12.03.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Er hat WDR und "WAZ" erst zusammengebracht: NRW-Ministerpräsident Rüttgers
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Im Bett mit dem WDR: Die «WAZ» ist jetzt drin, und der Streit darüber geht los. Warum gestatten ARD und ZDF nicht Hypersyndizierung à la Youtube?
Gestern in Düsseldorf hat
«die Zukunft ... begonnen» ('WAZ'): «Wer das WAZ-Internet-Portal 'Der Westen' anklickt, erhält künftig noch attraktivere Inhalte», nämlich Fernsehbeiträge des WDR. Das heißt: Der öffentlich-rechtliche Sender stellt dem Internetangebot des Zeitungskonzerns «WAZ»
«gegen Entgelt Beiträge aus seinen aktuellen Regionalmagazinen zur Verfügung. Dabei handelt es sich um Berichte, die vom Sender im Rahmen der Regionalberichterstattung ausgestrahlt wurden und die auch im Onlineangebot 'WDR Mediathek regional' zu sehen sind» (WDR).Schon weil mit der Kooperation «ein
Rubikon in der Medienpolitik überschritten» sein könnte
('FR'), wird von der Pressekonferenz in der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei viel berichtet.
Gastgeber war Ministerpräsident
Jürgen Rüttgers als «stolzer Trauzeuge der Mischehe» («SZ», 15), als «eine Art
Heiratsvermittler» ('taz'), «als Anreger eines Versöhnungswerks»
('Tagesspiegel'), schlicht «Schirmherr»
('Handelsblatt') oder aber als Stifter «höchster Weihen» für einen
«Angriff auf die Meinungsvielfalt und den fairen Wettbewerb» (Privatsender-Verband
VPRT). Wichtig für den WDR: Die Beiträge laufen «werbefrei in einem eigenen Fenster und sind mit WDR-Logo gekennzeichnet» («taz»). Da zur
Logo-Logik von «derwesten.de» gehört, dass dort ohnehin überall
die Logos der Konzernzeitungen («WAZ», «NRZ», «WR», «WP», «IKZ») auftauchen, halten jüngere Nutzer vielleicht bald auch den WDR für einen Teil der «WAZ»-Markenfamilie
Wichtig für alle anderen und frappierendster Widerspruch der bisher verkündeten Details ist das mit dem Geld.
«Tagesspiegel»: «Die Lizensierung der Beiträge für die WAZ erfolgt zu 'marktüblichen Preisen' durch die WDR-Tochter WDR Mediagroup. Summen wurden bei der Pressekonferenz nicht genannt».
Allerdings wurde offenbar eine
Faustregel genannt: «Angeblich ist der Preis für einen WDR-Beitrag doppelt so hoch wie für einen Beitrag, den ein Privatanbieter liefert»
('Berliner') oder zumindest «fast doppelt so hoch»
('ftd.de'), wobei WDR-Intendantin
Monika Piel großherzig zugesagt haben soll, die Preise seien «auch wiederum nicht so, dass die Gebühren kleinere Verlage in den Ruin treiben würden».
Der marktübliche Preis, den der WDR der «WAZ» in Rechnung stellt, liegt also rund doppelt so hoch so wie die aktuellen Marktpreise. Klingt unplausibel, mag aber damit zusammenhängen, dass der Markt, auf dem durch GEZ-Gebühren finanziertes Fernsehen an privatwirtschaftliche Medien weiterverkauft wird, bisher sowieso noch kaum existiert.
Während ebenfalls vereinbarte gemeinsame Projekte zur Werbeakquisition und -vermarktung noch wachsende Beachtung finden dürften, wirft die «taz» gemeinsam mit Martin Stadelmaier, Leiter nicht der nordrhein-westfälischen, sondern der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, gleich noch ein spannend-strittiges Thema auf:
«Hier muss die Frage nach der Vermachtung gestellt werden». Statt «Monopolstrukturen Vorschub» zu leisten, sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk lieber die «publizistische Konkurrenz beleben».
Wobei andererseits die publizistische Konkurrenz natürlich auch gern mit dem WDR oder anderen gebührenstarken Rundfunkanstalten ins Bett steigen würde. Vielleicht hängt damit zusammen, dass
'Kölner Stadtanzeiger' und
'FAZ', deren Medienressorts sonst durchaus zu Meinungsfreude neigen, heute eher mit Protokollen der Veranstaltung in der Staatskanzlei verblüffen.
Der «Spiegel»-Verlag wiederum zählt zu denen, die schon jetzt selbst Bewegtbilder fürs Internet produzieren und diese sicher auch gern verkaufen. Kein Wunder also, dass
'Spiegel Online' einen Experten gebeten hat, mal ein paar Gründe gegen die WDR/ «WAZ»-Koop zu finden.
Robin Meyer-Lucht befürchtet u.a. forcierte «Selbstkommerzialisierung öffentlich-rechtlicher Inhalte» und fordert stattdessen «Hypersyndizierung für alle...: Jeder sollte die öffentlich-rechtlichen Inhalte nach bestimmten Regeln in seine Website einbinden können, wie von YouTube bekannt».
