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Lupe Altpapier vom Donnerstag

Wenn man sich «tagesschau.de» ausdruckt, schadet das den Zeitschriften. Außerdem: die «Lead»-Zeitschrift des Jahres, Mobbing und Kreuzworträtsel online.

Veranstaltungen gestern abend I: In Hamburg wurden die 'Lead Awards' vergeben, so etwas wie die 'Oscars' oder zumindest der nationale Eurovision Song Contest der Zeitschriftenbranche.

Das «Lead-Magazin des Jahres» heißt '032c'. Der 'Tagesspiegel' stellt es und seinen Macher Jörg Koch, in dessen Wohnung in der Anklamer Straße in Berlin-Mitte sich derzeit noch der Redaktionssitz befindet, vor.
Das Heft sei «für schnelles Durchblättern nicht geeignet. Es besteht dringende Gefahr, dass man die Zeitschrift, gewöhnt an Häppchenblättchen wie 'Vanity Fair', 'Max' oder 'In Touch', schnell entmutigt aus der Hand legt».

Ursprünglich sollte das ein Internetprojekt werden, doch dann erkannte Koch: «Um ein starkes Image zu schaffen, kommt man um Print nicht herum».

Das hätte man gestern abend in Berlin gern gehört.

Veranstaltungen gestern abend II: Bei einer Podiumsdiskussion im «Haus der Presse» ging es ums Thema «Communities, Mediatheken, Online-Presse – Wo ist die Grenze für ARD und ZDF?».

Zeitschriftenverleger-Verbands-Geschäftsführer Wolfgang Fürstner hatte sich zu diesem Anlass mal «Spiegel Online» und «tagesschau.de» auf einem Farbdrucker ausgedruckt, um die Verleger-These zu illustrieren, dass die Textseiten von ARD und ZDF im Internet, «digitale Zeitschriften», den Verlegern das Geschäft zerstören. «tagesschau.de» sei in der Druckfassung fast doppelt so dick wie «Spiegel Online», so Fürstner. Der Print-«Spiegel» wiederum zählt aktuell 206 Seiten. Früher, als es das Internet noch nicht oder kaum gab, hätten «Spiegel»-Hefte 300 bis 400 Seiten gehabt. So also macht Online die Presse kaputt. Naja.

Immerhin durfte «SpOn» gestern bereits die auf der gleichen Veranstaltung vorgestellte Studie «Legitimation und Limitierung von Textdiensten des öffentlich-rech­tlichen Rundfunks» des Ros­tocker Professors Hubertus Gersdorf vorab vorstellen:

«Starker Tobak, der den Öffentlich-Rechtlichen kaum schmecken wird: Die Vorstellung des Rechtsgutachtens am Mittwochabend dürfte in den kommenden Tagen für hitzige Debatten sorgen», meinte da Frank Patalong.

Die Diskussion am Mittwoch war gewiss nicht unhitzig, bestand allerdings im gewohnten Austausch weithin bekannter Argumente auf sehr unterschiedlichen Themenfeldern. Die arg rückwärtsgewandte Argumentation, ausgerechnet bei Textdiensten im bewegten World Wide Web eine Konkurrenzsituation deutscher Papier-Verleger und deutscher Rundfunkanstalten herbeizustilisieren, hat sich hoffentlich bald erledigt.

Zukunftsweisende Gefahren, Risiken und Chancen, die das Internet jetzt schon birgt, werden auch heute wieder in der gedruckten Presse (und teilweise frei online) beschrieben.
Z.B. berichtet Eva Schweitzer in der 'Berliner Zeitung': «Nach Diffamierung im Web: Manager bringt sich um».

«FAZ»: «Diese Dokumente bergen Sprengstoff»/ «Eine Million geheime Papiere findet man auf der Internetseite 'Wikileaks'. Besonders viele handeln von der Schweizer Bank Julius Bär, von Geldwäsche auf den Cayman-Inseln und einem Bankier, dessen Familie verfolgt wird».
Spannende Story, zumal in Zeiten, in denen viel von Dokumenten aus Liechtenstein die Rede ist. Thomas Thiel «bleiben grundsätzliche Zweifel an dem Prinzip von Wikileaks, anonym Dokumente ins Internet zu stellen und die Frage nach ihrer Authentizität dem vielzitierten 'Wissen der vielen' zu überlassen». Das steht auf der Medienseite 42, derzeit nicht frei online.

Und unter der sexy Überschrift «237 Gründe, Sex zu haben», berichtet «zeit.de»-Redakteur Karsten Polke-Majewski im Feuilleton (S. 41) der Papier-«Zeit» über zugriffsökonomische Mechanismen im Online-Journalismus. Er beginnt damit, dass man neuerdings die Kreuzworträtsel aus der Papier-«Zeit» auch online lösen kann:

«Ein Dienst am Leer. Aber auch ein Glücksfall für Quotenmesser, der bares Geld wert ist. Denn jedes Wort, das ein Leser im Onlinerätsel einträgt, produziert, technisch gesehen, einen neuen Seitenaufruf, einen Klick. ... 46 Rätselfragen sind also 46 Klicks - mindestens, denn wer weiß schon immer die richtige Antwort. Wer dagegen online einen Artikel liest, hinterlässt lediglich einen Klick, bei längeren Texten drei bis vier, weil sie in Seiten aufgeteilt werden» [bei «zeit.de», anderswo, etwa in der Netzeitung ist das nicht üblich]. «Was also ist mehr wert: Kreuzworträtsel oder Kommentar?»


