist. +++ Erfolg für Peter Limbourgs Sat.1-Nachrichten: Am Ostermontag, «von der Klamaukserie 'Hausmeister Krause' zum Klamaukspielfilm 'Siegfried' verloren die dazwischen eingebetteten Nachrichten kaum Zuschauer». Weil Limbourg Nachrichten moderiert, «wie sie Fans von Tom Gerhardt verstehen. Was nicht nur Schmähung ist» (Dietrich Leder, 'Freitag'). +++ Die Gebrüder Gottschalk stecken in derselben Falle, die das ganze ZDF «gefangen hält: Wechselt man das Konzept, springen die Älteren ab, ohne dass Jüngere nachkämen» (Jan Freitag im «Lagebericht» zu «Wetten, dass ...?», 'KStA'). Vgl. auch «Thomas Gottschalk ist endlich» ('stern.de'). +++ Wieder da: der «kuriose Selfmade-Guru» Thomas Hornauer betreibt seinen neuen Kanal «Telemedial» mit österreichischer Genehmigung. Allerdings reichten die Einnahmen «längst nicht aus, deshalb besteht das Programm in letzter Zeit hauptsächlich aus dringlichen Aufrufen, doch bitte endlich den 'Energieausgleich' zu leisten». Wobei es sich um Spenden von 50 Euro pro Monat heißt. Die «SZ» informiert (S. 15) und empfiehlt, bei Youtube nach «Telemedial» zu suchen. +++ Frauen «bloggen in erster Linie, um ihre Gedanken für sich festzuhalten und sie mit anderen zu teilen. Männer hingegen wollen häufig ihr Wissen mit anderen teilen und bloggen deshalb über Themen, die für eine größere Masse relevant sind»: Materialen für eine Gendertheorie des Blogs liefert der 'Tagesspiegel' qua Interview mit Medienwissenschaftler Jan Schmidt. +++ «So ist die Mentalität in Deutschland: Wenn etwas erfolgreich ist, dann hängt man sich da dran, anstelle dass man etwas Eigenes macht... Es ist unglaublich schwer mutig zu sein, wenn das Geld fehlt... Provokation funktioniert in Deutschland sowieso nicht richtig.» Endemol Deutschland-Chef Borris Brandt scheint etwas an Deutschland zu verzweifeln ('Welt Online'). +++ «Sage niemand, es sei die Technik, die uns zu Sklaven macht. Es sind noch immer die alten Ausbeutungsverhältnisse, die uns gängeln...» (Klaus Kreimeier, 'FR', zur Netzeitung und zu Vorkommnissen in Großbritannien). +++ Am Mittwoch war Patti Smith für einen Tag Chefredakteurin der französischen «Libération». Als sie sagte, «ws sei ein böser Trick Gottes gewesen, ... ihr so viel Liebe zur französischen Kultur geschenkt zu haben, nicht aber die Gabe, die Sprache zu lernen. Da habe die Konferenz applaudiert. Zum allerersten Mal» («FAZ»).

Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Freitag gegen 10.00 Uhr.

 
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