AltpapierkorbImmer ein Ohr an den offiziellen und inoffiziellen Runden, in denen sich die ARD-Intendanten austauschen, hat Rainer Braun. Noch schneller als erwartet haben sie beschlossen,
berichtet er heute im
'Kölner Stadtanzeiger', weiterhin die
Tour de France live zu übertragen. Schon weil sie «Quoten-Garant bleiben dürfte und nun zum Schnäppchen-Preis zu haben ist». Hingegen sei noch längst nicht ausgemacht, dass
Helmut Reitze als nächster den ARD-Vorsitz führt. Dafür agiere der HR-Intendant in der Diskussion über den Ex-HR-Sportchef
Jürgen Emig zu
«suboptimal». +++ Von der Tour sei geplant, «täglich von 14 bis 18 Uhr live zu berichten bei spektakulären Bergetappen könne die Übertragung vorverlegt werden»
('Tsp.'). +++ «Die
Verwirrung ist perfekt»:
'taz' über das jüngste Einschreiten des Bundeskartellamts beim Fernseh-Fußball. Außerdem ähnele die Situation in der ARD «fatal der der Liga: Zwar gibt es auch in der ARD ein paar Reiche, die für die 'Sportschau' noch mal tiefer in die Tasche greifen würden, wenn es bei sechs Samstagsspielen und dem Sendeplatz um 18.30 Uhr bliebe. Um aber so einen Zentraleinkauf durchzusetzen, müssen auch die kleinen Anstalten mitbezahlen. Doch die sind finanziell klamm und haben unmissverständlich klar gemacht, dass Fußball um jeden Preis mit ihnen nicht zu haben ist». +++ Die Verwirrung, ob sich die Bundesligavereine beim Beantworten der vom Kartellamt verschickten Fragen untereinander
helfen dürften, beantwortet die «SZ»-Medienseite. «Das wäre schade, verboten ist es nicht», so eine Sprecherin des Amts. +++
Hans Mahr, einst Informationsdirektor bei RTL, jetzt Berater von RTL,
glaubt ja, «dass es neben dem Fußball wirklich nur
eine andere Fernsehsportart gibt, und das ist die Formel 1» («Tsp.»). +++
Rolf Seelheim, Chefredakteur der Oldenburger «Nordwest-Zeitung»,
in der 'Rundschau' zum Thema Deutscher Presserat: «Es wird nicht differenziert zwischen möglichen Verstößen gegen das Trennungsgebot sowie bezahlter Schleichwerbung. Wer Veröffentlichungen aus kommerziellen Interessen Dritter akzeptiert, hat in Zeitungsredaktionen nichts zu suchen». Ihm sei aber
«kein Fall dieser Art aus Redaktionen nationaler oder regionaler deutscher Zeitungen in den letzten Jahren bekannt, wohl aber bei den öffentlich-rechtlichen Medien». +++ Wen er damit meinen könnte: z.B.
Sabine Christiansen. Es «müssten wohl, sollte sich
herausstellen, dass der Vertrag der Moderatorin mit Daimler womöglich doch schon auf April 2007 datiert ist, die Folgen ihrer bis Juni vergangenen Jahres ausgestrahlten Talkshow ... auf die Präsenz von Daimler-Repräsentanten überprüft werden. Eine solche Prüfung hat es nach Angaben eines NDR-Sprechers bisher nicht gegeben». Das berichtet
'Welt Online' in der Nachhut der Berichte von
gestern und
vorgestern. +++ Im jüngsten Stuttgart-«Tatort» «scheint ein
bisschen viel Sponsoring im Hintergrund gewesen zu sein», erkannte Baden-Württembergs Ministerpräsident
Günther Oettinger laut
'taz' und hatte ebenfalls die Daimler AG im Sinn. +++ Ein Jahr «Comedy Central» in Deutschland. Gemessen an der Erwartung eines Programms, «das sich traut, all das zu zeigen, was bei den großen Sendern keinen Platz findet, weil es zu frech, zu speziell, einfach zu wenig massentauglich ist», «eine
Riesenenttäuschung». Gemessen an den «0,5 Prozent Marktanteil bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren», die die Sender inzwischen hat, bloß «ein bisschen enttäuschend» («FAZ», S. 38). +++
Rupert Murdoch «will Deutschland mit noch mehr Fernsehen
beglücken» und hat eine Lizenz für den «Fox Channel» beantragt
('taz'). +++ Warum US-Medien immer wieder auf die solche nur
angeblich «wahre» Geschichten hereinfallen wie jüngst bei
Margaret B. Jones, untersucht
Thomas Schuler in der
'SZ'. +++ Ebd. S. 15: «Tschetscheniens staatstreue Journalisten haben mit einem
Massenauszug aus dem russischen Journalistenverband gedroht, weil dieser den tschetschenischen Präsidenten
Ramsan Kadyrow nicht aufnehmen will». Sie beklagen «respektlosen» Umgang mit dem Mann, der anderen allerdings «als einer der brutalsten Statthalter Russlands im Kaukasus» gilt. +++ Unterdessen bemüht hat die Europäische Kommission ein «Konsultationsverfahren zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks» eingeleitet. Die Fraktionen von SPD, CDU/CSU und Bündnis 90/ Die Grünen kritisieren das in einem gemeinsamen Positionspapier («FAZ», S. 38).
Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Donnerstag gegen 10.00 Uhr.