Altpapierkorb
Auch an diesem Donnerstag gibt es natürlich Berichte über den gerade mutmaßlich größten Krisenherd der deutschen Druckzeitungen: die «Berliner Zeitung» (auf deren Medienseite Rätselfreunde übrigens täglich eine attraktive Sudoku-Ecke vorfinden). Der gut informierte Artikel von Thomas E. Schmidt in der «Zeit» (S. 47) endet mit den Worten: «Außer Montgomery und Depenbrock sind alle Beteiligten im Moment sehr pessimistisch». «Vielleicht verliert Montgomery einfach die Lust. Gute Rendite lässt sich in anderen Branchen auch machen», meint der Erfurter Professor Gert G. Wagner, was aber keine Lösung sei: «Die Probleme von Qualitätszeitungen in der Konkurrenz mit dem Internet werden dadurch aber nicht verschwinden», und das «Modell der Selbstausbeutung» wie bei der «taz» oder beim 'Freitag' (in dem Wagner das schreibt) sei auch nicht übertragbar. +++ Montgomery selbst wiederum soll schon «ein wenig verwundert ...schon gewesen sein», als er vom Redaktionsausschuss der «Berliner» hörte, «dass auf einem Großteil der Redaktionscomputer wegen veralteter Browser weder YouTube noch Myspace aufzurufen sind» ('kress.de'). +++ Der nationale Eurovision Song Contest läuft heut abend im ARD-Programm. Jan Feddersen('taz') bescheinigt dem zuständigen NDR «glückliches Casting für seine Show», glaubt aber doch, dass der Fußball der Gewinner sein wird. +++ Das deutsche Privatfensehen gedeiht. Nicht nur auf den großen Kanälen (vgl. «taz» über Peter Zwegat), auch auf den kleinen. Ebenfalls die «taz» gratuliert RTL 2 zum 15. Geburtstag. Der Sender habe «dazu beigetragen, das Fernsehverhalten zu verändern: hin zur DVD-Box» (nämlich als er «24» ausstrahlte) und «neue Standards darin, was man senden kann», gesetzt: «Voyeurismus-TV ist seitdem wohnzimmerfähig geworden, und 'Big Brother 8' kann heute weitgehend unbehelligt im Vorabendprogramm vor sich hin dümpeln - es gibt mittlerweile Schlimmeres». +++ Nur Jörg Thomann ('FAZ') hat mitbekommen, dass inzwischen die jüngste Show mit Jürgen von der Lippe, dem Grimmepreisträger 2007, startete. «Seine Sendungen werden immer kleiner», und die Sender auch. Während «Frei von der Lippe» im Dritten des MDR läuft, wird «Frag den Lippe» auf «Comedy Central» gezeigt. +++ «Kabel 1» zeigt ab heute von Langeoog aus die Abnehmshow «Jedes Kilo zählt!». «SZ» dazu: «Auf der Suche nach anderem, neuen Personal, das sich bei Verrichtungen des Alltags zusehen lässt, werden die Produktionsteams in letzter Zeit auffällig oft hoch im Norden fündig, in Ostfriesland zum Beispiel, wo zu Jahresbeginn schon der sogenannte 'XXL-Ostfriese' Tamme Hanken in einer Dokureihe dem NDR-Publikum vorgestellt wurde». +++ Ebd.: Natalja Morar, Journalistin der russischen Zeitschrift «The New Times» mit moldawischer Staatsbürgerschaft, die auch als Frau eines Russen nicht mehr nach Russland einreisen darf, will nun beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die russische Regierung klagen. +++ «FAZ»: Die «Neue Zürcher Zeitung» hat zwecks «Strategiecheck» den deutschen Unternehmensberater Roland Berger angeheuert. +++ 'ftd.de' (gehört zu Bertelsmann): «RTL beglückt Bertelsmann». «FAZ»-Wirtschaft (S. 15): «Bertelsmann melkt RTL/ Hohe Sonderdividende trotz gefallener Gewinne». +++ 'Hamburger Abendblatt' (gehört zu Springer): «Der Kundenbindungs-Index der Axel Springer AG ist innerhalb nur eines Jahres um zwei Indexpunkte von 66 auf 68 gestiegen. Das ist das Ergebnis einer Folge-Erhebung, die Axel Springer bei dem Institut TNS-Infratest in Auftrag gegeben hat... ... 'Zu dem Ergebnis, in so kurzer Zeit einen solch beachtlichen Fortschritt zu erzielen, gratuliere ich herzlich', so Joachim Scharioth, Entwickler der Kundenbindungsmessung von TNS Infratest». +++ Die 'FR' berichtet nun auch von der Tutzinger «Fernsehen macht Geschichte»-Tagung. +++ Immer ulkigere Magazine holt sich Christoph Twickel für seine 14-tägliche «FR»-Kolumne «Am Kiosk». Heute: das «Manager Magazin». +++ «Ich bin gefragt worden, als ich gerade auf dem 'Traumschiff' irgendwo vor der Küste von Peru war, und ich fand das Angebot eigentlich ganz lustig»
(Walter Kreye, ab morgen der neue «Alte»-Darsteller im ZDF, auf die Frage, wie er denn zu der Rolle gekommen ist).

Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Freitag gegen 10.00 Uhr.


Für das Web ediert von Christian Bartels